Evangelisch-Lutherische Jesus-Christus-Kirche Germering

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Aktuelle Predigt:

Was würde Jesus heute tun?

Wie reist man heute? Mit dem Auto! Wo geht man hin, wenn die Hotels ausgebucht oder zu teuer sind? In eine Jugendherberge. Wohin wird eine Frau gebracht, die ein Kind bekommt? Ins Krankenhaus. Wer ist nachts noch wach und im Freien, wenn alle anderen schlafen? Die Stricher hinterm Hauptbahnhof.

Stellen Sie sich also vor, eine Vierzehnjährige ist ungewollt schwanger geworden. Sie reist mit ihrem Freund, der nicht der Vater des Kindes ist, in einem alten Fiat Panda nach München, übernachtet in der Jugendherberge und wird gegen Morgen zur Entbindung ins Rechts der Isar gebracht. Kaum ist das Kind geboren, erscheinen einige osteuropäisch aussehenden Typen aus der Gay-Szene, und erzählen der erschöpften Mutter, eine Stimme hätte ihnen mitgeteilt, dieses Kind sei ein besonderes Kind. Und ehe die junge Frau so recht weiß, was da passiert, fangen die unheimlichen Kerle an, im Krankenhaus zu lobpreisen und vor Freude herumzutanzen. Seltsam. Als die schockierte Nachtschwester die Polizei holt, verschwinden die Männer. Das Kind wächst heran, wohnt im Hasenbergl, studiert Informatik und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben. Und eines Tages, er ist knapp dreißig, behauptet der Kerl plötzlich, er sei der Sohn Gottes.

Bevor ich frage, was Jesus heute tun würde, interessiert mich doch, was Sie tun würden, wenn so etwas geschähe? Würden Sie wirklich glauben, dass ein Informatiker aus ärmlichen Verhältnissen der Sohn Gottes ist? Würden Sie, wenn Sie so etwas in der Zeitung lesen, auch nur eine Minute ernstnehmen? Und wenn Sie ihm begegnen würden, würden Sie einem solchen Typen überhaupt zuhören? Die meisten Menschen, mich eingeschlossen, würden sagen: Der hat einen Knall. Und genau das haben die meisten Leute damals auch gedacht. Denn das war vor zweitausend Jahren nicht weniger skandalös, als es heute wäre. Ich bin sicher: Keiner in diesem Saal würde den Mann ernstnehmen, und keiner würde zu ihm gehen.

Was würde so einer in diesem Fall tun? Selbst konservative Theologen sagen heute, dass Jesus seine Wunder vor allem getan hat, um die Menschen anzulocken. Wunder sind damals wie heute eine Bomben-Werbung. Dabei wäre es heute bei all den David Copperfields gar nicht mehr so leicht, die Menschen zu beeindrucken. Was würde Jesus heute tun, um Menschen auf sich aufmerksam zu machen? Nun: Wenn Sie morgens aufwachen und im Olympiaturm ein Knoten ist, wenn alle Kinder der Kinderkrebsstation in der Uniklinik plötzlich gesund werden, wenn Jesus über die Isar läuft, wenn Hertha BSC gegen Bayern München vierzehn zu Null gewinnt, dann wissen Sie: Hier ist gerade ein Wunder geschehen. Jesus würde auch heute durch Wunder bekannt. Einige davon, um Menschen zu helfen, andere, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aber konkret: Was würde Jesus heute tun? Ich bin zwar weder Hellseher noch Prophet, aber ich bin sicher, dass Jesus im Prinzip genau das Gleiche tun würde wie damals. Nur müssen wir fragen, was das im 21. Jahrhundert heißt. Ich werde einfach versuchen, mal einige Aspekte deutlich zu machen.

1. Jesus würde heute wie damals viele Menschen enttäuschen. Damals haben große Interessensgruppen auf das Kommen eines Messias gewartet, und sie waren stinksauer, weil Jesus sich nicht vor ihren Karren spannen lassen wollte. Auch heute wünschen sich viele Menschen, dass einer kommt, der alle Probleme der Welt mit einem Schlag löst. Dass er die Welt heilt. Aber Jesus würde das nicht tun. Jesus wäre kein Politiker, kein Sozialreformer, weder ein Atomkraftgegner noch ein Demonstrant für Bildungsgerechtigkeit, kein Globalisierungsgegner und kein Umweltaktivist. Er würde sich wie damals aus all dem heraushalten. Warum? Weil er kein Weltverbesserer, sondern ein Menschenverbesserer ist. Jesus wollte nicht die Welt verändern, sondern die Menschen. Denn er wußte, dass sich erst und nur dadurch auch die Lebensverhältnisse verbessern lassen. Karl Marx hat gesagt: „Verändere die Gesellschaft, und du veränderst die Menschen.” Jesus will genau das Gegenteil. Er ist überzeugt: “Verändere die Menschen, und du veränderst die Gesellschaft.” Auf die Frage des Johannes antwortet er nicht mit einem theologischen Programm. Sondern er verweist auf die vielen Menschen, die durch ihn verändert wurden: Lahme gehen wieder, Blinde sehen, Schwerkranke werden geheilt und Unglückliche getröstet.

