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Predigten
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Was kommt nach dem Tod?
John und Mary waren ein glückliches Paar, und sie versprachen sich, wenn einer von ihnen stürbe, würde der andere an seinem nächsten Geburtstag in einer Seance mit ihm Kontakt aufnehmen. Eines Tages starb John, und wie versprochen besuchte Mary an ihrem Geburtstag eine Seance. Und das ging ungefähr so: Mary fragte: „Hallo, ist da jemand? Ich suche meinen Mann John.“ – Stille, Knistern, dann eine Stimme: „Mary, bist du das?“ – „Oh John, bist du’s?“ – „Ja, Mary, ich bin’s.“ – „Geht’s dir gut?“ – „Ja, Mary, sehr gut.“ – „Erzähl, wie ist es da?“ – „Einfach super! Jeden Morgen nach dem Frühstück machen wir Liebe bis zum Mittagessen. Das dauert etwa eine halbe Stunde, dann machen wir wieder Liebe bis zum Abendessen. Und danach machen wir Liebe, bis wir vor Müdigkeit einschlafen. Es ist einfach super! Sex den ganzen Tag. Ich kann es gar nicht erwarten, dass du auch herkommst.“ – Mary war etwas geschockt. „Äh, so also ist der Himmel?“ „Wieso Himmel? Ich wurde in Australien als Karnickel wiedergeboren.“
Was kommt nach dem Tod, liebe Schwestern und Brüder? Bevor wir über diese Frage nachdenken, müssen wir uns klar machen, dass wir uns auf einem total spekulativen Gebiet befinden. Das heißt, über die Frage, was nach dem Tod kommt, kann man so gut wie alles behaupten, und es ist keiner hier, der aufstehen könnte und sagen: „Das stimmt nicht.“ Natürlich könnten wir sagen: „Das glaube ich nicht”, aber keiner könnte eine noch so verrückte Behauptung über das, was nach dem Tode kommt, wirklich widerlegen. Das gibt mir schon mal eine ausgezeichnete Ausgangsposition für meine Predigt. Finden Sie nicht auch?
Mit der Frage, was nach dem Tod kommt, befinden wir uns auf total spekulativem Gebiet. Hier lässt sich so gut wie alles behaupten, und es ist nahezu alles behauptet worden, ohne dass das einer wirklich widerlegen könnte. Ich habe hier eine Schachtel. Wenn ich jetzt frage: „Was meinen Sie, ist in dieser Schachtel drin?“ – Dann kann der eine sagen: „Ich glaube da ist eine Perlenkette drin.” Der zweite sagt: „Von wegen, da drin ist ein Stück Leberkäse.“ Und der dritte sagt: „Nein, eine Tüte Gummibären”, – und all das müssen wir erst mal stehen lassen. Was in dieser Kiste drin ist, weiß nur einer, nämlich der, der es reingetan hat, und das bin in dem Fall ich. So ähnlich ist das auch mit dem Tod. Wir können stundenlang herumspekulieren, aber wir sollten uns dabei bewusst sein, dass es ein reines Stochern im Nebel ist, das wir da betreiben. Darum meine erste These:
Wenn Sie über das Leben nach dem Tod irgendwelche Aussagen machen, dann müssen Sie sagen, worauf Sie diese Aussagen gründen. (Folie 1) Sonst hat Ihre Meinung zu diesem Thema bestenfalls Unterhaltungswert. Woher haben Sie also Ihre Vorstellungen vom Jenseits? Warum glauben Sie das, was Sie vorhin auf Ihrem Blatt angekreuzt haben? Es wäre spannend, dem mal nachzugehen. Ist es Erziehung? Ist es Wunschdenken? Streng genommen, weil Sie weder etwas beweisen noch etwas widerlegen können, müssten Sie sagen: Hören wir auf, darüber nachzudenken. Wir kriegen es sowieso nicht raus. Was diese Schachtel angeht, werden Sie das vielleicht noch relativ leicht verschmerzen. Anders ist es aber mit der Frage nach dem Tod. Da können wir nicht einfach sagen: Hören wir auf, drüber nachzudenken. Warum nicht? Weil uns die Frage zu tief angeht. Es gibt wenige Fragen, die uns so existenziell angehen wie die Frage nach dem Tod. Denn der Tod ist tod-sicher: Er kommt nahezu immer und überall, wo er eintritt, als Katastrophe. Und wir fragen uns mit Recht: Was wird aus dem Kostbarsten, was wir in diesem Leben haben und kennen: nämlich aus unserem einmaligen und unverwechselbaren Ich? Was wird aus unserem Persönlichkeitskern, aus unserer Seele? Was wird aus der Liebe, die wir empfunden haben? Der Tod ist wie ein Vorzeichen, das unser ganzes Leben bestimmt. Darum müssen wir diese Frage herausbekommen.
Woran aber halten wir uns, wenn wir über das Jenseits reden? Was diese Schachtel hier angeht, habe ich vorhin gesagt: Nur einer weiß, was drin ist, nämlich ich. Weil ich es hineingetan habe. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Es könnte ja sein, dass in der Zeit, seit die Schachtel hier steht, jemand an ihr geschüttelt hat oder sogar hineingesehen hat. Oder es könnte sein, dass ich jemandem verraten habe, was drin ist. Übertragen wir diese beiden Möglichkeiten auf die Frage des Todes, so ergibt sich:
Es könnte sein, dass jemand an der Schachtel geschüttelt oder sogar hineingeschaut hat. Was diese Schachtel anbetrifft, könnte das sogar sein, aber was den Tod anbetrifft, muss man sagen, dass das nicht geht. Der Tod ist keine Schachtel, an der man einfach mal so schütteln oder in die man einfach so mal reinschauen kann. Und das ist die Grenze auch dieser sogenannten Nahtoderlebnisse. All die Leute, die Licht und Farben, manchmal auch dämonische Fratzen gesehen haben, waren zwar direkt an der Schwelle des Todes, aber den Tod selbst haben sie nicht erlebt. Sie können uns sagen, wie Sterben ist, aber nicht, was der Tod ist. Sie überschreiten nicht wirklich die Schwelle. Wer einmal „drüben” ist, bleibt drüben. Und wer sagen kann, wie es hinter der Grenze ausgesehen hat, war noch nicht hinter der Grenze.
Es könnte natürlich auch sein, dass ich jemandem verraten habe, was in der Schachtel ist. Also, Herbert, was ist in der Schachtel drin?) Woher weisst du das? Na, wissen Sie es jetzt? Die Antwort lautet: Nein, Sie wissen es nicht. Denn es könnte sein, dass Herbert Ihnen die Unwahrheit erzählt, sei es aus Bösartigkeit, sei es, dass er mich falsch verstanden hat. Es könnte aber auch sein, dass ich Herbert die Unwahrheit erzählt habe. Das heißt, um zu wissen, was in dieser Schachtel drin ist, brauchen Sie Glauben. Nicht Glauben an den Inhalt dieser Schachtel, sondern Glauben an Herberts und meine Vertrauenswürdigkeit. Und da wäre ich an Ihrer Stelle sehr vorsichtig…
Jetzt kommt die große Frage. Stellen Sie sich vor, dieser Raum wäre in zwei Teile geteilt: Die eine Hälfte glaubt Herbert, die andere nicht. Wir haben also hier die „Gläubigen” und dort die „Ungläubigen”. Vom Standpunkt der Wissenschaft aus gesehen muss man sagen: Die einen wissen es genauso wenig wie die anderen. Das ist übrigens sehr wichtig: Wer nicht glaubt, glaubt auch! Die Trennlinie verläuft nicht zwischen Glauben und Wissen, sondern zwischen zwei verschiedenen Arten von Glauben.
Die Frage ist aber: Stimmt das, was wir glauben? Wissen wirklich beide Gruppen genauso wenig oder genauso viel? Die Antwort ist von einem einzigen Faktor abhängig. Nämlich von der Vertrauenswürdigkeit von Herbert (und natürlich auch von mir). Wenn Herbert bzw. ich vertrauenswürdig sind, dann weiß diese Hälfte mehr als die andere. Obwohl sie es – streng wissenschaftlich genommen – natürlich nicht „weiß“. Sind wir nicht vertrauenswürdig, dann wissen beide Gruppen gleich wenig, was in dieser Schachtel drin ist.
Damit bin ich bei meiner zweiten These: (Folie 2) Das Christentum beruft sich in seiner Lehre über den Tod darauf, dass Gott geredet hat. Genauer: darauf, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat und dieser Jesus der einzige war, der wirklich auf der anderen Seite des Todes gewesen ist. Von ihm haben wir unser Wissen über den Tod. Ein „Wissen” im streng wissenschaftlichen Sinn ist das natürlich nicht. Aber bloßes Spekulieren ist es auch nicht, denn es ist fundiert. Wir glauben den Zeugen der Bibel, und die wiederum glauben es Jesus. Und wir können Gründe herbeibringen, warum wir Jesus und die Zeugen der Bibel für vertrauenswürdig halten. Genau, wie Sie Gründe haben, ob Sie Herbert glauben oder nicht. Ein Beweis ist das nicht, aber je besser Sie Herbert kennen, desto mehr wissen Sie, seine Aussagen einzuschätzen und zu beurteilen. Je mehr Sie sich mit der Bibel und der Person Jesu beschäftigen, desto sicherer und zuversichtlicher wird Ihr Urteil. Ich persönlich habe zum Beispiel so oft erlebt, dass das stimmt, was Jesus sagt, dass ich ihm auch das glaube. Es hat so oft gestimmt, was er mir über das Leben sagte, dass ich ihm auch glaube, was er über den Tod sagt.
Was sagt die Bibel also über das Jenseits? Die Bibel sagt, wir werden auferstehen. Nach dem Tod ist nicht alles aus, sondern Gott erweckt uns von den Toten auf. Und das ist ein wichtiger Hinweis: Gott weckt uns auf. Auferstehung ist etwas anderes als Unsterblichkeit. Wir leben nicht einfach weiter, sondern Gott weckt uns neu auf. Es ist eine neue Schöpfung. In uns und an uns ist nichts Unsterbliches. Aber der Gott, der diese Welt aus dem Nichts heraus geschaffen hat, schafft uns aus dem Tode heraus neu. Wir verdanken ihm unser Weiterleben nach dem Tod, wie wir ihm auch das Leben hier im Diesseits verdanken.
Darum ist Auferstehung auch etwas anderes als Reinkarnation. Die Bibel sagt ganz deutlich: Wir haben hier auf dieser Erde nur einen Durchgang. Und wie und was wir hier auf dieser Erde gelebt haben, das wird unsere Ewigkeit prägen. Die christliche Vorstellung von Leben und Tod ist eine geschichtliche: Der Mensch hat „seine Zeit“, seine Geschichte. Diese beginnt mit dem Ruf Gottes ins Leben und läuft danach sozusagen linear. Wir Christen denken uns das Leben als einen Weg, eine Strecke, nicht als einen Kreis, der immer wiederkehrt. Unser Weg hier auf der Erde hat einen Anfang und ein Ende. Dieses lineare Weltbild widerspricht einer Reinkarnation, in der alles kreislaufmäßig wiederkehrt, völlig. Der Hebräerbrief sagt: (Folie 3) „Es ist dem Menschen bestimmt, einmal zu sterben, danach kommt das Gericht.” (Hebr 9,27).
Das heißt aber auch, nach dem Tod kommen auch nicht einfach alle in den Himmel. Sondern es wird unterschieden. Und zwar aufgrund eines einfachen Kriteriums: ob wir nämlich dann mit Gott bzw. Jesus zusammen sein wollen oder nicht. Und das hat viel damit zu tun, ob wir hier auf Erden mit ihm zusammen sein wollten oder nicht. Das Bild vom Gericht – es ist ja wie alles, was wir vom Leben nach dem Tod glauben, nur ein Bild – das Bild vom Gericht ist der Bibel sehr wichtig. Es sagt aus, dass das Leben danach in irgendeiner Weise vom Leben davor abhängt. Dieses Leben hier ist eine Vorbereitung, eine Übung ins Leben danach. Wie unser Zustand im Jenseits dann abhängt von unserem Benehmen hier auf Erden, das ist eher unklar. In der Zeit der Bibel war das zweigeteilte Bild von Himmel und Hölle verbreitet, dazwischen gibt es sozusagen nichts. Da wir Menschen aber eigentlich nie ganz böse und auch nie ganz gut sind, müsste es eigentlich auch Zwischenstufen geben. Das hat in der Auslegungsgeschichte dann zu den Vorstellungen von der Gottesnähe und Gottesferne geführt: Wie nahe wir an Gott und an der Glückseligkeit sind, entscheidet sich daran, wie nahe wir ihm sein wollen.
Das wiederum heißt aber, wenn wir mal bei den alten Begriffen Himmel und Hölle quasi für die Extrempunkte bleiben: (Folie 4) Kein Mensch kommt gegen seinen Willen in die Hölle. Und kein Mensch kommt gegen seinen Willen in den Himmel. Wir bekommen im Gericht das, was wir wollen bzw. das, was wir immer gewollt haben. Jetzt sagen Sie vielleicht: „Es wird ja wohl niemand so doof sein, nicht in den Himmel zu wollen.“ Da bin ich mir aber nicht so sicher. Denn die Möglichkeit, Teile des Himmels schon hier auf Erden vorwegzunehmen, hätten wir durchaus, aber oft genug entscheiden wir uns dagegen. So attraktiv ist das offensichtlich nicht, was die Bibel sich unter Himmel vorstellt. Wir alle wissen, wie diese Welt besser werden könnte, aber wir entscheiden uns regelmäßig dagegen.
(Folie 5) Himmel, biblisch gesehen, heißt: ewig mit Gott zusammen sein. Der Himmel wird die Erfüllung einer großen Liebe sein. Wie das Happy-End eines Filmes, in dem sich die beiden Darsteller dann „doch kriegen”. Das Neue Testament macht ganz deutlich, dass es bei dem, was wir „Himmel” nennen, letztlich darum geht. Nicht Belohnung, nicht die anderen wiedertreffen, nicht Schlaraffenland, sondern zuerst und vor allem: endlich mit Gott und Jesus zusammen sein. Als Christen ahnen wir, dass das Größte ist, doch manch anderer wird sagen: „Was soll das denn, so cool ist das ja nun wirklich nicht!“
Was sagt die Bibel noch über die Auferstehung? (Folie 6) Sie wird „leiblich“ sein. Also nicht nur die Seele wird auferstehen. Dieser Leib aber wird gleichzeitig „verwandelt“ sein. Ähnlich wie Jesus nach seiner Auferstehung. Diese neue Existenz wird „herrlich“ sein. Herrlich für uns selbst und herrlich für andere. Wir werden in der Auferstehung in „Gemeinschaft“ mit anderen leben. Manche fragen: „Werde ich im Himmel meine Lieben wiedersehen?“ Die Antwort lautet: „Ja, aber die anderen auch.“ Der Himmel wird ein „Fest“ sein, eine gigantische Party. Auf dieser Party werden wir „Gott loben“. Der Alptraum des „Münchners im Himmel” ist für die Bibel der Inbegriff der Erfüllung.
Das wird aber, so wie für besagten Münchner, für viele Menschen alles andere als attraktiv sein. Mit Christus zusammensein, den Willen Gottes tun, Gott loben – ich glaube, wenn wir uns nicht schon auf Erden an diese Dinge gewöhnt haben, wenn wir nicht schon auf Erden gelernt haben, dass das erstrebenswert und schön ist, dann werden wir das auch nicht haben wollen, wenn wir vor der Pforte des Himmels stehen und Gott uns das anbietet.
Und ich glaube, dass Gott es jedem Menschen anbietet. Ich glaube, dass Gott das selbst noch im Jüngsten Gericht jedem Menschen anbieten wird. Er wird selbst dem größten Sünder sagen: Komm, lass‘ uns alles vergessen und noch einmal neu anfangen. Komm rein, ich vergebe dir, du darfst von nun an ewig mit mir und meinen vielen Kindern zusammensein und meinen Willen tun und meinen Namen loben. Und dann wird es die Menschen geben, die sagen: „Danach habe ich mich mein ganzes Leben lang gesehnt.“ Und die anderen, die sagen: „Nein, wenn so der Himmel ist, dann suche ich mir lieber was anderes.“ Und so wird es – wie C.S. Lewis einmal gesagt hat – am Ende zwei Sorten von Menschen geben: Die einen, die zu Gott sagen werden: „Dein Wille geschehe.” Und die, zu denen Gott sagen wird: „Dein Wille geschehe.” Genau hier wird die Trennung zwischen Himmel und Hölle verlaufen. Vielen Dank fürs Zuhören.
Jan Freiwald, 13.11.2011 (Germeringer Nachtkirche)
Die Brücke zu Gott
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
Brücken fand ich schon als kleiner Junge faszinierend. Fußgängerbrücken, Eisenbahnbrücken, Autobahnbrücken, ein kleines Brett über einen Bach, ein Seil, gespannt zwischen zwei Bäumen, an dem man sich entlanghangeln kann. Brücken fand ich toll. Vor allem, weil man mit einer Brücke ein Hindernis überwinden konnte. Brücken verbinden, was eigentlich getrennt ist. Ohne Brücke ist der Weg zu Ende, aber wenn man eine hat, dann geht’s weiter.
Eine Brücke steht auch im Mittelpunkt eures Konfirmationsgottesdienstes. Ihr kennt sie gut, ihr habt sie ja gebaut. Die Brücke ist ein schönes Symbol für die Konfirmation. Denn heute an diesem Tag werden viele Brücken geschlagen: Brücken zwischen den Generationen, die heute hier zusammen sind, Brücken innerhalb der Familien, die sich sonst vielleicht nicht so oft sehen, Brücken durch die Zeiten, die uns verbinden mit den Menschen vergangener Jahrhunderte, die auch den Segen Gottes erbeten und erhalten haben.
Die Brücke ist aber noch mehr. Sie ist nicht nur die Verbindung zweier Ufer, die sonst getrennt wären, sie steht auch für den Glauben, und der verbindet uns mit Gott. Um die Verbindung zu Gott ging es im vergangenen Konfirmandenjahr, und um sie geht es auch heute an eurer Konfirmation. Dazu haben wir eben die Geschichte von Jakob gehört, der von der Himmelsleiter träumt. Er war auf der Flucht vor seinem Bruder und seinem Vater, denn beide hatte er ziemlich übers Ohr gehauen. Doch jetzt sieht er im Traum, wie auf der Leiter zum Himmel die Engel auf und nieder steigen, ihn sanft berühren und ihn segnen. Gott baut dem Jakob eine Brücke, er steht zu ihm, obwohl er so vieles falsch gemacht hatte. Und statt ihn zu strafen, verspricht er ihm, immer bei ihm zu sein, ihn immer zu begleiten: Ich bin mit dir, sagt Gott, ich will dich beschützen, wo du auch hingehst.
Dieses Versprechen gibt euch Gott heute auch. Wenn ihr heute gesegnet werdet, verspricht Gott euch noch einmal, was er schon bei eurer Taufe gesagt hat: „Ich bin mit dir, ich will dich beschützen, wo du auch hingehst.“ Gott hat euch eine Brücke gebaut, und ihr dürft darauf gehen. Wenn ihr euch erinnert: „Glaube trägt“ war das Motto unseres ersten gemeinsamen Gottesdienstes im Herbst. Bei dem musstet ihr symbolisch über ein Brett laufen, das auf Luftballons lag. Der Glaube trägt wie eine Brücke, die Ballons sind nicht geplatzt, obwohl man das eigentlich erwartet hätte. Und so haben wir in den vergangenen Monaten darüber nachgedacht, was das bedeuten könnte: der Glaube, der mich trägt. Worauf verlasse ich mich? Worauf gründet mein Leben? Und wie komme ich hinüber über die breiten Flüsse, die so oft in meinem Weg liegen? Dass es manchmal auch Flüsse gibt, die so breit sind, dass man nicht glaubt hinüberzukommen, das mussten wir ja gemeinsam erfahren in diesem Konfi-Jahrgang. Ich möchte nur daran erinnern, dass ihr eigentlich zwanzig sein müsstet, die ihr heute hier sitzt.
Mit dem Glauben ist es ein bisschen wie bei so einer Brücke: Er ist manchmal schon sehr schwankend und zerbrechlich. Bei eurer Brücke wart ihr ja dann auch entsprechend vorsichtig, als ihr sie in unserer Kirchennacht zum ersten Mal betreten habt. Die Brücke zwischen Himmel und Erde ist schwankend und zerbrechlich, und es braucht Mut, ihr zu vertrauen. Ob sie hält, kann dir keiner beweisen. Du musst es ausprobieren. Und es ist auch nicht jede Brücke gleich. Wie man glaubt, das kann völlig unterschiedlich sein. Dem einen ist die Gerechtigkeit wichtiger, dem anderen die Freiheit, dem anderen die Sehnsucht, oder dass man keine Angst mehr hat… Wie ihr glaubt, das formt sich erst, das wird erst als Ergebnis dastehen, wenn Gott euch viele Brücken gebaut hat und ihr über viele Brücken gegangen seid.
Das Leben besteht aus Höhen und Tiefen, und über manche Tiefen braucht es eine Brücke, damit der Weg weitergehen kann. Das wisst ihr, denn ihr seid ja schon ein gutes Stück auf eurem Lebensweg vorangekommen. Ihr habt schon angefangen, euren Weg zu gestalten, eure Eltern werden ein Lied davon singen können, wie selbstbewusst ihr manchmal euren eigenen Willen einklagt. Das ist manchmal auch anstrengend, stimmt’s? Aber ich sage Ihnen: Es ist gut so! Denn ohne eigenen Willen und ohne Entschlusskraft kommt man nicht über die Täler und Flüsse des Lebens hinweg.
Was ihr aber noch viel mehr braucht als Selbstbewusstsein, ist Vertrauen. Vertrauen ineinander und gegenseitiges Helfen. Wenn einer vor einem tiefen Tal steht, dann muss der andere ihm dabei helfen, eine Brücke zu bauen. Ihr als Gruppe konntet das. Wenn ich eurer Gruppe einen Namen geben müsste – das machen wir Leiter ja immer, und wir hatten da schon die Chaotischen oder die Vergesslichen – wenn eure Gruppe einen Namen hätte, dann wärt ihr die „Harmonischen“. Ihr harmoniert miteinander, ihr gebt aufeinander acht und kommt miteinander gut aus. So gut, dass wir sogar noch auf ein drittes Wochenende miteinander fahren wollen. Natürlich gibt’s unter euch auch Chaoten und sehr eigenwillige Typen, aber das ist prima so, jede und jeder von euch ist einzigartig. Und über allem steht bei euch eine große Freundlichkeit, die man immer spüren konnte. Deswegen haben wir jedes Treffen mit euch genossen.
Diese Freundlichkeit, das Aufeinander Achtgeben wird euch helfen, euren Weg zu gehen und viele Brücken zu bauen, für euch und für andere. Das ist es ja auch, was Jesus von uns will, von euch will, wenn er sagt: Ihr seid das Licht der Welt. Ihr bringt mit eurem Verhalten Licht und Liebe in die Welt und tragt dazu bei, dass Menschen Brücken bauen und zueinander kommen. Nutzt eure vielen Gaben, die ihr habt, dafür! Dem Jakob ist es übrigens gelungen, mit Gottes Hilfe und ein bisschen Selbstüberwindung sich mit seinem Bruder auszusöhnen. Die Brücke zu Gott führte ihn hier also auch mit den Menschen zusammen. Das ist beim Glauben immer so, die Verbindung zu Gott hilft immer, auch auf die Menschen zuzugehen und sie zu verstehen. Ich wünsche euch, dass euch das gelingt. Dass ihr weiter nach Gott fragt und euch traut, auf seinen Brücken zu gehen, dass ihr die Hindernisse, die auf eurem Weg liegen, gut überwindet, und dass euch die Brücken, die ihr baut, immer näher zu den Menschen bringen. Gott behüte euch. Amen.
- gehalten am 8.5.2011 (Konfirmation) Jan Freiwald
Stress lass nach
Kennen Sie das: Gestern hat Ihnen alles noch Spaß gemacht, heute nervt Sie alles unendlich. Sie sind aggressiv und haben das Gefühl, nur noch wie eine Maschine zu funktionieren. Die Aufgaben haben sich vor Ihnen aufgetürmt wie der Mount Everest. Sie denken ständig „Ich muss – ich muss“ und fast nie mehr „ich will“. Sie sagen sich regelmäßig: „Tief durchatmen”, wie der Mann im Theaterstück - und wahrscheinlich kriegen Sie es dann auch alles irgendwie hin.
Doch inzwischen passiert etwas - ganz heimlich: Die Kontakte zu Freunden und Bekannten nehmen ab. Das, was Sie zu tun haben, wird Ihr Leben, ja es wird sogar wichtiger als das Leben. Sie haben keine Zeit mehr für sich, Sie bekommen ein schlechtes Gewissen, wenn Sie einfach mal nichts tun und gleichzeitig verliert alles, was Sie schaffen, irgendwie auch an Bedeutung. Es muss eben getan werden.
Wenn Sie das alles nicht kennen, können Sie sich jetzt behaglich zurücklehnen. Sie sind nicht gefährdet. Wenn Sie aber bei dem einen oder anderen Punkt genickt haben, dann herzlich willkommen im Club der Stressies. Sie sind hier richtig, denn Sie laufen Gefahr, kaputt zu gehen. Gerade Menschen zwischen 30 und 40 stehen oft von mehreren Seiten unter Druck: Familie, Beruf, Existenzängste und Sinnsuche. Aber auch Ältere und neuerdings vor allem Jüngere sind betroffen.
In der Streßforschung spricht man von sieben Phasen, die, wenn man sie alle durchläuft und nicht irgendwo drin die Kurve kriegt, zum Burnout führen: Erst sind wir begeistert und packen alles mit Elan an. Aber weil die Arbeit nicht nachläßt und kein Ende in Sicht ist, lässt unser Engagement nach. Das führt in der dritten Phase bei einigen zur Depression, bei anderen zur Aggression, also Rückzug oder Wut, die zeitweilig noch einmal eine Leistungssteigerung bringt. Weil das an den Umständen aber nicht viel ändert, werden wir auf Dauer immer weniger leistungsfähig. Wir vergessen Termine oder übersehen anstehende Arbeiten einfach. In Phase fünf verflacht unser Charakter, wir verlieren unser Profil, weil wir nur noch für die Aufgaben leben und nicht mehr für uns. Wir identifizieren uns über das, was wir tun und vernachlässigen dabei unsere Persönlichkeit. In Phase sechs beginnen psychosomatische Reaktionen, das heißt, wir werden krank, und Phase sieben ist die Verzweiflung. Na, wo stehen Sie gerade?
1915 machte man sich zum ersten Mal Gedanken über die Folgen von Überlastung, als der Neurologe Walter B. Cannon in seinem Buch „Körperliche Veränderung bei Schmerz, Hunger, Angst und Wut” nachwies, dass Stress anhand bestimmter Körperfunktionen messbar ist. Hier eine kleine Auswahl: verminderte Magen- und Darmtätigkeit, stärkere Durchblutung, Anstieg des Blutdrucks, Erhöhung der Atemfrequenz und des Zuckergehaltes im Blut, Schwächung des Immunsystems.
Eine seltsame Kombination, und die Forscher haben lange überlegt, was dahintersteckt. 1956 entdeckte der Neurologe Hans Selye dann, dass Stress-Auslöser eigentlich klasse sind: Sie führen zu größerer Leistungsfähigkeit. Konkret: Wer Stress hat, wird fähig, sich besser mit kritischen Situationen auseinanderzusetzen. Super! Stress verändert den Körper und aktiviert alle Bereiche, die wir für Kurzzeit-Höchstleistungen brauchen. Doch diese Energie wird an anderen Stellen abgezogen, zum Beispiel beim Immunsystem. Wenn mich ein Grizzlybär verfolgt, kann ich tatsächlich kurze Zeit auf meinen Grippeschutz verzichten. Aber eben nicht dauerhaft. Deswegen werden so viele Leute in Streßsituationen krank! Auf gut deutsch: Stress ist kurzfristig gesund - langfristig macht er krank. In den Siebziger Jahren wurde dann der Begriff „burnout” geprägt, mit dem eigentlich das Durchbrennen einer Sicherung gemeint ist. Es fließt kein Strom mehr, weil die Spannung zu hoch war. Doch eigentlich wäre Ausbrennen das richtige Wort, nicht Durchbrennen, weil der Ausbrennprozess schleichend vor sich geht, oft unbemerkt.
Das Verrückte ist: Diese ganzen körperlichen Veränderungen, das Aufputschen für kurzzeitige Höchstleistungen, haben einen sehr sinnvollen biologischen Hintergrund. Unsere Vorfahren brauchten sie in zwei konkreten Situationen: Kampf und Flucht. Kampf oder Flucht, die beiden Methoden, einer Bedrohung zu begegnen. Die besten Chancen zu überleben hatte der, der blitzschnell Höchstleistungen abrufen konnte, entweder schnell rennen oder hart zuschlagen. Was nun wir heute als Stress erleben, geht auf diese beiden Ursituationen zurück: eine Bedrohung taucht auf, etwas, das mich herausfordert oder in Frage stellt, kurz: schnelles Handeln erfordert. Das kann ein klingelndes Telefon sein oder ein Kleinkind, das ein Glas vom Tisch schmeißt. Oder auch der Chef, der mit einem Auftrag daher kommt. Und wir haben grundsätzlich zwei Möglichkeiten: zu kämpfen, also die Situation in Angriff zu nehmen, oder zu fliehen, also ihr auszuweichen. Beides braucht Kraft. Darum glaube ich, dass wir uns weniger Gedanken über bestimmte Symptome machen sollten als über diese Motivationen. Noch einmal: Wer dauerhaft Stress hat, der kämpft oder er ist auf der Flucht. Die Frage für einen Stressi lautet also nicht „Wie bekomme ich mein Kopfweh weg?” sie lautet: „Wogegen kämpfst du? Oder wovor läufst du davon?” Und da geht es bei den meisten Menschen ans Eingemachte. Warum machst Du Dir diesen Stress? Wovor hast Du Angst? Warum glaubst Du, dass Du andauernd kämpfen musst? Wenn Sie heute aus diesem Gottesdienst gehen und sich diesen beiden Fragen ernsthaft stellen: „Wogegen oder womit kämpfe ich eigentlich? Wovor laufe ich davon?”, dann kommen Sie ein ganzes Stück voran. „Burnout” jedenfalls heißt nichts anderes als einzugestehen: Ich habe den Kampf verloren. Oder ich habe nicht mehr die Kraft, davonzulaufen.
Es ist schwer, allgemeine Hilfen für Stressies zu vermitteln, weil jeder Mensch eine andere Streßkurve hat, die von der Persönlichkeit abhängt. Trotzdem möchte ich Ihnen die Geschichte eines Mannes erzählen, der einen klassischen Burnout erlebt. (noch einmal die sieben Phasen auf Beamer) Der war vielleicht begeistert von seinem Job: Er hat unter anderem Schaukämpfe veranstaltet, Gott gegen irgendwelche heidnischen Götzen. Sein Highlight: ein Duell. Er, stellvertretend für Gott, gegen 450 Priester des Baalkultes. Die Aufgabe: „Welche Gottheit kann aus heiterem Himmel ein Feuer anzünden?” Die 450 Priester beten zu ihrem Baal, sie tanzen, schreien, flehen, nichts, kein Funke springt über. Und als sie müde werden, sagt der Mann: „So, Jungs, holt mal ein paar Eimer Wasser und schüttet sie über das Holz hier. Mein Gott mag es nicht, wenn der Job zu leicht ist.” Und als alles trieft, schickt Gott einen Blitz, der nicht nur das Holz, sondern auch die Baalspriester entzündet. Kollateralschaden.
Elia, so heißt der Mann, kämpft für seine und für Gottes Träume - und er gewinnt. Er ist erfolgreich - und trotzdem packt er es nicht. Es ist genau wie mit Fußballtrainern. Du kannst die Meisterschaft gewinnen oder die Champions League, aber der Druck lässt nicht ein Gramm nach. Nächste Woche ist das nächste Spiel - und wieder erwarten alle, dass Deine Mannschaft es packt. Deine Siege sind schnell vergessen. Wir wollen, dass Du weiter gewinnst, immer und immer wieder. Elia spürt auch, daß er den Herausforderungen nicht gewachsen ist. Daß die Aufgaben ihn überrollen. Und was passiert? Er bekommt Angst. Und wenn man Angst hat, beginnt der Abbau. Elia wird depressiv und flieht in die Wüste; Phase 2. Er schickt sogar seinen Diener weg (Phase 3), um allein zu sein. Irgendwann kann er nicht mehr (Phase 4), vor allem aber glaubt er nicht mehr an sich (Phase 5). Er sagt frustriert: „Ich bin nicht besser als meine Väter.” Er fühlt sich jeden Tag schlechter (Phase 6) und gibt schließlich auf (Phase 7). In der Bibel heißt es: „Er ging einen ganzen Tag lang in die Wüste, bis er zu einem Wacholderbusch kam. Und dort setzte er sich hin und wünschte sich zu sterben.” Die Batterie ist leer, der Mann kann einfach nicht mehr.
Was empfehlen professionelle Managementberater nun unserem an Leib, Herz und Seele gebrochen Propheten? Hier die wichtigsten Tipps in Kurzform:
1. Organisiere Dein Denken und Handeln. In Stress geraten wir vor allem, wenn wir den Überblick verlieren. Darum ist es so wichtig, klare Strukturen zu haben. Und zwar nicht nur in der Organisation, sondern auch im Denken. Wir müssen uns zum Beispiel auf die anstehenden Aufgaben geistig einstellen.
2. Lerne den Stress zu verstehen. Wir können nur dann gegen etwas vorgehen, wenn wir es durchschauen. Darum lohnt es sich zum Beispiel, bewusst zu gucken, wann und wie man in Streßsituationen gerät und was einen dabei so bedrängt.