Wenn die Menschen die gleichen bleiben, helfen äußere Programme nicht, aber veränderte Menschen verändern die Welt. Und damit hat Jesus recht behalten. Niemals vorher und niemals nachher hat eine Idee so sehr und so schnell das Gesicht der Welt verändert. Innerhalb von 300 Jahren, zwischen dem Jahr 30 und dem Jahr 330, haben veränderte Menschen ganz Europa umgekrempelt: politisch, kulturell, sozial, ethisch und natürlich geistlich. Jahrtausende alte Werte, Kulte, Bräuche und Ideale wurden nach und nach vom Christentum abgelöst. Es ist unglaublich. Das hätte niemand mit äußerlichen Programmen bewerkstelligt. Also Punkt 1: Jesus würde auch heute versuchen, Menschen zu verändern!

2. In der Bergpredigt und an einigen anderen Stellen verkündigt Jesus viele herausfordernde Werte. Aber sein markantestes Kennzeichen sind nicht die Lehrsätze, sondern sein Auf-die-Menschen-Zugehen. Jesus behandelt jeden individuell. Und das würde er heute wieder tun. Wichtiger als allgemeingültige Leitsätze wäre ihm auch heute der persönliche Kontakt zu einzelnen. Jesus sagt gerade nicht: “Das musst du glauben!” sondern er hört sich die unterschiedlichen Lebensgeschichten der Menschen an und reagiert darauf. Auf die Ehebrecherin anders als auf den Fischer, den Pharisäer oder den reichen Snob. Er ist ein Menschenfreund im wahrsten Sinne des Wortes. Und so unterschiedlich wie die Menschen sind auch seine Ermutigungen: “Du sollst Menschenfischer werden. Du musst wiedergeboren werden. Du sollst hinfort nicht mehr sündigen. Du brauchst lebendiges Wasser. Du, hab mich lieb.” Jesus verkündigt keine Patentrezepte, er schaut, was die Personen brauchen. In der Kirchengeschichte ist es immer dann schiefgegangen, wenn man versucht hat, ein Wort, das Jesus in einem speziellen Fall gesagt hat, zu verallgemeinern: Alle müssen wiedergeboren werden, alle brauchen lebendiges Wasser, alle sollen nicht mehr sündigen. Glaube ist etwas Privates. Er braucht Gemeinschaft, aber der Beginn ist eine individuelle Begegnung mit Jesus. Die Kirche sollte der Zusammenschluss derer sein, die Erfahrungen mit Jesus machen. Und darum gilt: In der Kirche als Institution werden Sie das Heil nicht finden! Vielleicht kann Ihnen die Kirche helfen, Jesus zu begegnen, aber wenn das nicht passiert, bleibt alles leer. Punkt 2: Jesus würde auch heute versuchen, den Menschen individuell zu begegnen.

3. Jesus würde auch heute das, was wir denken, auf den Kopf stellen. Warum? Weil er immer noch ein Ideal predigen würde, das uns krass zuwider ist. Das unserem natürlichen Empfinden völlig gegen den Strich geht. „Liebe deine Feinde! Diene den anderen! Nimm dich nicht so wichtig! Stelle Gott in den Mittelpunkt!” Das ist eine Zumutung. Die, die mich hassen, soll ich lieben. Das ist unglaublich - aber auch unglaublich weise. Und wer es einmal ausprobiert hat, der tritt wie in eine neue Welt ein. Der merkt, dass sein Hass vor allem ihm selbst geschadet hat, dass er jemanden, den er liebt, nicht verletzen möchte, und dass erst aus dieser Liebe eine Lösung des Streits wachsen kann. Die Botschaft Jesu lautet: Alles, was ich dir sage, wird dich zu einem Sieger machen. Mit mir gewinnst du, aber nicht so, wie die Welt gewinnt. Du wirst vielleicht nicht reich, aber du wirst reich beschenkt sein, du wirst vielleicht nicht mächtig, aber du wirst mächtig stolz auf diesen Gott sein, du wirst vielleicht nicht über allem stehen, aber du wirst dich über alles geliebt wissen. Und das ist das wahre Glück. Punkt 3: Jesus würde auch heute das Denken der Menschen auf den Kopf stellen.