3. Akzeptiere das Unveränderliche. Es gibt Dinge, die können wir nicht schaffen, und die müssen wir nicht schaffen. Solange wir immer noch an die allgemeine Machbarkeit aller Dinge glauben, werden wir den Stress nie los.
4. Suche alternative Lösungsmöglichkeiten. Stress entsteht oft, wenn wir uns irgendwo festgebissen haben und mit dem Kopf durch die Wand wollen. Vielleicht gibt es aber einfach einen anderen Weg, das Ziel zu erreichen.
5. Entspanne Dich ganzheitlich. Es gibt Menschen, die erholen sich nur, um wieder fit für die Arbeit zu werden. Das ist Unsinn. Wir müssen echte Gegengewichte zum Stress haben, Tankstellen, wenn wir überleben wollen.
6. Denke nicht nur zweipolig. Solange wir nur in „Gut und Böse”, „Exzellent und versagt”-Kategorien denken, machen wir uns Druck. Es muss nicht alles perfekt sein. Und wer nur sechzig Prozent erreicht, der ist deswegen kein Versager.
7. Mache dich nicht vom Urteil anderer abhängig. Fast immer übt die Wertschätzung anderer den größten Druck auf uns aus. Wir wollen es allen Recht machen und haben Angst, es könne jemand schlecht über uns denken. Das gibt Stress pur.
Schöne Ratschläge. Immerhin, sie haben schon manchem geholfen. Doch eines tun sie nicht: Sie lösen nicht die eigentlichen Fragen: Wogegen kämpfst du? Oder: Wovor läufst du davon? Elia kämpft gegen seinen schwachen Glauben, gegen das Gefühl, alles alleine schaffen zu müssen. Er traut Gott nicht mehr zu, dass der wirklich alles in der Hand hält. Der Prophet läuft vor seiner Todesangst davon, und vor der Angst, dass er nicht mehr weiß, was er noch machen soll. Er hat kein Ziel mehr. Und da greift Gott ein. Er zeigt Elia einen Weg aus dem Burnout.
1. Er schickt Elia einen Engel, der dem Verzweifelten Wasser und Brot gibt. „Komm erst mal wieder zu Kräften“, sagt der. „Du rennst und rennst. Laß dich erst mal stärken.” Kein Vorwurf, keine weisen Ratschläge, einfach etwas zum Auftanken. Nicht gleich das Problem lösen, sondern erst mal wieder problemlösungsfähig werden.
2. Gott gibt Elia ein Ziel. Und wir haben ja gesehen, daß das sein Hauptproblem war. Gott sagt: „Ich habe noch viel mit Dir vor. Mach dich auf.” Ich werde Dir sagen, wo du lang gehen sollst. Die Antwort auf Ziellosigkeit kann immer nur ein neues Ziel sein. Stress wird man nicht einfach los. Man muss wissen, was man stattdessen will!
3. Gott verspricht Elia Freunde, Gleichgesinnte, die so denken wie er. „7000 Menschen wirst du treffen, die deine Ideale teilen und zu dir stehen.” Mit Stress wird man nicht alleine fertig. Kläre mit Freunden, wogegen du eigentlich kämpfst.
4. und zuletzt: Gott zeigt sich Elia: „Hier bin ich!” Und zwar auf erstaunliche Weise: Erst kommt ein Sturm, der Felsen und Berge zerreißt, dann ein Erdbeben und danach eine Feuersbrunst. Und jedes Mal könnte man denken: Diese Naturgewalt, darin steckt die Macht Gottes. Aber immer heißt es: Gott war nicht in dieser Erscheinung. Am Ende kommt ein sanfter Wind. Und Elia weiß plötzlich: „Das ist Gott!” Diese sanfte, umhüllende, weiche Wehen, das ist der Gott, bei dem ich nicht mehr kämpfen und nicht mehr davonlaufen muss!
Wenn wir bereit sind, Gott zu begegnen, und er sich uns zeigt, dann wissen wir plötzlich, daß er da ist. In einem Wehen des Windes, den man überall auf der Haut spüren kann, ganz gleich, wo man ist, des Windes, der jetzt auch da draußen um unsere Kirche herum weht. Ein vierfacher, liebevoller Weg Gottes aus der Zerbrochenheit: „Ich stärke dich, ich zeige dir ein Ziel, für das es sich zu leben lohnt, ich schicke dir Freunde, und ich bin überall bei dir wie der Wind. Ich weiß nicht, an welchen Orten, bei welchen Menschen oder in welchen Situationen Sie nicht mehr können, aber ich glaube, daß dieser vierfache Weg zu neuer Kraft überall gilt und dass er hilft zu klären, wogegen man kämpft und wovor man davonläuft. Und vielleicht spüren Sie ja das sanfte Wehen Gottes auch in diesem Moment. Vielen Dank fürs Zuhören.
27.3.2011 (Germeringer Nachtkirche) Jan Freiwald
Das allgemeine Priestertum
„Ihr seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.“ (1. Petr 2,9)
Liebe Gemeinde,
kennen Sie Luther? Ich meine jetzt nicht den Film, der vor einigen Jahren in den Kinos lief, sondern die Person: Martin Luther. Wir als Kirchengemeinde gehören zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, und trotzdem hat man das Gefühl, dass von den Gedanken Luthers gar nicht so viel bekannt ist. Das soll sich bis zum großen Luther-Jubiläum im Jahre 2017 – fünfhundert Jahre Thesenanschlag – ändern, und darum hat die Landeskirche eine ganze Lutherdekade ausgerufen: Zehn Jahre Gedenken an Luther. Wir machen das nicht so intensiv, aber trotzdem stimmt es, dass die Ideen Luthers ja bis heute unser Gemeindeleben prägen, und darum ist es gut, wenn man sie sich ab und zu in Erinnerung ruft.
Ich möchte mit Ihnen heute über ein Thema nachdenken, von dem Sie sicherlich schon gehört haben, das aber vor allem für unsere Gemeinde hier in der Jesus-Christus-Kirche sehr wichtig ist: die Lehre vom allgemeinen Priestertum. Genau genommen ist das keine Erfindung Luthers, denn wie wir in der Lesung gehört haben, kommt der Gedanke schon im Neuen Testament vor. Wir sind das auserwählte Geschlecht, ein Volk von Königen und Priestern. Was ist damit gemeint? Stellen Sie sich vor, hier unten auf der Erde sind wir Menschen. Manche von uns fühlen sich gut, manche weniger gut, einige von uns haben Sorgen, manche drückt auch die Vergangenheit oder eine Schuld. Was uns aber alle verbindet, ist: Wir sind nicht Gott. Wir sind hier unten, und Gott ist – irgendwo, da oben. Und wir tun in der Regel nicht das, was Gott von uns will. Kurz, es gibt einen Abstand zwischen uns und Gott, ein, sagen wir mal, gestörtes Verhältnis. Und jetzt braucht es jemanden, der zwischen uns und Gott vermittelt. Der den Abstand überwindet. Der uns sagt, was Gott will, und der Gott sagt, was wir wollen, und der Gott darum bittet, uns doch gnädig zu sein. Diese Person des Vermittlers gibt es in allen Religionen, und man nennt sie „Priester“. Ein Priester ist ein Mittler zwischen Mensch und Gott. Er hat drei Aufgaben: Das Lehren, das Opfern und das Beten. Priester lehren die Menschen, was Gottes Willen ist und was sie zu tun haben, sie opfern, begehen also Handlungen, um Gott gnädig zu stimmen, und sie sprechen mit Gott.
So weit, so gut. Und jetzt kommt Jesus Christus. Von ihm bezeugt die ganze Bibel, dass er den Abstand zwischen Gott und Mensch überwindet: Gott kommt selbst auf die Welt, um bei seinen Menschen zu sein. Und von da an ist die Brücke geschlagen zwischen Himmel und Erde. Jesus Christus ist jetzt da und tritt zwischen uns und Gott als der große Vermittler, in beide Richtungen! Er sagt uns, wie Gott ist, nämlich dass er ein liebender Vater ist, und er spricht zu Gott, bittet für uns. Und als Drittes, dass er sich opfert, sich hingibt für die Menschen. Kein Wunder, dass die Menschen damals auf ihn die alten Vorstellungen vom Priester übertrugen, die es ja nun schon seit tausenden von Jahren gab, lehren, opfern, beten, die drei Aufgaben eines Priesters. Jesus hat das gemacht, und obendrein war er noch Gottes Sohn: Also ist er der perfekte Priester, der einzige und wahre Priester. Wenn ihr Gott nicht versteht, wenn er euch fern vorkommt, wenn ihr das Gefühl habt, er hört euch nicht, dann schaut auf Jesus Christus! Sagt es ihm. Denn in ihm ist der Vater selbst da; wer mich sieht, sieht den Vater.
So weit die Theorie. Jesus Christus, der einzige und wahre Priester. Jetzt aber wird es praktisch. Was passiert mit einer Religion, die nur einen einzigen wahren Priester, also Vermittler zwischen Mensch und Gott hat? Ganz einfach: Sie muss alle anderen Priester entlassen. Sie sind arbeitslos. Wenn Christus der Priester ist, der von Gott selbst bestimmt wurde, dann kann es keine anderen geben. Ein Grund übrigens, warum in unserer evangelischen Kirche die Pfarrer Pfarrer heissen und nicht Priester. Das Christentum kommt ohne Priester aus. Im Gegenteil, wenn es noch Priester gäbe, also Personen, die man braucht, um mit Gott in Kontakt zu treten, dann wären diese eine Konkurrenz zu Christus, würden sein Werk in Zweifel ziehen. Und würden uns wieder von Gott entfernen. Denn das ist ja das Werk Christi, dass er den Abstand zwischen uns und Gott überwunden hat, dass er uns zu Gott gezogen hat. Christus ist ganz nah an Gott dran, sitzt zur Rechten Gottes, er ist sein Sohn! Und wenn du ihm glaubst, dass er das ist, und ihm seine Liebe glaubst, dann bist du genau so dicht dran an Gott. Dann brauchst du keinen anderen Mittler. Dann kannst du Gott Vater nennen. Jesus Christus hat dich armen, begrenzten, mit Fehlern behafteten, verletzenden, verletzlichen und manchmal so dummen Menschen mit Gott versöhnt, zu Gott gebracht! Du gehörst jetzt zur Sphäre Gottes.
Für diese Sphäre Gottes, liebe Gemeinde, gibt es einen Begriff. Wer sich in der Nähe Gottes befindet, ist heilig. Heilig ist, was in Gottes Nähe ist. Was glauben Sie, warum wir beten: Ich glaube an die heilige christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen? Sie sind die Heiligen! Nicht irgendwelche verstaubten Gestalten des Mittelalters, die besonders gottgefällig lebten! Sie sind die Gemeinschaft der Heiligen, und das nennen wir „Kirche“. Du kannst jetzt vielleicht denken: Also so wirklich heilig fühle ich mich ja nicht gerade. Da sind ja so viele unheilige Dinge, die mich herunterziehen, der Alltag, in dem Gott so wenig Platz hat, meine Schwächen, und meine verdammte Angewohnheit, immer so klein von mir zu denken. Denke niemals klein von dir! Du bist Gottes Auserwählte, Gottes Auserwählter! Du gehörst zum Volk der Priester und Könige! Priester und Könige, das waren damals die Titel mit der höchsten Ehre, die es gab!
Nein, es gab noch einen Begriff, der höher war, und der darum auch viel öfter in der Bibel vorkommt: Kind Gottes. Am Kindbegriff wird besonders deutlich, warum es keine Priester zwischen uns und Gott mehr geben kann. Jetzt stellt euch doch mal vor: Wenn du etwas von deinen Eltern willst, wen fragst du da, eher deine Mutter oder deinen Vater? Also: Hallo Mama, kann ich Taschengeld kriegen? Hallo Papa, ich würde gerne meine Freunde besuchen, die feiern heut. Darf ich länger bleiben? Und jetzt stellt euch mal vor, eure Eltern hätten sich ein Vorzimmer eingerichtet. Dort ist das Sekretariat für Kindschaftsfragen. Und an dieses Sekretariat müsstet ihr euch wenden. Hallo Herr Sekretär, fragen Sie doch bitte mal meinen Vater, ob ich Taschengeld kriege. Lieber Sekretär, ich hab’ ’ne Vier in Deutsch geschrieben. Fragen Sie doch mal meine Mutter, ob das schlimm ist?
Völliger Blödsinn. In einem Verhältnis von Vater oder Mutter und Kind ist eine Vermittlung unmöglich! Und genau so müsst ihr von Gott denken, sagt Jesus. Euer liebender Vater! Unvorstellbar, dass man sich da an ein Sekretariat wendet, an einen Vermittler! Deshalb kommen im Neuen Testament keine Priester mehr vor. Außer als Ehrenname. Als Ehrenname für uns Christen. Wenn du mit Christus so nah an Gott bist, dass du ihn Vater nennen kannst und mit ihm all die Dinge, die dein Leben betreffen, deine Sorgen, deine Bitten, dein Glück, deine Hoffnung – wenn du das alles mit Gott ausmachen kannst, dann bist du selbst ein Priester. Denn dann stehst du auch vor Gott. Dann bist du auch in einer Mittelposition zwischen Menschen und Gott, kannst lehren, opfern und beten. Das heißt, du kannst von Gott und von deinem Glauben berichten, du kannst mit Gott sprechen, und du kannst opfern, also etwas von dir hergeben, dich einsetzen für andere, für eine gute Sache. Du kannst lehren, opfern und beten. Ihr seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.
Was, liebe Gemeinde, hat das jetzt alles mit Luther zu tun? Luther lebte in einer Zeit, in der man das allgemeine Priestertum komplett vergessen hatte. Im Laufe der Jahrhunderte hatte der Kirchenapparat nämlich doch wieder ein Berufspriestertum aufgebaut. Das war natürlich eine Frage der Macht. Wenn die Kirche allen Leuten sagen darf, was sie zu glauben haben, dann sind alle von der Kirche abhängig, und dann klingelt die Kasse. Und so hatte man den Leuten eingeredet, und mancher tut das bis heute, dass man sein Priestertum, das heilige Vorrecht, vor Gott zu stehen, doch bitte den Profis überlassen sollte. Vor allem durch die Erfindung der Priesterweihe hat die Kirche – und hat die katholische Kirche bis heute – ein Instrument geschaffen, wodurch sie das „einfache Volk“ von den besonderen Berufspriestern unterscheidet. Das einfache Volk nennt sie dann „Laien“, was eigentlich ein Schimpfwort ist, wenn man bedenkt, was Ihnen dadurch alles genommen wird an heiligen Rechten! Bitte verwenden Sie als Evangelische dieses Wort niemals!
In diese Zeit hinein prallt nun Luther mit seiner Wiederentdeckung der biblischen Lehre von allgemeinen Priestertum. Er sieht die ganzen Missbräuche und leidet darunter, dass er keinen Kontakt zu Gott bekommt. Er sucht den gnädigen, den liebenden Gott, aber die Kirche zeigt ihm nur den fernen, den strafenden Gott. Schluß damit! sagt er, wie kommt die Kirche dazu, sich zwischen Christus und die Menschen zu stellen und ihr Wort für Gottes Wort auszugeben? Wir brauchen keine Mittler außer Christus. Fortan gab es keine Priesterweihe mehr in den Städten, die sich Luther anschlossen, und die Pfarrer werden bis heute nicht geweiht, sondern ordiniert, also beauftragt. Ich habe also kein besonderes geistliches Vorrecht Ihnen gegenüber, ich kann nichts, was Sie nicht auch könnten. Ich schwebe keinen Meter über dem Boden, weil ich durch die Priesterweihe eine besondere geistliche Macht bekommen hätte, die Sie nicht haben. Ich bin nicht näher dran an Gott als Sie!
Warum es mich dann noch gibt? Genaugenommen muss es mich nicht geben. Denn Sie brauchen mich nicht, um in Gemeinschaft mit Gott zu treten. Ich kann Sie nicht zu Gott führen. Aber ich kann Sie auf Gott hinweisen, ich kann von ihm berichten, weil ich vielleicht ein paar Dinge gelernt habe in meiner Ausbildung. Näher dran als Sie bin ich aber nicht. Im Grunde ist ja auch dieser neue Kirchenraum ein Sinnbild der Lehre vom allgemeinen Priestertum. Schauen Sie hin: keine Stufen! Jeder von Ihnen kann an diesen Altar treten, es gibt auch kein rotes Absperrband, das sagt: Bis hierher und nicht weiter, ab hier wird’s heilig, ab hier nur für Amtspriester! Auch was man so gerne sagt: Herr Pfarrer, legen Sie mal ein gutes Wort ein bei Gott, denn Sie haben ja so einen guten Draht zu ihm – das ist nicht lutherisch. Ich lege gerne ein gutes Wort für Sie ein, aber nicht weil ich einen besseren Draht zu Gott hätte als Sie.
Und wenn Ihnen das jetzt zu stressig ist? Zu anspruchsvoll? Jetzt soll ich auch noch ein Priester sein! Vielleicht kann ich das gar nicht? Oder ich traue mich nicht? Vielleicht empfinde ich auch den Abstand zwischen mir und Gott als zu groß? Liebe Gemeinde, genau dafür gibt es die Gemeinschaft der Heiligen. Niemand glaubt allein. Und wenn dir eine Aufgabe zu schwer ist, dann wende dich an jemand anderen, auch gerne an mich, denn ich gehöre ja auch zur Gemeinschaft der Heiligen der Jesus-Christus-Kirche. Aber vergiß niemals, was du für eine geistliche Macht hast. Du kannst mit Gott umgehen! Es stimmt, dass das eine anspruchsvolle Aufgabe ist. Gott ist anspruchsvoll. Aber ist es nicht viel besser, befördert zu werden, als degradiert? Christus hat dich zum Heiligen befördert, also lass dich nicht wieder zum Laien degradieren. Gib dich nicht mit dem Vorzimmer zufrieden, sondern geh direkt zum Vater.
Und wenn Sie jetzt sagen, also, alles schön und gut, aber was Neues hat uns der Pfarrer damit jetzt nicht gesagt, dann: Um so besser. Dann kennen Sie Luther. Amen.
Jan Freiwald, 23.1.2011
Meine Zeit steht in deinen Händen
Liebe Gemeinde, achtzehn Stunden ist das neue Jahr alt. Eintausendundachtzig Minuten sind bereits wieder vergangen von diesem so unwägbaren Zeitraum, der vor uns liegt in diesem neuen Jahr. Und fünfhundertfünfundzwanzigtausendsechshundert Minuten hat das vergangene Jahr gehabt. Einzigartig und lang. Und ebenso einzigartig - und lang - hat so manch einer den Jahreswechsel gefeiert, die Silvesternacht 2011. Wenn das Jahr zu Ende geht, dann knallen die Böller, dann funkelt der Himmel, dann klingen die Gläser. Silvesternacht!
Am Silvesterabend zählen wir die Stunden wie sonst nur selten im Jahr. Und in der letzten Stunde zählen wir auch noch die Minuten, die Sekunden sogar. Merkwürdig: wir zählen, wie die Zeit vergeht, und sind noch guter Laune dabei. Galgenhumor? Die Kirche jedenfalls feiert an Neujahr, an diesem eigentlich völlig unkirchlichen Fest einen richtigen Gottesdienst. Wieso? Im Kalender des Kirchenjahres ist noch hohe Festzeit angesagt: Fröhliche, gnadenbringende Weihnachtszeit. Doch mittendrin in der Weihnachtszeit beschert uns der weltliche Kalender ein ganz anderes Fest mit einer ganz anderen Fröhlichkeit. Noch feiert die Christenheit die Geburt des Kindes, in dem Gott selbst bei uns erschienen ist, um die grosse Zeitenwende anzusagen und eine neue Zeit heraufzuführen: Gottes Zeit, Gnadenzeit, Friedenszeit. Heilszeit, in der Gott seiner Liebe freien Lauf lässt und uns vor Augen führt, dass auch zwischen uns zerstrittenen, misstrauischen, schlimmer noch: gleichgültigen Menschen Siege der Liebe an der Zeit sind. Es ist an der Zeit, sagt uns die Weihnachtsbotschaft. Da unterbricht der Lauf der Welt diese Botschaft mit einer ganz anderen Zeitansage: das Jahr ist alt geworden und zu Ende. Zeit, Abschied zu nehmen.
Noch besingen wir die weihnachtliche Zeitenwende mit geistlichen Liedern, die an Ausdruckskraft und Gefühl im Jahr ihresgleichen suchen, da fängt plötzlich alle Welt an, mit Feuerwerk und Knallkörpern einen ganz und gar weltlichen Krach zu machen, und mitten in der fröhlichen, gnadenbringenden Weihnachtszeit läuft uns das Jahr davon. Vor dir wieder ein neues Jahr. Was es bringen wird, lässt sich nur erahnen. Strompreiserhöhungen, sicherlich. Einen neuen Pfarrer wohl auch. Wie Germering, wie unser Leben, wie die ganze Welt am Ende dieses neuen Jahres aussehen wird, lässt sich nicht sagen. Es steht, wie man sagt, in den Sternen. So wie vor einem Jahr in den Sternen geschrieben stand, was nun längst Vergangenheit und Stoff für Jahresrückblicke ist.
Was zählt, liebe Gemeinde? Die weihnachtliche Zeitenwende oder der kalendarische Jahreswechsel? Die Antwort hängt davon ab, wo und von wem über unsere Zeit entschieden wird. Ob wir sie in den Sternen geschrieben oder aber in Gottes Händen wissen. Was für ein Unterschied das doch ist: unsere Zeit in den Sternen - oder in Gottes Händen!
Die Sprache des Psalmes (Psalm 31,16) verrät den Unterschied. Denn es ist eine ansprechende Sprache. Sie spricht Gott selber an, sagt Du zu ihm: Meine Zeit steht in deinen Händen. Die Sterne kann man betrachten. Man kann ihre Bahnen berechnen, und Horoskope, die angeblich Auskunft über die Wirkung der Sterne auf das eigene Schicksal geben, haben immer noch Hochkonjunktur. Die Sterne kann man anschauen und bestaunen. Aber anreden kann man sie nicht. Was aus unserer Zeit wird, das ist den Sternen egal. Nicht so dem Gott, der meine Zeit in seinen Händen hält. Was Gott in seinen Händen hält, das interessiert ihn auch, darum kümmert er sich, darauf kann man ihn ansprechen: Meine Zeit steht in deinen Händen.
Was sind das für Hände? Und was machen sie mit meiner Zeit? Was ist das überhaupt: meine Zeit? Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft - eine Fülle einmaliger Gelegenheiten. Das ist deine Lebenszeit: eine Reihe einmaliger Gelegenheiten, die es zu nutzen gilt. Hast du sie genutzt im Jahr des Herrn 2010? Heute denkst du vielleicht mit Dankbarkeit und Freude an gute, wahrgenommene Gelegenheiten, vielleicht mit Wehmut und Enttäuschung an so manche verpasste Gelegenheit: einmalig und nicht wiederkehrend.
Trauerst du ihm nach, dem Jahr, wie einem guten Freund, der dich verlassen muss? Oder atmest du, wie nach einem bösen Alptraum, befreit auf? Die meisten von uns werden eher mit gemischten Gefühlen von ihm Abschied nehmen, im Blick auf dies mit einem lachenden, im Blick auf das mit einem weinenden Auge. Unendlich viele Gelegenheiten zum Guten, genutzte wie ungenutzte. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie nicht wiederkehren.
Denn während wir das neue Jahr willkommen heissen, ist mit dem alten eben nicht nur ein Kalenderjahr vergangen, sondern ein Lebensjahr, ein Stück meiner Lebenszeit, ein Stück der mir zugemessenen Frist. Was da jetzt für immer vergangen ist, das ist meine Zeit, die zu mir gehört wie ein Stück von mir selbst. Zählen wir deshalb am Silvesterabend die Stunden und Minuten so genau, weil uns zumindest an diesem Abend die Ahnung beschleicht, dass unsere Zeit abläuft, Tag für Tag, Stunde um Stunde? Das Jahr, unser Jahr rutscht weg, und wir, wie man so schön sagt, rutschen mit. Der Mensch ahnt etwas von seiner Vergänglichkeit.
Ob er deshalb am Altjahrsabend so viel Krach macht und den schwarzen Himmel so bunt, um die aufkommende Ahnung zu übertönen und zu überblenden? Man kann es verstehen, und wir wollen es niemandem übel nehmen. Vielmehr wollen wir uns von den vielen Lichtern am Silvesterhimmel daran erinnern lassen, dass ja auch der Glaube seine Hoffnung auf ein Licht setzt: auf das ewige Licht des Lebens, das in der heiligen Nacht inmitten der vergehenden Zeit zu brennen angefangen hat und, obwohl es von Anfang an bedroht war, nicht mehr verlöschen wird. Gott selbst hält dieses Lebenslicht in seinen Händen. Und wie ein Menschenkind im Wind die brennende Kerze mit seinen Händen zu schützen versucht, so schützt der himmlische Vater das von ihm für uns alle entfachte Lebenslicht gegen alle Mächte und Gewalten, die es nur zu gern auslöschen und ihr eigenes finsteres Wesen ausbreiten würden. Es wird ihnen nicht gelingen. Jesus Christus, in der heiligen Nacht geboren, am Kreuz für uns gestorben und am dritten Tage auferstanden von den Toten, stirbt fortan nicht mehr. In seiner Person brennt, von Gottes Hand beschützt, das Licht des Lebens für immer und ewig.
Das also sind Gottes Hände: schützende, bergende, rettende Hände. Und nun steht in diesen väterlichen und mütterlichen Händen auch deine Zeit und also auch das vergangene Jahr mit allem, was du in ihm gut und schlecht gemacht hast. Es ist nicht zu Nichts zerronnen. Auch deine Vergangenheit, die zu dir gehört wie ein Stück von dir selbst, steht in Gottes Händen. Dort ist sie geborgen, mehr noch: gerettet. Denn dort ist dein Leben, selbst wenn es einmal erlischt: in Gottes Händen ist es zusammen mit dem einen und wahren Licht des Lebens. An ihm darf sich auch unseres Lebens Flamme neu entzünden. In Gottes Händen hat auch unsere Vergangenheit noch Zukunft.
Und deshalb, liebe Gemeinde, haben wir im vergangenen Jahr mit allem, was es uns brachte und nahm, mit allem, was wir aus ihm gemacht haben, und all dem, was es aus uns gemacht hat, nicht in irgendeinem Jahr gelebt, sondern im Jahr des Herrn: anno domini 2010. So wie auch gestern um Mitternacht nicht irgendein Jahr begonnen hat, sondern wiederum ein Jahr des Herrn. Unsere Zeit steht auch anno domini 2011 mit allem, was es uns bringen und nehmen wird, in Gottes Händen. Der weltliche Kalender gibt dem Jahr eine Nummer: zweitausendzehn, zweitausendelf. Der Kalender des Kirchenjahres aber sagt uns, von woher wir unsere Jahre zählen. Von Christi Geburt her wird gezählt: „da uns schlägt die rettende Stund'“! Von dorther kommen wir. Von daher zählt alles. Von der Heilszeit her wird gezählt, in der Gott seiner Liebe freien Lauf ließ und uns vor Augen führte, dass auch von uns her Taten und Siege der Liebe an der Zeit sind. Von der Friedenszeit her wird gerechnet, in der der gerechte Gott die ungerechte Welt mit sich versöhnte und uns so vor Augen führte, wie sehr es auch in meinem Leben an der Zeit ist, dass Frieden und Gerechtigkeit sich küssen oder wenigstens umarmen.
Wenn doch auch wir unentwegt rechnenden Menschen endlich damit anfangen würden, so zu zählen! So zu zählen, dass wir unsere Zeit als einmalige Gelegenheit begreifen, in der Gottes Liebe siegen will! Was wäre das für ein Anfang, ein wahrhaft würdiger Jahresanfang! Ich wünsche Ihnen allen diese wohl etwas ungewohnte, aber eigentlich ganz einfache Rechenkunst. Ihr folgt dann ganz von selbst, was wir uns alle wünschen: Frieden und ein gesegnetes neues Jahr. Amen.
1.1.11 (Jan Freiwald)
Weihnachten - Nix wie weg!
Nix wie weg! Gibt es bei Ihnen an Heiligabend auch dieses jahrtausendealte Ritual? Mutter steht seit Mittag schwitzend in der Küche und flucht leise vor sich hin, Vater ist für das Schmücken des Weihnachtsbaumes zuständig und versagt völlig. “Rita, komm doch mal, sieht er so rum oder so rum besser aus?” - “Na, die Spitze würde ich schon nach oben machen!” Natürlich passt das Ding wieder nicht in den Ständer rein, und wenn es nach sechseinhalbstündigem Sägen endlich mit zwanzig Grad Neigung in den Raum ragt, ist das Parkett zu einem Nadelfriedhof geworden. Oma und Opa kommen mit ihren traditionellen Weihnachtsgesichtern, und es wird jedes Jahr die gleiche Weihnachtsplatte aufgelegt, die man, wenn sie im Radio liefe, sofort ausschalten würde. Irgend jemand leiert: “Von drauß vom Walde...”, dann läutet Papa, und es geht ins Weihnachtszimmer. Schöne Bescherung!
Wer da weg will, ist kein Kulturbanause, der plant einen Ausbruch aus einem neuzeitlichen Kerker. Für viele ist die Weihnachtszeit die Zeit, in der sie all die Menschen sehen müssen, denen sie ein Jahr lang geschickt ausweichen konnten. Wie schön ist dagegen die Karibik: Glückliche Menschen an herrlichen Stränden, ganz ich sein können, und es mir einfach mal so richtig gut gehen lassen. Ich kann gut verstehen, dass Leute an Weihnachten nix wie weg wollen. Aber ist ja nicht nur an Weihnachten so. Es gibt so viele Gelegenheiten, bei denen wir denken: Nix wie weg. Wenn wir an unsere Schwächen erinnert werden, wenn wir auf einer Party entdecken, dass wir einen riesigen Rotweinfleck auf dem Hemd haben oder wenn ein Mensch den Raum betritt, bei dessen Gegenwart wir immer rote Pusteln am Hals bekommen. Wann haben Sie das letzte gedacht: “Ich will hier raus”? Sie sollten das sehr ernst nehmen. Denn immer, wenn Sie das denken: „Nix wie weg”, sind Sie dicht dran an etwas Wichtigem!
Wenn tatsächlich Heiligabend ihr rotes Tuch ist, dann haben Sie ein Problem. Denn Weihnachten entkommt man nicht! Versuchen Sie mal, es ausfallen lassen. Schenken Sie niemandem was und lehnen Sie selbst alle Geschenke ab: „Danke, dieses Jahr schenken wir uns nichts.” Selbst wenn Sie sich Augen und Ohren verbinden: Irgendein weihnachtliches Bild taucht vor Ihrem Inneren auf und nimmt Sie in Beschlag. Ausserdem sind Sie alle Freunde los. Vielleicht versuchen Sie es ja mal wirklich, die Feiertage auf Mallorca zu verbringen oder auf den Malediven. Sie werden wahrscheinlich nie kitschigere Weihnachten erleben als diese. Sämtliche Klischees werden bedient: Mit Watte behängte Plastiktannenbäume, Weihnachtsmänner, die an den Wänden hochklettern, eine Band, die schauderhaft “Laiße rißelt der ßnee” singt, und Ihre Tischnachbarn sind aus Herrsching. Spätestens nach zehn Minuten sehnen Sie sich nach weisser Weihnacht am heimischen Kamin im Kreis Ihrer Familie.
Nix wie weg! Warum wollen so viele Weihnachten lieber nicht in der gewohnten Umgebung verbringen? Liegt es an der Familie, am Streß, am Schenkzwang, an den langweiligen Gottesdiensten, am Gefühl, dass man nett sein muss zu Menschen, die man nicht mag, fühlt man sich verpflichtet? Ich glaube, dass es eigentlich um etwas ganz anderes geht, und ich möchte ihnen dazu die Geschichte von zwei Freunden erzählen. Vor allem, weil diese Geschichte deutlich macht, warum wir manchmal nix wie weg wollen. Es geht um zwei junge Männer, die zu Fuß unterwegs sind. Mit hängenden Köpfen, denn die Party, auf die sie eingeladen waren, war ein totaler Reinfall. Darum laufen sie eigentlich nicht irgend wohin, sondern sie laufen vor etwas davon. Das tun viele von uns, es ist aber sehr gefährlich, denn wer vor etwas davonläuft, der kommt niemals an! Ich vermute sogar, dass man das verallgemeinern kann: Glückliche Menschen laufen auf etwas zu, unglückliche laufen vor etwas davon. Die einen haben ein Ziel, die anderen Angst. Die einen sind für etwas, die anderen gegen etwas. Darum: Wenn Sie dieses Jahr vorhaben, Weihnachten für sich neu zu entdecken, dann schauen Sie mal, ob Sie eigentlich wissen, was Sie wollen, oder ob Sie nur wissen, was Sie nicht wollen. Es lohnt sich sicher auch, sein ganzes Leben mal daraufhin zu befragen.
Die Männer in der Geschichte jedenfalls haben gerade das Schlimmste erlebt, was einem Menschen passieren kann. Sie hatten ein klares Ziel, jetzt sind sie Flüchtende. Sie haben eben noch geglaubt, dieser Jesus von Nazareth sei Gott, der in die Welt gekommen ist. Aber jetzt haben seine Gegner ihn umgebracht. Es gibt nichts mehr, was sie in Jerusalem hält. Ihr Lebenssinn ist weg. Die ganze Festtagsstimmung ist vermiest. Und wie sie da so laufen, gesellt sich plötzlich ein dritter Mann zu ihnen und sagt: „Meine Güte, was schaut ihr denn so doof aus der Wäsche?” Worauf einer der beiden richtig wütend wird: „Sag mal, guckst du keine Nachrichten? Jesus, unsere Hoffnung ist tot!” Ich glaube, dass viele Leute an Weihnachten dieses Gefühl haben: „Schönes Fest, aber letztlich ist alles darin tot.” Und dann sagen die beiden Männer einen wichtigen Satz: „Wir haben gehofft, der würde uns erlösen!” Haben Sie sich mal gefragt, warum so viele Menschen über das degenerierte Weihnachten schimpfen und trotzdem immer wieder mitmachen? Wahrscheinlich deswegen, weil wir immer noch irgendwo hoffen, dass da etwas mit uns passiert. „Wir haben gehofft, der würde uns erlösen!” Selbst ganz atheistische Religionsforscher behaupten: Der Mensch will erlöst werden. Oft weiss er gar nicht genau, wovon, aber er spürt, dass ihn etwas unendlich belastet. Der erste Grund, warum wir nix wie weg wollen, ist also: die enttäuschte Erwartung. Wir erhoffen uns eine Veränderung, eine spürbare Verbesserung. Wir erhoffen uns, dass dieses Fest etwas mit uns macht. Aber es passiert nichts.