Und schließlich 4.: Jesus würde, heute wie damals, die Menschen mit Gott konfrontieren. Das war damals seine einzige Aufgabe, und ist sie heute auch. Den Menschen zu sagen: Du, schau mal, Gott ist da, du stehst vor ihm. Was machst du jetzt? Und da gibt es natürlich solche, die das nicht aushalten, und solche, die sich drauf einlassen und ihr Leben neu orientieren. Jesus würde sich nicht mit Oberflächlichem zufrieden geben. Auch nicht mit Äußerlichkeiten. Sondern er würde die elementarste Frage stellen, und zwar jedem, dem er begegnet: Worauf gründest du dein Leben? Akzeptierst du, dass du vor Gott stehst, dass alles von ihm kommt und alles zu ihm hinführt? Das ist seine Frage. Und wenn du „ja“ sagst: Ja, ich stelle mich diesem Gott, dann musst du zwei Dinge von diesem Gott wissen: Er liebt dich und er braucht dich. Das heißt er gibt dir etwas, und er will etwas von dir haben. Zuspruch und Anspruch. Der Zuspruch ist: Gott schenkt dir seine Liebe, die dich weit über alles hebt, was dir hier auf Erden so Mühe macht. Du brauchst weder nach Geboten, Karriere, weder nach Anerkennung noch nach Sicherheit zu gieren, wenn du Gottes Liebe kennst. Du bist frei, weil du nicht tiefer fallen kannst als in Gottes Hand. Und die ist stark und warm.

Auf der anderen Seite will Gott aber auch etwas von uns. Liebe funktioniert nicht, wenn sie nur von einer Seite kommt. Liebe funktioniert niemals, wenn sie nur von einer Seite kommt. Das heißt, die liebende Folge der Liebe Gottes zu uns ist, dass wir ihn auch lieben. Wenn wir das nicht tun – und das ist ja mal echt schwer, jemanden zu lieben, den man nicht sehen kann – dann dürften wir fairerweise auch seine Liebe nicht in Anspruch nehmen. Wir können nicht unentwegt nehmen ohne zu geben. Ein wenig mehr Gegenliebe also, ein wenig mehr Leidenschaft im Glauben wäre bei uns lauen Christen angebracht. Darum sagt Jesus ja auch bei der Frage, was Gott sich am meisten von uns wünscht: Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deiner Kraft, weil er weiß, dass es da bei uns am meisten hapert. Mit ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Also nicht bloß Sonntagschristentum. Die Latte liegt hoch. Aber zum Glück kann man ja auch drunter durchlaufen und trotzdem bei Gott ankommen. Punkt 4: Jesus würde dich auch heute mit Gott konfrontieren, dir dabei Mut machen und gleichzeitig Leidenschaft verlangen.

Und jetzt nimm mal all das zusammen, und stell dir vor, du würdest Jesus heute treffen. Was würdest du machen? Er würde versuchen, dich zu ändern, er würde genau auf dich persönlich eingehen, er würde dein Denken auf den Kopf stellen, und er würde dich mit Gott konfrontieren. Ich schätze, das würde dir alles in allem und insgesamt ziemlich Angst machen. So wie den Menschen damals. Du müsstest dich hier und jetzt für oder gegen Gott entscheiden, ja oder nein, Leben oder Tod. Ich glaube, die meisten könnten das nicht. Sie würden ausweichen aus Angst vor der Entscheidung. So wie damals. Die meisten Menschen würden Jesus ausweichen, wenn er vor ihnen stünde. Und darum, liebe Schwestern und Brüder, glaube ich, dass es sehr weise von ihm ist, dass er bisher nicht zurückgekommen ist. Er will uns die Entscheidung nicht aufzwingen. Ein zurückgekehrter Christus bedeutet das Ende der Welt, die Weltherrschaft Gottes, die wir nach dem Zeugnis der Bibel ja erwarten am Ende der Zeit. Aber so weit sind wir noch nicht. Bis es so weit ist, lässt er uns Freiraum, dieses oder jenes auszuprobieren, zu fallen und wieder aufzustehen, zu suchen und zu finden.

Liebe braucht Zeit, sie braucht Suchen und Finden und wieder Suchen. Einschließlich der Möglichkeit, Fehler zu machen. Auf deinem Weg hier in diesem Leben darfst du Fehler machen, dazu bist du da. Und dazu, aus ihnen zu lernen und dadurch langsam zu einem liebenden Menschen zu werden. Kein Mensch kann von sich sagen: Also, ich glaube an Gott, darum mache ich ab jetzt alles richtig und vor allem anders. Natürlich gibt es Bekehrungserlebnisse, die so ablaufen, die gab es damals auch. Aber niemand ist fehlerfrei, auch die Bekehrten nicht. Es muss also immer die Möglichkeit geben zur Umkehr, zum Überdenken, zum Lernen von Fehlern. Das ist in jeder Beziehung so: Auch wer liebt, macht Fehler. Aber man sucht und wirbt und fängt wieder neu an. Das ist Liebe. Und so will auch Gott geliebt werden.

Und darum ist es sehr weise, dass er bisher im Unsichtbaren geblieben ist, denn dadurch gewinnen wir Zeit. Und ich wünsche Ihnen und mir, dass wir sie gut nutzen. Vielen Dank fürs Zuhören.

Jan Freiwald, Germeringer Nachtkirche 12.2.2012

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