Früher, als wir Kinder waren, da war Weihnachten noch schön. Aber jetzt kommt keine Weihnachtsstimmung mehr auf, und von Gott ist erst recht nichts zu spüren. Jahr für Jahr geben wir dem Fest eine neue Chance, aber es gelingt uns nicht mehr. So reiht sich Enttäuschung an Enttäuschung - auch wenn das ein gutes Stück an uns selber liegt. Jedes Jahr machen Hektik und Krach alles kaputt. Aber das gilt ja für alle Lebensbereiche. „Ich wollte viele Dinge in meinem Leben ändern, es hat nicht geklappt.“ „Ich habe mir von diesem und jenem Projekt so viel erhofft, es wurde nichts.“ „Irgend jemand, irgend etwas hat mich so enttäuscht, dass ich nur noch weg will.“ „Ich dachte, ich hätte das Ziel meines Lebens gefunden - wie die beiden Jünger - und dann werden meine Vorstellungen völlig über den Haufen geworfen.“ Wenn jemand der Kirche oder dem Glauben den Rücken zukehrt, liegt es übrigens in achtzig Prozent der Fälle daran, dass Menschen versagt haben. Meistens ist es eine ganz bestimmte Enttäuschung: Der Mesner, der unfreundlich war. Die Kindergärtnerin, die mein Kind falsch behandelt hat. Die Eltern, die mich in ein religiöses Korsett zwingen wollten. Der Pfarrer, der mich nie besucht hat. Es gibt Menschen, deren Erwartungen wurden bei einem Versuch so enttäuscht, dass sie nie einen zweiten wagen wollen. Es würde viel helfen, das mal auszusprechen. Enttäuschte Erwartungen.
Zurück zu unseren zwei Wanderern. Der eine erzählt nämlich weiter. „Es ist nicht nur die enttäuschte Erwartung. Die Frauen unserer Gruppe haben uns auch noch erschreckt. Sie haben nämlich behauptet, Jesus lebe und sei aus dem Grab verschwunden. Aber das ist zu unglaublich, damit wollen wir nichts zu tun haben.” Damit wollen wir nichts zu tun haben. Das ist der zweite Grund für das Nix wie weg-Gefühl: Die Angst vor dem Göttlichen. Gott, der vom Himmel kommt, um hier unten alles neu zu machen? Der Wüsten zum Blühen bringt, wie es in der Lesung heisst, und eine Strasse mitten hindurch baut, auf der man zu ihm gelangen kann? Eine Strasse quer durch mein Leben? Huh! Wir fürchten uns vor Weihnachten, weil wir ahnen, was passieren würde, wenn wir uns wirklich darauf einliessen. Wenn das mit Jesus wirklich stimmt, dann kann es uns nicht kalt lassen. Dann geht es um viel mehr, als um ein bisschen Stille Nacht. Und so weit wollen wir uns dann doch nicht aus dem Fenster lehnen. Ich meine: Wir haben ja nicht mal Mut, den Telefonanbieter zu wechseln oder unsere Frisur grundlegend zu verändern, wieso sollten wir uns der revolutionären Botschaft dieses Jesus aussetzen? Ich kenne jemanden, der sagt: „Ich traue mich nicht, mit meiner Frau über unsere Eheprobleme zu reden. Denn wenn ich dieses Fass aufmache, dann wird sich irgend etwas krass ändern. Entweder wir fangen ganz neu an, oder wir trennen uns.” Es fällt uns so schwer, uns wirklich unseren Ängsten und Hoffnungen zu stellen. Und darum haben wir auch Angst vor Gott.
Der dritte Mann, der sich das alles angehört hat, sagt zu den beiden Freunden: „Vielleicht habt ihr das nur alles noch nicht verstanden.” Und er fängt an, ihnen das Alte Testament auszulegen und ihnen ganz viel zu erklären. Aber die zwei Männer werden nicht glücklicher. Der dritte Grund für das Nix-wie-weg-Gefühl ist nämlich: Falsche Zugänge. Wir gehen oft Dinge falsch an. Das haben die beiden Ex-Jünger auch getan. Sie denken sich zwar: „Was quatscht der uns hier das Ohr ab”, aber als sie an ihrem Hotel ankommen, bitten sie den dritten Mann, bei ihnen zu bleiben. In der Bibel heisst es: „Sie drängten ihn, dazubleiben”. Und sie sagen dabei einen der schönsten biblischen Sätze: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.” Und als sie dann abends mit dem Fremden am Tisch sitzen, das Essen aufgetragen wird und er anfängt aufzutun, da plötzlich gehen ihnen die Augen auf: Dieser Fremde ist Jesus selbst. Er lebt tatsächlich. Das Ziel ist gar nicht verloren.
Wenn Sie jetzt aber mal darauf achten, woran es lag, dass sie ihn erkannten, und was alles nicht geholfen hatte, ihn zu erkennen: Nicht geholfen hatte über ihn reden, Bibelstellen besprechen, ja, nicht einmal das Einladen selbst war entscheidend. In dem Augenblick, in dem die Männer anfangen, mit ihm zu leben, erkennen sie ihn auch. Vorher war alles vergebliche Liebesmüh. Das heißt also: Sie können sich an Weihnachten schenken, so viel Sie wollen. Sie können sich schlaue Predigten anhören. Sie können die Weihnachtsgeschichte vorlesen und bei Ihrem Lieblingslied eine Gänsehaut bekommen. Sie können sogar ein Gebet sprechen. Aber wenn Sie Gott nicht an Ihr Leben heranlassen, wenn Sie Weihnachten nicht mit ihm zusammen feiern wollen, dann wird kein Weihnachten draus. Dann werden Sie ihn nicht erkennen. Dann können Sie vielleicht ein hübsches Familienfest organisieren, was ja immerhin auch etwas ist. Aber das Entscheidende wird fehlen.
Also: Warum wollen Menschen nix wie weg? An Weihnachten, aber auch in vielen anderen Zusammenhängen? Drei Dinge stecken in der Regel dahinter: enttäuschte Erwartungen, die Angst vor dem Göttlichen, und zu viele falsche Zugänge, die das Eigentliche verdecken. Ich wünsche mir, dass Sie diese Einladung an Weihnachten einmal für sich laut aussprechen: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.” Wenn Sie das ernst meinen und die nötigen Konsequenzen daraus ziehen, werden Sie ein neues Weihnachten feiern - egal ob in Germering oder in der Karibik. Vielen Dank fürs Zuhören.
5.12.2010, Jan Freiwald (Germeringer Nachtkirche)
Die neue Welt
Liebe Gemeinde, haben Sie schon einmal, als Sie älter wurden, Orte besucht, an denen Sie als Kinder gelebt haben? Orte, die Sie vielleicht vor dreißig oder vierzig Jahren verlassen haben, ein Ort, der in ihrem Kopf weiterlebte, der sich aber in Wirklichkeit immer weiter entfernte? Und dann sind Sie wieder da, vielleicht durch Zufall, vielleicht mit Absicht, und Sie gehen durch vertraute Straßen, treffen auf das Haus, in dem Sie mit Ihren Eltern wohnten, auf Häuser von Freunden, in denen jetzt andere wohnen, Orte, wo Sie als Kinder spielten. Gesichter steigen aus der Erinnerung auf, solche, die uns noch sehr vertraut sind und andere, die wir lange vergessen haben. Ein solcher Besuch an einem Ort der Kindheit ist wie eine Reise in die Vergangenheit. Und doch ist die Vergangenheit nicht tot, sondern vielmehr sehr lebendig, denn sie ist ja unser Leben. Was wir sind, ist aus unserer Vergangenheit entstanden.
Wie eine Reise in diese Vergangenheit, die zugleich Gegenwart und Zukunft ist, liest sich der heutige Predigttext aus der Offenbarung des Johannes. Es ist, als wäre Johannes an einen Ort zurückgekehrt, denn er schon kennt, weil er am Anfang seines Lebens schon einmal dort war. Und doch ist dieser Ort der Inbegriff der Zukunft, nämlich der Hoffnung auf ein ewiges Leben in Frieden und in der Gemeinschaft Gottes. Es ist der Ort, den Johannes geschaut hat von einem neuen Himmel und einer neuen Erde.
„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“
Wenn es dieser Ort ist, liebe Gemeinde, der uns am Ende unseres Lebens hier auf Erden erwartet, wenn das wahr würde, dann wäre alles Vergangene und Heutige nur ein Vorspiel, ein Vorlauf, eine Probe, bestenfalls Vorgeschmack und Übung für das, was kommt. Haben wir mit dieser Ahnung unsere Lieben begraben? Gehen wir so unserem eigenen Sterben entgegen? Dass nicht die erfüllen Wünsche das Wichtigste sein werden, sondern was anfing und unvollendet blieb? Genau dieser Frage antwortet die Verheißung: Gott wird abwischen die Tränen, und der Tod wird nicht mehr sein. Ich will glauben, dass wir wie Wasserflocken der Mündung zutreiben. Sterben als Münden in die Fülle, wie unvollkommen unser Leben hier auch war. Wir wissen nicht, was uns im Tod erwartet. Aber nur einem Sarg in die Tiefe nachsehen und denken: „alles vorbei – mehr kommt nicht“, wäre schlimm. Es wäre, wie wenn wir die abgelegte Hülle der Raupe anstarren, aber den Schmetterling sehen wir nicht.
Wer einen geliebten Menschen bei seinem Sterben begleiten durfte, der hat vielleicht Zeichen gesehen und empfangen von Abschied und Aufbruch. Manchmal die klare Erwartung des Sterbenden: Ja, jetzt ist es so weit. Oder ein letztes Aufrichten mit Blick zum Fenster. Oder eine Handbewegung, doch bitte losgegeben sein zu wollen. Oder ein Friedenswort. Und wer beim Leichnam des Toten stand, hat hoffentlich einen Schimmer von Befreiung auf seinem Gesicht gefunden. Und hat doch auch gemerkt: Das, was da aufgebahrt ist, ist nicht er. Er, der geliebte Mensch, ist fortgegangen. Der Leichnam macht den Eindruck einer abgelegten Kleidung, die nicht mehr gebraucht wird. Wir wissen nicht, wo unsere Toten sind, wo wir sein werden. Aber dass unsere Toten sind, dass sie auf eine ganz intensive Weise Sein haben, das wissen wir mit dem Herzen. Sie sind angekommen, und wir sind noch auf dem Weg. Sie sind am Ziel, und wir sind die Nachzügler, die Hinterbliebenen, die noch hinten, weit vom Ziel sich Mühenden, die noch daran arbeiten, sie selber zu werden, die noch Gutes tun müssen und ihr Quantum Böses auch.
Als mein Großvater starb, sagte meine Großmutter, die sehr um ihn trauerte: „Eigentlich war es noch nicht Zeit für ihn zu gehen. Aber ich schätze, Gott braucht ihn an einer anderen Stelle.“ Die uns starben, mussten wir ziehen lassen, so unfertig, so bedürftig, wie wir selbst noch sind. Aber jetzt sind sie in Gottes Nähe, Gott braucht sie dort, wo er ist. Und dort geht es ihnen gut. Fühlst du das nicht? Wenn du es nicht fühlst, dann glaube es doch bitte! Und lass dir das Wort Jesu gesagt sein: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen, und ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten.“ Ich jedenfalls will auch dem Wort des Sehers Johannes glauben, dass der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz, denn das Erste ist vergangen. Wer sagt uns denn, dass es nur geben kann, was wir erklären und was wir denken können? Du und ich, wir sind doch mehr, als wir von uns erfassen. Schon wenn ein Mensch im Chor singt, ist er sofort viel, viel mehr, als wenn er allein zu Hause sein Liedchen trällert.
Darum, wenn Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde vorhat, dann hat er auch unsere Toten, seine Toten neu vor, wird er sie neu vor sich haben. Er wird mich und dich neu vor sich haben. Weil wir seine geliebten Geschöpfe sind, wird er uns nicht in der Vergangenheit stecken lassen und schon gar nicht in einem dunklen Grab. Wenn schon ein Kind seinen geliebten Hund immer um sich haben will, wie viel mehr erst Gott seine geliebten Menschen, mit denen er so viele Schwierigkeiten hatte. Er wird seine Gegenwart mit uns teilen. Bei Gott sein, oder wie wir sagen: im Himmel sein, das ist: in Liebe vollkommen gemacht werden. Das Bild von der Friedensstadt zeigt, dass Gott vollkommene Gemeinschaft vorhat, wo Austausch leicht gelingt und Freude, Ergänzen und Schönheit. Alles Gute ist dann ganz da, also auch Wege unter Bäumen, also auch Erde im Himmel, Mozarts Musik und kein Leid mehr, kein Geschrei, kein Tod, kein Töten, kein Verhungern, kein Verhungern-Lassen mehr.
Aber, liebe Gemeinde, wenn uns das erwartet, warum dann erst dann? Wenn wir dann vollkommen in Gott sein werden, warum sind wir dann erst hier wie auf Probe in kurzen oder langen Leben? Es ist merkwürdig: Sterbende weinen nicht. Vielleicht weinen sie nicht, weil sie heimkommen aus der Fremde, weil sie wissen, sie kommen nach Haus. Paulus sagt: Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn. Ich sehne mich, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre. Aber ich will noch am Leben bleiben, um noch Frucht zu schaffen, Freude im Glauben.“ (Phil 1,21-25) Das ist keine Antwort, warum Gott den Umweg dieser irdischen Lebensart nimmt. Warum braucht denn Gott dieses mühselig beladene Lieben und Verunglücken, um das endgültige Zusammensein zu schaffen? Die Antwort weiß ich nicht, aber dieses Wort des Paulus: Ich will noch bleiben, um Früchte der Freude zu besorgen, reicht mir als Überschrift für diesen Weg hier. Vielleicht ist das ja der Grund unseres Hierseins, dass wir üben, zu liebenden Menschen zu werden.
Und vielleicht, wenn wir dann auch einmal diese Grenze überschreiten und vor Gottes Thron stehen und durch das Tor zu seiner himmlischen Stadt gehen – vielleicht merken wir dann, dass wir dabei an einen Ort zurückkehren, den wir schon kennen. Wir waren schon einmal dort. Es ist unsere Heimat, die wir mit unserer Geburt in dieses Leben verlassen haben. Und doch blieb sie unsere Heimat. Wir trugen ihr Bild unser ganzes Leben hindurch in uns wie die Orte unserer Kindheit. Und jetzt kommen wir nach Hause und werden erwartet von denen, die wir geliebt haben. Und der auf dem Thron sitzt, spricht: Siehe, ich mache alles neu. Amen.
21.11.2010, Jan Freiwald
Die Waffenrüstung Gottes
„Als Letztes sage ich euch: Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewalten, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt. So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, und an den Beinen gestiefelt, bereit, einzutreten für das Evangelium des Friedens. Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.“ (Eph 6,10-17)
Liebe Gemeinde,
es war einmal ein Kaiser, der liebte alle seine Kleider über alles. Kleider aus Purpur, Hermelin und Seide, nur das Beste war gerade gut genug. Er liebte es, dass sein Aussehen sein Ansehen widerspiegelte. Ständig mußte er neue Kleider haben, und die Modeschöpfer hatten alle Hände voll zu tun. Ein gefundenes Fressen war er für sie, und aus allen Landen kamen sie herbei, um immer wieder brandneue, topmodische Kleider zu schneidern. Natürlich war ein solcher Kaiser auch bald Zielscheibe so manchen Spottes. Denn er merkte unter all den Hofnarren um sich herum nicht, dass er selbst der größte Narr war. Und so kam es, dass ihm zwei gewitzte Kerle ein luftiges Unschuldskleid schneiderten.
Wie das Märchen ausging, ist bekannt. Als er in seiner Nacktheit mit seinem neuen Kleid vor dem Volk erschien, traute dieses seinen Augen nicht. Doch wohlerzogen wagte es niemand zu lachen, und alle staunten pflichtschuldigst. Bis ein kleines Kind den Bann brach und rief: „Der hat ja gar nichts an!“ Da fiel die Furcht vom Volk ab, und alle lachten, bis ihnen die Tränen kamen. Und sogar der Kaiser lachte ein bißchen mit. Und wenn sie sich nicht totgelacht haben, dann lachen sie heute noch.
Es war einmal ein Königssohn, der ging im Lande seines Vaters umher, denn er war von ihm gesandt. Und ihn jammerte es, als er sah, wie nackt und bloß die Menschen herumliefen: Sie waren ungerecht und logen sich an, sie suchten in allem ihren Vorteil, sie waren treulos und der Bosheit ihrer Mitmenschen schutzlos ausgeliefert. Da sagte sich der Königssohn: Ich will ihnen Kleidung geben. Den Gürtel der Wahrheit, den Panzer der Gerechtigkeit, die Stiefel, die einen sicheren Tritt ermöglichen, den Helm des Heils, den Schild des Glaubens und das Schwert des Wortes Gottes. Und die Menschen waren erstaunt und hörten ihm interessiert zu: Neue Kleider wollte er ihnen geben? Aber nach kurzer Zeit wurde es ihnen langweilig, und sie sprachen: „Der hat ja gar nichts an!“ Und sie lachten sich tot und verspotteten und töteten ihn. Sie amüsierten sich über seine Nacktheit und verteilten das bißchen Stoff, das er besaß. Über seinen Rock warfen sie sogar das Los.
Und nur ein paar Kinder des Lichts, ein paar Frauen und eine Handvoll Männer trauerten um den Königssohn und seine Kleider. Und sie sprachen: Habt ihr es denn nicht bemerkt, wie wertvoll seine Kleider sind? Sie schützen euch vor allem, was euch Schaden zufügt. Sie geben euch die Kraft, Versuchungen zu widerstehen. Sie helfen euch, den Willen eures Vaters zu erfüllen. Doch kaum jemand hörte auf sie. Man verhöhnte und verspottete auch sie, man nannte sie „Ritter von der traurigen Gestalt“, und nicht wenige von ihnen brachte man auch noch um, weil sie vom Glauben an den Königssohn und seine Kleider nicht lassen wollten.
So weit, liebe Gemeinde, das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, und wie es weitergegangen ist. Das Märchen redet von Kleidern, der Bibeltext von einer Rüstung. Beides sind Dinge, die wir anziehen, um uns nach außen zu schützen. Die „Waffenrüstung Gottes“ aus dem Epheserbrief ist eins der eindrücklichsten und berühmtesten Bilder in der Bibel, wie ein Christ in der Welt leben und überleben kann. Dass der Apostel dieses Leben als einen Kampf beschreibt, ist kein Zufall. Wer versucht, nach christlichen Grundsätzen zu leben, der kommt schnell an Grenzen. Er wird leicht missverstanden und zieht den Spott der anderen auf sich. Paulus hat das am eigenen Leib erlebt, wie ja auch Christus selbst. Hinzu kam aber noch, dass in Ephesus damals eine starke römische Garnison lag. Soldaten mit Rüstung und Schwert gehörten also zum alltäglichen Straßenbild. Darum lag es in einem Brief an die Epheser nahe, sich der für die Leute vertrauten Bilder zu bedienen: Im Kampf gegen alles, was euch bedrängt und euch von eurem Glauben abbringen will, zieht an die Waffenrüstung Gottes.
Wenn man sich nun die Ausrüstung etwas näher anschaut, die der Apostel empfiehlt, dann mag man allerdings, zumindest vom militärischen Standpunkt, etwas enttäuscht sein. Das ist keine Rüstung für Eroberer. Sondern eine für Verteidigung. Gürtel, Panzer, Schild und Helm werden genannt, nicht etwa Streitwagen oder Axt, Morgenstern oder Lanze. Die einzige Waffe, die einem Gegner gefährlich werden könnte, ist das Schwert. Aber auch das ist zweischneidig. Es läßt sich sowohl für den Angriff, als auch für die Verteidigung gebrauchen.
Angriff und Verteidigung, das sind nicht unbedingt die Begriffe, die wir mit unserem Christsein verbinden. Es klingt zu militärisch – und schließlich sollen wir doch in Frieden zusammenleben und unseren Nächsten lieben, ja selbst unsere Feinde! Trotzdem steckt in dem Bild vom Kampf eine tiefe Wahrheit. Nehmen Sie doch einfach mal dieses schlichte Gebot Jesu: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich schätze, da bekommen Sie sofort Probleme, wenn Sie das tatsächlich machen. Deinen Nächsten lieben wie dich selbst, kannst du das? Alles, was du dir selbst Gutes tust, musst du auch anderen tun. Du hast dich vorgedrängt und zugesehen, dass du das beste Stück bekommst? Nun, dann musst du beim nächsten Mal zurückstehen und anderen den Vortritt lassen. Du hast dir einen Wunsch erfüllt, hast dir ein Paar Schuhe gekauft oder ein Auto? Dann musst du gleich noch eins kaufen und es jemandem schenken, der es braucht. Deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Das wäre der Schlüssel zu einer besseren, einer solidarischen und liebevollen Welt. Aber es wäre ein Kampf, vor allem mit uns selbst. Denn unser Ich gibt sich nicht so leicht geschlagen. Es ist unser größtes Kapital, aber auch unser größter Feind auf unserem Weg zu Gott.
Ein Christenleben ist Kampf, und wer meint, die Religion sei eine nette Hilfe, das Leben lebenswerter zu machen, eine schöne Dekoration, und wenn’s einem gerade schlecht geht, dann kann man sich an sie halten und wird getröstet, wer das glaubt, der hat etwas falsch verstanden. Religion ist Kampf. Denn in der Religion geht es um die Frage, wer die Herrschaft hat über mein Leben. Gott oder ich. Und wer versucht, Gott in seinem Leben die Herrschaft zu überlassen, der wird in Schwierigkeiten kommen. Selbst in unserer Gesellschaft, in der äußerlich Religionsfreiheit herrscht. Es gibt unzählige Mächte und Gewalten, die unseren Widerspruch herausfordern, denen wir uns entgegenstellen, anders denken, gegen den Strom schwimmen müssten. Wir wissen es, aber wir tun es nicht. Aus Schwäche, oder aus Selbstliebe.
Da jammerte den Königssohn, wie nackt und bloß die Menschen herumliefen. Sie waren ungerecht und logen sich an, sie suchten in allem ihren Vorteil, sie waren treulos und der Bosheit ihrer Mitmenschen schutzlos ausgeliefert. Da sagte er sich: Ich will ihnen Kleidung geben. Den Gürtel der Wahrheit, der der Figur wieder Profil gibt, dass man den Menschen wieder gerade in die Augen sehen kann. Den Panzer der Gerechtigkeit, der den Menschen aufrecht hält, ihn stützt und ihm Sicherheit gibt. Den Helm des Heils, der die guten Gedanken sammelt. Die Stiefel, die niemals jemanden treten, sondern Fortschritte des Guten und der Hoffnung ermöglichen. Und zu guter letzt den Schild des Glaubens, der die feurigen Pfeile der Anfechtung, des Spottes und des Hasses abzuwehren vermag.
„Zieht also die Waffenrüstung Gottes an“, sagt der Apostel. Doch das ist schwierig. Passt sie denn überhaupt noch in unsere Zeit? Sollten wir nicht besser zu alltäglicheren Kleidern greifen, zu solchen, die wir gewöhnt sind? Zur Tarnkappe der Anonymität zum Beispiel? Oder zum Panzer der Unnahbarkeit, oder zur Pudelmütze der Naivität? Oder zur Schlafmütze der Bequemlichkeit? Wir Menschen haben ja schon alle unsere Kleider an. Jeder hat sich in seinem Leben irgendwie eingerichtet, wir sind Schüler, Arbeitnehmer, Vater, Mutter, Großmutter, mancher ist ein Kaiser, ein anderer ein Hofnarr. Und diese Rollen sind wichtig für uns. Wie der Kaiser im Märchen brauchen wir unsere Kleider, sie schützen uns, sie stellen uns nach außen dar. Auch mit diesen Kleidern müssen wir durchs Leben, müssen den Kampf des Lebens aufnehmen und uns gegen das Böse wehren. Wie peinlich empfinden wir es, wenn einer seine Rolle völlig vergisst, sich entblößt und sozusagen aus der Haut fährt. Er verliert seine Persönlichkeit, seine Selbstachtung. Kein Wunder, wenn dann alle lachen: Der hat ja gar nichts an!
Darum glaube ich, dass man die Waffenrüstung Gottes über die alten Kleider, die wir gewohnt sind, ziehen muss. Sie ist, so wie der Apostel sie beschreibt, dazu bestimmt groß genug. Den Gürtel der Wahrheit kann man leicht enger ziehen, als man es verträgt. Er fängt dann leicht an zu drücken, genauso, wie wenn man sich zu sehr aufbläht - in der Wahrheit. Und ist der Panzer der Gerechtigkeit nicht der Resonanzraum unseres schlagenden Herzens? Muß er da nicht groß genug sein, um eine tiefe Resonanz zu ermöglichen? Die Stiefel dämpfen den harten Tritt der Absätze der Selbstbehauptung. Und der Helm des Heils, er imponiert durch sein offenes Visier.
Irgendwann, liebe Gemeinde, werden die Menschen aufhören, über die letzten Ritter Gottes zu lachen, die versuchen, diese schwere und in vielem auch unbequeme Rüstung zu tragen. Sie werden lernen, über sich selbst nachzudenken, sie werden sich entrüsten und anfangen, über ihre eigenen Blößen zu lachen. Denn über sich selbst lachen hilft, wenn man diese Rüstung tragen will. Es hilft, die Wahrheit nicht immer bei mir selbst zu suchen, sondern zu Gott zu beten: Ja komm, du Geist der Wahrheit! Amen.
24.10.2010, Jan Freiwald
Ist Ehescheidung erlaubt?
Liebe Gemeinde,
irgendwann trifft es jeden. Früher oder später. Ein Freund, ein Bruder, ein Arbeitskollege, ein Nachbar. Oder du selbst. Wenn du noch nie etwas mit einer Scheidung zu tun gehabt hast – du wirst es noch. Das dunkle Land der Scheidung – dunkel für die, die hindurch müssen - es ist ein Kennzeichen unserer Gesellschaft. In den letzten fünfzig Jahren hat sich die Zahl der Scheidungen in unserem Land vervierfacht. Bei fast einem Viertel meiner Konfirmanden gehen die Eltern getrennte Wege. Mit dieser starken Zunahme der Scheidungen hat sich ganz langsam die allgemeine Einstellung gegenüber der Scheidung geändert. Was früher ein Skandal war, wird heute akzeptiert und gilt fast schon als normal. Man redet schon gar nicht mehr darüber. Gesellschaftlich ist Ehescheidung längst akzeptiert. In dieser Predigtreihe fragen wir aber, wie das denn aus der Sicht der Religion ist mit bestimmten Fragen. Und aus der Sicht des christlichen Glaubens ist es nicht ganz so einfach mit der Scheidung.
Wenn wir fragen, ob Ehescheidung erlaubt sei, müssen wir zunächst darüber nachdenken, was denn da „geschieden wird“, also was denn die Ehe eigentlich ist. Denn hier gibt es ein altes und sehr verbreitetes Missverständnis. Wenn sich jemand scheiden lässt, dann übertritt er Gottes Gebot, ja. Aber nicht weil er die Ehe verletzt oder entweiht, sondern weil er sich selbst verletzt. Und seinen Partner. Er verletzt das Liebesgebot. Das Missverständnis hingegen ist, dass es um die Ehe selbst gehe, die man nicht verletzen dürfe. Denn sie sei so etwas wie eine göttliche Ordnung, die so und nur so von Gott vorgesehen sei für Menschen, die zusammenleben wollen. Die Ehe, so hat man es jahrhundertelang von den Kanzeln gehört, sei von Gott unmittelbar erfunden und von Jesus – wie eben gehört – als unauflöslich deklariert. Daher sei eine Scheidung das Allerschlimmste, was man tun könne, nämlich Gottes Ordnung und Jesu unabänderliche Weisung zu verletzen. Noch heute gilt in der katholischen Kirche die Scheidung daher als Todsünde und wird mit Exkommunikation bestraft. So kam mein Vater als gläubiger Katholik vor vierzig Jahren in arge Konflikte mit seinem Glauben, als er meine Mutter, eine Geschiedene, heiratete, denn das war ja ebenfalls Ehebruch und eine nicht überbietbare Verletzung von Gottes Ordnung und Gebot.
Bei uns Evangelischen wird der Charakter der Ehe anders gesehen und damit auch die Ehescheidung anders bewertet. Zwar ist die Ehe immer noch diejenige Form des Zusammenlebens, die das höchste Ansehen genießt, und treu und partnerschaftlich lebenslang miteinander lebende Paare können in besonderer Weise den Segen Gottes spüren, der ihre Liebe zueinander umgreift, sie beflügelt und beschützt. Aber dieser Segen ist nicht auf die Ehe beschränkt. Die Ehe bildet den Wunsch Gottes nach Liebe und Treue unter uns nur besonders gut ab. Sie ist aber deswegen noch keine „göttliche Ordnung“. Die Ehe ist vielmehr bei uns wie in allen Kulturen der Welt eine weltliche Angelegenheit, ein „weltlich Ding“, wie Luther sagt. Sie ist menschliches Recht, ein Produkt menschlichen Zusammenlebens, Kulturgut sozusagen. Weshalb sie auch in verschiedenen Kulturen ganz unterschiedlich aussehen kann.
Dass die Ehe nicht unmittelbar etwas mit Kirche und Glauben zu tun hatte, das war im Grunde auch zurzeit Jesu der Fall. Zwei Personen oder Familien schlossen einen Vertrag ab zum gegenseitigen Unterhalt, das war alles. Es gab auch im Hebräischen damals gar keinen Ausdruck für Ehe. Was wir mit „ehebrechen“ übersetzen, zum Beispiel im sechsten Gebot, heißt eigentlich „widerrechtlich in seine Gewalt bringen“. Und dagegen, daß ein Mann eine Frau widerrechtlich in seine Gewalt bringt oder ihr Gewalt antut, dagegen wendet sich Jesus. Denn das war damals gängige Praxis: Fand ein Ehemann an seiner Frau keinen Gefallen mehr, konnte er sich von ihr trennen. Einfach so. Ziemlich diskriminierend. Mose wollte dem einen Riegel vorschieben, indem er den Scheidebrief einführte: eine rechtliche Absicherung für die Frau nach der Scheidung. Das hatten findige Männer aber bald wieder für sich ausgenutzt: Aus einem Schutzbrief für die Frau hatten sie einen Freibrief gemacht, sich beliebig scheiden zu können.
Was Jesus also in unserem Evangelium anprangert, ist der willkürliche und gewalttätige Umgang der Geschlechter miteinander. „Wenn ihr mit euren Frauen - ich ergänze: Männern - so umgeht, als wären sie der letzte Dreck, wenn ihr euch beliebig bindet und wieder wegschickt, dann zerstört ihr die Ordnung Gottes. Denn“, und dann schiebt Jesus die Begründung ein, „am Anfang war es nicht so. Am Anfang schuf Gott die Menschen im Einklang miteinander, in liebevoller, partnerschaftlicher Beziehung. Was aber Gott im Einklang miteinander geschaffen hat, das sollen Menschen nicht auseinanderreißen.“ Dieses berühmte Wort von Jesus: „was Gott zusammengefügt hat, sollen Menschen nicht scheiden“, bezieht sich also genau genommen gar nicht auf die Ehe, schon gar nicht auf die Ehe, wie wir sie heute kennen. Sie richtet sich auf das Zusammenleben von Mann und Frau überhaupt. Wenn ihr nicht sorgsam, achtvoll, liebevoll und im gegenseitigen Respekt miteinander umgeht, dann reißt ihr auseinander, was Gott so geschaffen hat, dass es zusammengehört.
Jesus, liebe Gemeinde, schaut also wie immer tiefer. Er richtet sich nicht deswegen gegen die Scheidung, weil sie etwa eine bestehende Ordnung verletze; Rechtsverträge waren ihm vermutlich herzlich gleichgültig. Jesus schaut nie auf die „Ordnungen“, sondern immer auf die Menschen. Und so ist ihm auch bei der Scheidung nicht wichtig, ob irgendeine Ordnung, sei sie göttlich oder weltlich, verletzt wird, sondern, und das ist das Entscheidende, ob die beteiligten Menschen Schaden nehmen.
Und da muss man ja nun sagen, liebe Gemeinde, dass kaum etwas bei Menschen mehr Schaden anrichtet als eine Scheidung. Eine Scheidung ist ein gebrochenes Versprechen. Bei der Hochzeit versprechen wir uns: in guten wie in bösen Tagen. Ein gebrochenes Versprechen aber zerbricht auch etwas in dir. Denn ein Versprechen ist alles, was wir haben. Und Gott weiß es, und du auch: Wenn alles auf einem Versprechen beruht, dann brechen Herzen, wenn das Versprechen bricht. Wenn du eine Scheidung hinter dir hast oder Zeuge einer Scheidung geworden bist, dann weißt du, wie Menschen aussehen, die ein zerbrochenes Herz haben. Scheidung ist ein dunkles Land. Eine Scheidung bringt uns dazu, Dinge zu sagen, die wir nie für möglich gehalten hätten. Jemand sagt: „Ich komme nach Hause, und es ist, wie wenn ich in ein Kriegsgebiet komme. Ich würde lieber auf der Arbeit bleiben als dieses Haus zu betreten.“ Oder: „Die Spannung im Haus ist so dicht, dass man sie mit einem Messer schneiden könnte. Jedes Wort tut weh.“ Scheidung ist Krieg. Ein kalter Krieg. Ein Krieg mit Worten. Ein körperlicher Krieg. Und in jedem Krieg gibt es Verluste und Verwundete. Es geht nicht ohne Schaden, und oft tun die Wunden noch Jahre lang weh.
Gott will aber nicht, dass wir Schaden nehmen. Darum hasst er Scheidung. Im Grunde ist es ganz einfach, und Sie wissen das ja aus eigener Erfahrung: jemanden lieben, von ganzem Herzen, mit aller Hingabe, das geht nur, wenn ich das Ende ausklammere. Nicht daran denke, es könne einmal zuende sein. Liebe ist aus Definition unendlich. Eine Liebe, die bei sich denkt: „Nächstes Jahr habe ich sowieso einen anderen“, ist keine Liebe. Deswegen versprechen wir uns „bis der Tod uns trennt“, wir können gar nicht anders. Und Gott auch nicht; auch seine Liebe zu uns gilt lebenslang und darüber hinaus. Darum kann sich in einer lebenslangen, treuen und partnerschaftlichen Beziehung Gottes Liebe unter uns abbilden. Das macht die große Bedeutung der Ehe und – ich ergänze - anderer dauernder Formen der Partnerschaft aus. Wenn Liebe aber stattdessen aufhört, ob wir sie nun gewaltsam beenden oder sie sich lautlos davonschleicht – wenn Liebe aufhört, dann geht etwas von dem zu Bruch, was Gott in uns gelegt hat, was Gott „zusammengefügt hat“. Und das tut weh. Und da ist es ganz gleich, ob man verheiratet ist oder nicht. Liebe zu beenden, zu sagen: ich liebe dich nicht mehr, das geht nicht, ohne dass jemand Schaden nimmt. Meistens sogar beide. Gott will aber nicht, dass wir Schaden nehmen. Darum hasst Gott die Scheidung. Und alles, was in der Zeit davor geschieht an Auseinanderleben und Verletzungen. Aber er hasst Scheidung nicht deswegen, weil sie eine seiner schönen Ordnungen verletzt, sondern weil sie ein Zeichen und oft die letzte Konsequenz dafür ist, dass Liebe aufgehört hat.
Gott, liebe Gemeinde, hasst Scheidungen. Aber er liebt die Geschiedenen. Gott hasst Scheidung, aber er liebt die Geschiedenen. Auch nach einer Scheidung bleibst du in Gottes Hand. Unsere evangelische Kirche hat das zum Glück schon vor langer Zeit erkannt und Scheidungen zwar nicht gutgeheissen, aber hingenommen. Scheidung ist etwas, das unter erwachsenen, verantwortungsvollen und ernsthaften Menschen nun einmal passiert. Es kann sein, dass du mit dem oder der Falschen verheiratet bist und eine Trennung weniger Schaden verursacht als ein lebenslanges Zusammenleben. Das kann passieren, oft bei bestem Wissen und Gewissen der Beteiligten. Urteilen und beurteilen ist hier falsch, Verstehen ist das Entscheidende, das Verstehen und das Ernstnehmen der Betroffenen. Begleitung und Beratung, auch von kirchlicher Seite, sind hier am Platz, nicht Ablehnung und Ausschluss. Die Menschen sind wichtiger als die Ordnung, und wenn die Menschen in der Ordnung - also in der Ehe - mehr leiden als in einer Trennung, dann muss man eine Scheidung akzeptieren. Zwar als allerletzte, aber doch eben als richtige Alternative.
Irgendwann trifft es jeden, habe ich gesagt. Ich bin sicher, du kennst jemanden, der in Scheidung lebt oder der gerade eine durchmacht, vielleicht gehörst du auch selbst zu denen, die dieses dunkle Land schon durchschritten haben. Wie es auch sei, ich möchte schließen mit drei persönlichen Bitten:
Wenn du zu denen gehörst, die eine Scheidung vor sich haben: Bitte überleg es dir noch einmal. Ich würde mir nie erlauben, dir Ratschläge zu erteilen, denn ich kenne deine Lage nicht. Aber die Bitte habe ich: Gib deiner Ehe alles, was du hast. Versuche das Beste. Und wenn du das schon getan hast, tu es noch einmal. Die Scheidung ist keine Alternative von vielen, sondern nur der letzte Ausweg. Wenn du dagegen glücklich verheiratet bist, dann ist meine Bitte: Sei mitfühlend mit denen, die es nicht sind. Wenn du jemanden kennst in deiner Familie, deinem Umkreis, deiner Gemeinde, der geschieden ist, trag deinen Teil dazu bei, dass er nicht ausgeschlossen wird. Dass er oder sie sich nicht alleingelassen fühlt. Denn das ist oft das Schlimmste: Wenn man von einem verlassen wird, wird man gleich von allen verlassen.
Und das Dritte: Vielleicht bist du geschieden. Dann meine Bitte: Schau nach vorn und nicht zurück. Was passiert ist, ist passiert. Es ist vorbei, hoffentlich auch in allen rechtlichen Konsequenzen. Es ist vorbei, auch wenn immer Narben zurückbleiben werden. Gott will nicht, dass du in deiner Vergangenheit gefangen bleibst. Dass du dieselben Vorwürfe immer wieder erhebst, gegen den anderen, oder gegen dich selbst. Vergeben ist schwer, aber Gott vergibt dir, also solltest du auch vergeben. Vielleicht machen dich deine Erfahrungen ja auch reifer. Du siehst die Menschen und die Liebe jetzt mit anderen Augen. Du bist jetzt viel besser in der Lage, andere zu verstehen, denen es genau so geht. Die Scheidung ist ein dunkles Land. Über den Bergen aber wird es hell, und jenseits wartet ein neues Leben. Amen.
- 5.9.2010 (Jan Freiwald)
Islam und Christentum
Liebe Schwestern und Brüder,
vor vielen Jahren lebte ein Mann in Osten, der einen Ring von unschätzbarem Wert besaß. Der Stein war ein Opal, der in hundert Farben schillerte, und der die geheime Kraft hatte, vor Gott und Menschen angenehm zu machen. Kein Wunder, dass der Mann ihn nie vom Finger ließ, und dass er verfügte, dass der Ring immer in seiner Familie bleiben solle. Und zwar sollte er immer dem Sohn vererbt werden, den der Vater am meisten liebte. Der sollte den Ring bekommen und neuer Herr des Hauses sein. Nun kam aber dieser Ring einmal auf einen Vater, der drei Söhne hatte, und diese drei Söhne waren ihm gleich lieb. Er brachte es nicht übers Herz, einen vorzuziehen, denn er liebte ja alle drei. So ließ er zwei Duplikate von dem Ring anfertigen. Bevor er starb, gab er jedem seiner Söhne einen Ring und den Segen dazu.
Als der Vater gestorben war, kamen natürlich alle drei Söhne mit ihrem Ring und wollten Herr des Hauses und der Besitztümer sein. Als sie aber sahen, dass es drei Ringe gab, die nicht zu unterscheiden waren, gingen sie vor Gericht. Und jeder schwor dem Richter, unmittelbar aus seines Vaters Hand den Ring bekommen zu haben, was ja auch stimmte. Der Richter konnte jedoch den echten Ring nicht herausfinden, auch nicht durch dessen geheime Kraft, die ja seinen Träger voll von Liebe gegen Gott und die Menschen machen sollte. Aber keiner der drei Söhne hatte diese Kraft, denn alle liebten nur sich selbst. Also gab der Richter den Söhnen folgenden Rat:
„Nehmt die Sache, wie sie liegt. Hat von euch jeder seinen Ring von seinem Vater, so glaube jeder sicher seinen Ring den echten. - Möglich; dass der Vater nun die Tyrannei des einen Rings nicht länger in seinem Haus hat dulden wollen! Seid gewiss, dass er euch alle drei geliebt, und gleich geliebt: indem er zwei nicht drücken wollte, um einen zu begünstigen. Wohlan, es eifre jeder seiner unbestochnen von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag zu legen! Und wenn sich dann der Steine Kräfte bei euern Kindes-Kindeskindern äußern: so lad ich über tausend tausend Jahre sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen als ich.“
So weit die Geschichte, es ist die berühmte „Ringparabel“ aus Lessings „Nathan der Weise“. Sie haben sie vielleicht mal in der Schule gelesen. Was Lessing hier über den Zusammenhang der Religionen sagt – mit den drei Söhnen meint er Judentum, Christenum und Islam – war damals schon unerhört: Alle drei sind gleich echt. Nun hat Lessing das ja mitten in der Aufklärung gesagt, in der die Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zu Schlagworten eines ganzen Zeitalters wurden. Als Grundwerte sind sie in unsere Verfassung eingegangen. Aber so wirklich hergestellt haben wir sie nicht, die Freiheit, die Gleichheit und die Brüderlichkeit. Zumindest nicht, wenn es um Angehörige anderer Religionen geht. Da setzen wir meist unsere Scheuklappen auf und igeln uns ein in unsere eigene Kultur. Denn in der sind wir ja großgeworden, sie prägt uns, und vor allem anderen, dem Fremden, haben wir Angst. Das ist durchaus normal, aber wir sehen allenorten, dass man mit Einigeltaktik nicht weiterkommt heutzutage. Globalisierung und Mobilität wirbeln die Menschheit durcheinander wie nie zuvor, und Menschen verschiedener Kultur und Religion vermischen sich miteinander. Ganz zu schweigen von den vielen Krisenherden, in denen ganze Bevölkerungsgruppen aufeinander losgehen, meist gar nicht aus Glaubensdifferenzen, sondern aus Ausländerhaß, Neid oder wirtschaftlichem Interesse. Die Religion ist da oft nur der Deckmantel.
Bei uns in Deutschland sind es vor allem Unwissenheit und fehlende Kontakte zu Muslimen, die einer wirklich guten Beziehung von Christen und Muslimen im Weg stehen. Wenn wir aber akzeptieren, dass alle Religionen „gleich echt“ sind, dann müssen wir uns mit der jeweils anderen befassen. Denn dann gehen ja alle auf denselben Gott zurück – in der Parabel der Vater -, der will, dass es unterschiedliche Religionen gibt, eben weil er unterschiedliche Kinder hat. Ich möchte Ihnen daher vier Schritte vorschlagen, mit denen wir eine bessere Beziehung zwischen Christen und Muslimen erreichen können.
Als Erstes: Bauen Sie Ihre Vorurteile ab. Was wissen Sie vom Islam? War diese Kurzeinführung vorhin für Sie neu, oder konnten Sie sich noch an vieles erinnern, was Sie vielleicht schon mal in der Schule gelernt haben? Mir geht es so, dass ich immer wieder erstaunt bin, wie wenig ich vom Islam weiß. Und dass was ich weiß, oft von Vorurteilen geprägt ist. Ich dachte zum Beispiel lange, das Kopftuch sei ein Zeichen der Unterdrückung der Frau. Das stimmt aber nicht, zumindest nicht immer und überall, denn viele Frauen tragen es als Zeichen der Befreiung, und zwar als Befreiung davon, als Lustobjekt gesehen zu werden, und als Befreiung vom Diktat der westlichen Modeströmungen. Auch beim Dschihad, dem heiligen Krieg, der seit der vielen Terroranschläge und Selbstmordattentate so ins Gerede gekommen ist, war mein Wissen ziemlich eingeschränkt. Wussten Sie, dass es drei Formen von Dschihad gibt: den großen Dschihad, das ist der Kampf der einzelnen Moslems gegen die eigenen Sünden und Schwächen. Den mittleren Dschihad, den Kampf mit Worten um die besseren Argumente für seinen Glauben. Und den kleinen Dschihad, den Verteidigungskrieg im Falle eines Angriffs von außen. Und nur im Fall eines Verteidigungskrieges wird den Märtyrern versprochen, dass ihre Seele sofort in den Himmel kommt. Das heißt, die Attentäter vom 11. September 2001 können gerade nicht als Dschihad-Kämpfer gelten und schon gar nicht als Märtyrer, weil sie nicht angegriffen wurden. Und ganz nebenbei: Wussten Sie, dass fast ein Drittel der Opfer vom 11. September Muslime waren? Das schlimmste Vorurteil entsteht dadurch, dass wir von den Terroristen auf alle anderen Muslime schließen. Damit das nicht so bleibt, können Sie eigentlich nur eins tun: Informieren Sie sich. Vielleicht sind Sie ja heute abend deswegen hier, und das ist klasse. Vielleicht lesen Sie ja auch mal im Koran. Informieren Sie sich auf jeden Fall und passen Sie auf, bevor Sie zu schnell den Islam verurteilen.
Dabei hilft Ihnen vielleicht auch der zweite Schritt, den ich Ihnen vorschlagen möchte. Er heißt: Ziehen Sie zuerst den Balken aus dem eigenen Auge. Die Geschichte zwischen Christentum und Islam ist eine Geschichte gescheiterter Beziehungen. Sie ist gekennzeichnet durch Konkurrenz und Kriege, Eroberungen und Blutbäder im Namen der Religion. Gerade in der islamischen Welt sind die Wunden heute noch tief, und viele fühlen sich heute noch täglich gedemütigt von uns Christen. Viele fühlen sich als Underdogs in einer Welt, die fast ausschließlich von westlichen Ideen gestaltet wird, von westlicher Technologie und Kultur überschwemmt und von westlichen Machtansprüchen dominiert wird. In der modernen Werteskala scheint das Leben eines Moslems eine ganze Menge weniger zu wiegen als das Leben eines Christen oder Juden. Und stimmt das nicht, wenn Sie zum Beispiel die Zahl der Opfer unter Palestinensern oder Israelis nehmen? Oder wenn man sieht, wie lange der Westen zugesehen hat, wie Muslime in Bosnien oder im Kosovo vertrieben oder umgebracht wurden, bevor man eingriff. Ein Moslem versteht das nicht, und sein Haß gegenüber dem so mächtig empfundenen Westen wächst täglich. Und viele Moslems werfen den Westen mit dem Christentum in einen Topf und unterscheiden hier nicht. Was können wir tun? Zunächst einmal demütiger werden. „Lasst uns zuerst den Balkem in unserem eigenen Auge rausreißen, bevor wir uns an den Splitter im Auge der Muslime machen“, würde Jesus sagen.
Der dritte Schritt wäre dann: Suchen Sie das Gespräch mit Muslimen. Nehmen Sie den Islam nicht nur in der Theorie wahr, sondern kommen Sie in Kontakt mit Menschen, die diesen Glauben haben. Es stellt sich dann allerdings die Frage: Mit welcher Haltung sollen Sie einander begegnen? Rechthaberisch auf das pochend, was Sie trennt, oder liebevoll nach dem suchend, was Sie verbindet? Nun, wenn Sie im Dialog mit Muslimen bei dem anfangen, was Sie unterscheidet, dann werden Sie nicht weit kommen. Die beiden Systeme Islam und Christentum sind sehr verschieden. Nicht nur was die Kultur und die Glaubenspraxis angeht. Die Unterschiede liegen im Zentrum. Das aber ist in beiden Fällen die offenbarende Person, der Religionsstifter sozusagen, also Jesus Christus oder Mohammed. Wir Christen glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, Muslime tun das nicht. Für Muslime ist Jesus Christus zwar ein begnadeter Mensch, ein hoch geachteter Prophet, aber auf gar keinen Fall Gottes Sohn. „Eher stürzt der Himmel ein, als dass Gott einen Sohn hat“. Das Zentrum des Christlichen Glaubens, dass Gott in Jesus Christus selbst auf die Erde gekommen ist, und dass er am Kreuz unser Schicksal geteilt hat, damit wir Kinder Gottes werden, das kann der Islam also nicht mittragen. Im Gegenteil, Muslime sagen: Wenn Jesus nur ein Prophet war, dann ist eines klar: Weil Mohammed nach Jesus gelebt hat, bringt der letzte Prophet natürlich die letzte und letztlich gültige Offenbarung.
Andersherum wir Christen: Für uns ist Jesus eben nicht nur ein Prophet. Er hat nicht nur etwas über Gott gesagt, er war Gott selbst. Er hat in seiner Person Gott selbst auf die Welt gebracht, und er hat uns damit das wahre Gesicht Gottes gezeigt. Das aber, so glauben wir, ist ein liebevolles Gesicht. Indem Jesus die Menschen so liebte, wie er es tat, zeigt uns Gott: Hier, das ist die Eigenschaft von mir, an die ihr euch halten sollt: meine grenzenlose Liebe zu euch. Auf die müsst ihr schauen. Ich habe auch andere Eigenschaften: Ich bin der ganz Andere, bin verborgen manchmal oder dunkel, bin auch zum Fürchten. Aber das will ich, dass ihr von mir glaubt: dass ich euch liebe wie ein Vater seine Kinder. Theologisch gesprochen heißt das: Gott nimmt uns als Sünder an, er schenkt uns seine Liebe unverdient und rechtfertigt uns, macht uns vor ihm gerecht. Und wir dürfen dadurch als seine Kinder leben. Zwar noch als Sünder und mit vielen Unvollkommenheiten, aber als Gottes Kinder. „Seht, welche Liebe uns der Vater erwiesen hat, dass wir Gottes Kinder heißen sollen - und wir sind es auch“, wie es in der Lesung heißt.
Der zentrale Punkt, der uns Christen von Muslimen unterscheidet, ist also die Person Jesu Christi, die uns Gott so nahe gebracht hat, dass wir zu Kindern Gottes geworden sind. Das können Muslime nicht mittragen. Muslime sehen sich als Diener Gottes, aber nicht als Kinder. Ihre Beziehung zu Gott ist viel mehr von Ehrfurcht vor dem Erhabenen als von Liebe zum Vater geprägt. Andersherum können wir Christen die zentrale Rolle von Mohammed nicht mittragen. Denn wenn Jesus Gott selbst war, dann hat er – aus unserer Sicht – einen höheren Stellenwert als ein Prophet, und daher kann das, was Mohammed an Offenbarung brachte, für uns keine große Bedeutung haben.
Die Glaubenssysteme sind also unterschiedlich, und wir können in der Religion des jeweils anderen immer nur ein paar Elemente weit mitgehen, zum Beispiel im Schöpfungsglauben. Darum schlagen Religionswissenschaftler heute einen anderen Weg vor: Lasst uns weniger über theologische Unterschiede reden als vielmehr über Gemeinsamkeiten. Denn wir leben in ein und derselben Welt, in ein und demselben immer kleiner werdenden Boot. Wir können es uns nicht mehr leisten, uns zu bekämpfen. Wir können nur zusammen die riesigen Probleme dieser Welt lösen. Daher müssen wir darüber sprechen, wie wir gemeinsam Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit in der Welt fördern wollen.
Statt die Religionen zum Gegenstand des Streits zu machen, muss die Religion also zum Ausgangspunkt des Dialogs werden. Nämlich so: Geht doch einmal davon aus, dass ihr alle euren Ring von Gott habt, dass Gott also will, dass es unterschiedliche Religionen gibt. Dann will er aber auch zwangsläufig, dass ihr miteinander redet. Denn er kann ja die verschiedenen Religionen nicht deswegen erfunden haben, damit ihr euch die Köpfe einschlagt, sondern weil er mit allen Religionen etwas Gutes bewirken will. Ihr müsst also auf die andere Seite zugehen, und zwar nicht gewalttätig-missionarisch, sondern liebevoll-bezeugend. Lebt vor, was euch an eurer eigenen Religion wichtig und lieb ist. Erzählt einander, welche guten Erfahrungen ihr mit eurem Glauben macht.
Und das wäre doch mal eine Haltung, die in der Geschichte, auch in der Geschichte unseres Glaubens, etwas völlig Neues wäre: Die Liebe zum Ausgangspunkt machen, wenn wir auf Menschen anderer Religion zugehen. Schließlich ist sie ja für uns das Zentrum des Glaubens. Der vierte Schritt, den ich Ihnen vorschlage, heißt also: Lieben Sie! Denn „wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns“, wie der erste Johannesbrief sagt. Wir können nicht so tun, also würde Gottes Liebe an Staatsgrenzen haltmachen oder Menschen anderer Kultur ausschließen. Menschen ohne Ansehen der Person und über alle Gräben hinweg lieben, das ist, was für uns gelten soll. Das ist der „Jesus-Weg“ zum Frieden in der Welt, und mit keiner anderen Haltung werden wir uns an Angehörige anderer Religionen annhähern können, werden Christen und Muslime friedlich miteinander leben können.
Dieser vierte Schritt aber, liebe Schwestern und Brüder, ist es , was der Richter in der Geschichte von Nathan dem Weisen den Brüdern vorschlug, Sie erinnern sich? „Jeder eifere seiner von Vorurteilen freien Liebe nach“, lässt Lessing ihn sagen. „Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen! Und wenn sich dann der Steine Kräfte bei euern Kindes-Kindeskindern äußern: so lad ich über tausend tausend Jahre sie wiederum vor diesen Stuhl.“ Lassen wir unsere Kräfte sich äußern, zeigen wir, was in unseren Religionen an Gutem steckt! Ein Wetteifern im Guten statt Zank und Rechthaberei, das wäre der Wahrheit der Ringe angemessen! Denn jeder Ring ist zwar in sich geschlossen und schön, aber er ist nicht die ganze Wahrheit des Vaters. Die ganze Wahrheit hat keine Religion, die ganze Wahrheit hat nur Gott allein. Darum werden am Ende, nach tausend tausend Jahren, nicht Christentum oder Islam stehen. Am Ende wird überhaupt keine Religion stehen. Am Ende wird er stehen, Gott, der alles in allem sein wird.
20.6.2010 Jan Freiwald, Germeringer Nachtkirche
Computerfieber
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, stellen Sie sich vor, ein Erfinder kommt auf ein Amt, um seine neue Erfindung anzumelden. Er stellt sie kurz vor und erklärt mit wenigen Worten, wozu sie nütze ist und was die Menschen für Vorteile von ihr haben werden: „Die neue Technologie“, sagt er, „wird das Volk weiser und gedächtnisfester machen; denn ich habe sie erfunden als ein Mittel für Gedächtnis und Weisheit.“ Ein Mittel, um Gedächtnis und Weisheit zu trainieren? Das klingt gut. Das Gegenüber am Schreibtisch hört sich alles an und erwägt kurz Vor- und Nachteile der Erfindung, und antwortet dann: „Also, Sie sind wirklich ein Meister Ihres Faches. Aber Sie irren sich. Die Erfindung wird nicht das Gedächtnis stärken, sondern die Vergesslichkeit. Niemand wird sich mehr erinnern an früher Gelerntes, weil sich alle von außen erinnern lassen durch fremde Zeichen, nicht von innen her aus Selbstbesinnung. Und von Weisheit geben Sie den Anwendern nur Schein, nicht die Wahrheit. Denn sie werden vieles in sich aufnehmen, aber ohne dass es ihnen jemand erklärt, und so werden sie glauben, vieles zu verstehen, obwohl sie eigentlich nichts verstehen, werden zu Scheinweisen und nicht zu Weisen.“ (Phaidros 274e)
Nein, es ist nicht die Erfindung des Internets, die hier beschrieben wird, und der Erfinder ist auch nicht Bill Gates. Dieser Text, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ist zweieinhalbtausend Jahre alt. Er stammt vom griechischen Philosophen Plato und handelt von der Erfindung einer neuen Technologie, nämlich der Schrift. Nun war die damals nicht mehr ganz so neu, aber Plato widmet doch einige Gedanken der Frage nach den Folgen dieser Kunst oder Technologie: Wie verändert sich das Wissen und das Erinnerungsvermögen der Menschen, wenn sie Gedanken ablegen können, und zwar so, dass andere sie ohne mündliche Erklärung lesen können? Heute, im so genannten Computerzeitalter, müssen wir diese Frage noch einmal und mit ganz anderer Dringlichkeit stellen: Wie verändert sich das Wissen und das Erinnerungsvermögen der Menschen, die täglich und – mal mehr, mal weniger – dauernd mit Computern und digital abrufbarem Wissen zu tun haben? Beim Stichwort „Erinnerungsvermögen“ werden sicher einige von Ihnen lächeln und denken: Ja, früher, da hat man noch auswendig gelernt, Psalm 23 und den Faust, aber heute hat man dafür ja Wikipedia. Aber bevor wir jetzt über die Computer und ihre Folgen für unsere Art zu leben und zu denken reden, machen wir uns klar, dass der massive Einsatz von Informationstechnologie eine Veränderung unserer Kultur zur Folge hat, bereits jetzt schon hat, stärker und vor allem schneller, als es damals bei der Einführung der Schrift war. Kaum zwanzig Jahre sind vergangen, seit die Computer anfingen, sich in unseren Wohn- und Arbeitszimmern auszubreiten und mit ihren Bits und Bytes unser Leben zu durchdringen. Das ist geschichtlich gesehen eine so kurze Zeit, dass man sagen kann: Die Computer haben unsere Kultur massiver verändert als jede Erfindung zuvor.
Sie glauben das nicht? Sie meinen, das alles sei halb so schlimm und Sie befänden sich auf einer Insel der Seligen, weil Sie keinen Laptop besitzen oder kein Handy, und Ihr Kind nicht über das neueste iPhone verfügt? Weit gefehlt. Es gibt keine Insel der Seligen. Die Computer sind überall, und sie haben die Herrschaft auch über Ihre Welt längst angetreten. Versuchen Sie mal, irgendwo Geld abzuheben, ohne mindestens eine Pinnummer im Kopf zu haben. Versuchen Sie einmal, eine Fahrkarte der Deutschen Bahn zu erwerben an den neuen computerisierten Automaten, ohne mit einem Bildschirm umgehen zu können. Oder fahren Sie mit der S-Bahn, es werden mindestens drei Personen um Sie herum an elektronischen Geräten herumspielen oder lautstark telefonieren. Und das ist keine Frage des Alters – Jugendliche, Erwachsene, Senioren, wir sitzen alle im selben Boot. Die Computer sind überall. Grund genug also, einmal darüber nachzudenken, was da eigentlich mit uns passiert, und welche Anstöße der Glaube uns geben kann, damit besser umzugehen. Und wenn Ihnen dabei jetzt vielleicht ein wenig gruselig wird, dann liegt das daran, dass wir ja erst am Anfang des Computerzeitalters stehen, dass sich die Dinge also noch verstärken werden. Die Entwicklung der Technik wird fortschreiten, und sie wird weitere Veränderungen in uns zur Folge haben. Und keiner wird uns dabei fragen, ob wir das auch wollen.
Bereits jetzt bemerken wir ja die Auswirkungen des dauernden Umgangs mit den kleinen so intelligent scheinenden Maschinen: Warum zum Beispiel fällt es uns zunehmen schwerer, einem Gespräch zu folgen oder eine Nachricht zu ignorieren? Warum wächst bei vielen das Gefühl, keine Kontrolle mehr über ihr Leben, ihre Zeit, ihren Alltag zu haben? Was passiert mit unserem Gehirn unter dem Druck der vielen Informationen, die auf uns einstürzen? Wieso haben die Dinge kein Ende mehr, weder Texte noch Informationen, aber auch nicht der Tag und das Jahr? Es gibt mehr und mehr Menschen, die bemerken, dass da irgend etwas ihr Gehirn umbaut, die Erinnerungen umprogrammiert, und dass sie nicht mehr so denken, wie sie früher zu denken gewohnt waren. Unsere Anpassung an die Maschinen hat begonnen. Drei Beispiele will ich Ihnen hierfür nennen.
Erstens. Haben Sie nicht auch öfter das Gefühl, ganz viele Dinge gleichzeitig tun zu müssen? Dieses Gefühl: „Hach, das ist alles so viel, ich komme gar nicht dazu, mal eine Sache fertig zu machen, wo war ich gleich? Ich wollte doch gerade was…“ Viele Dinge gleichzeitig tun, in der Computersprache „Multitasking“, scheint ein Zeichen unserer Zeit zu sein. Und es ist nachweislich die erste Verhaltensweise, die uns von den Computern aufgezwungen wurde. Für sie ist das nämlich kein Problem. Sie sind so gebaut, dass sie mehrere Aufgaben nebeneinander bearbeiten können, und mehr und mehr versucht der moderne Mensch, ihnen das nachzumachen. Es ist regelrecht eine Mode geworden, möglichst viel gleichzeitig tun zu können und dabei noch so zu tun, als hätte man den Überblick: Familie managen, Rasen mähen, Einkauf organisieren, E-Mails abrufen, freundlich bleiben. Nur beim Autofahren ist Multitasking gesetzlich verboten. Leider ist es aber so, dass wir Menschen nicht so gebaut sind wie die Computer. Bei uns verursacht die Bearbeitung mehrerer Dinge gleichzeitig Stress, auch wenn manche, vor allem Frauen, behaupten, sie beherrschten diese Kunst. Doch neurobiologisch ist es unmöglich, sich mit einem Gehirn gleichzeitig auf mehrere Dinge zu konzentrieren. Es geht nur ein Nacheinander, und je mehr Dinge wir versuchen, gleichzeitig zu tun, desto schneller müssen wir springen. Dadurch wird unsere Konzentrationsspanne immer kürzer, uns unterlaufen Fehler, und wir haben das Gefühl, nicht mehr mitzukommen.
Multitasking ist nicht nur eine Zeiterscheinung, die uns vor allem am Arbeitsplatz immer stärker abverlangt wird. Es ist eine Folge der immer komplexer werdenden Welt, in der immer mehr Dinge gleichzeitig an uns herangetragen werden, und alle scheinen sie unendlich wichtig, und alle müssen sofort bearbeitet werden. Aber ist die Welt wirklich komplexer als früher? Oder kommt sie uns nur so vor, weil uns die Computer so viel Wissen zur Verfügung stellen, und weil wir mit so vielen Menschen vernetzt, verlinkt und vertwittert sind? Es sind ja nicht so viele Informationen da, weil sie so unendlich wichtig wären, sondern weil so viele Leute sie ins Internet stellen. Oder weil so viele Leute diese Geräte benutzen. Früher hatten Sie, wenn Sie einen Brief bekamen, mehrere Tage Zeit, diesen zu beantworten. Vielleicht sogar Wochen, denn man bekam ja nicht so viele. Heute, bei durchschnittlich zwanzig emails pro Tag, müssen Sie diese sofort beantworten, oder Sie tun es gar nicht. Und die Verfallszeit einer SMS ist noch kürzer. Wer sie nicht sofort liest, verpasst vielleicht die eine Nachricht, die sein Leben verändert, oder er ist raus aus dem Kreis der Eingeweihten. Die bloße Menge an Nachrichten und das Gefühl, sie alle lesen zu müssen, weil man sonst etwas verpasst, erzeugt einen ungeheuren Druck.
Damit kommen wir zum zweiten Beispiel, wie wir uns in unserem Verhalten den Maschinen anpassen. Durch die bloße Menge an Informationen und Nachrichten, die Ihnen jederzeit und überall zur Verfügung gestellt werden, bleibt Ihnen für jeweils eine Sache weniger Aufmerksamkeit als früher. Der normale Durchschnittsmensch von heute ist mit seiner Aufmerksamkeit bei mehr Dingen gleichzeitig als ein Mensch vor fünfzig Jahren. Einfach weil mehr Dinge an ihn heranschwappen, ob sie nun wichtig sind oder nicht. Damit aber verringert sich die Zeit, die er durchschnittlich mit einer Sache zubringt, das ist eine ganz einfache Rechnung. Wenn Sie das jetzt auf die Jahre oder auf eine ganze Generation hochrechnen, dann müssen Sie sagen: Die Computertechnologie verkürzt unsere Gedanken. Sie verleitet uns dazu, kürzer zu denken. Wir denken nicht weniger als früher, aber schneller, weil ja die Denkvorgänge an Zahl zunehmen. Dadurch bleibt aber weniger Zeit für jeweils eine Sache. Die Folge ist, dass wir die Übung verlieren, mal einen Gedanken zu Ende zu denken und in die Tiefe zu gehen. Das alles muss auf Sie persönlich nicht zutreffen; vielleicht gehören Sie ja gerade zu denen, die sich gegen den Strom stemmen und auch mal in Ruhe ein Buch lesen. Aber wenn Sie es schaffen, dieser Predigt zuzuhören ohne dazwischen gedanklich auszusteigen, dann gehören Sie schon zu einer Minderheit in diesem Land, denn die Aufmerksamkeitsspanne ist messbar kürzer geworden.
Noch eine dritte und letzte Auswirkung der Computer möchte ich nennen. Sie hat etwas mit dem zu tun, was Plato „Scheinweisheit“ nannte, das Gefühl, bescheid zu wissen und es doch nicht zu tun. Je mehr Zeit wir vor den Bildschirmen verbringen, desto weniger Erfahrungen machen wir. Das ist eine Gefahr, die vor allem Eltern durchaus bewusst ist, wenn ihre Kinder zu häufig vor dem Computer sitzen. Die Informationen, die uns die Geräte zur Verfügung stellen, sind zwar Informationen, aber noch lange kein Wissen. Wir können es nicht mit Strg+C in unser Gehirn kopieren. Wissen ist anders, es ist ein Teil von uns selbst, wir haben es uns erworben, meist mühsam, weil wir es durchlebt und hinterfragt oder mit jemandem darüber gesprochen haben. Erst dadurch ist es ein Teil von uns geworden, weil wir es durch viele Erlebnisse in unserem Kopf verästelt haben. Je mehr Informationen wir nun virtuell aufnehmen, und je kürzer die Zeitspanne ist, die wir bei einer Sache bleiben, desto weniger echtes, durch Erfahrung gedecktes Wissen haben wir. Es ist aber dieses Wissen, das uns ermöglicht, Entscheidungen selbständig zu treffen und kreativ zu sein. Es ist eine alte pädagogische Erkenntnis, dass zu viel Stoff das eigene Denken blockiert. Schön wäre es, wenn diese Erkenntnis noch stärker ihren Weg in die Lehrpläne unserer Schulen oder Universitäten finden würde.
Stress durch Multitasking, Verlust an Tiefe durch kürzere Aufmerksamkeit und Zunahme von Halbwissen, das sind in Kürze drei Auswirkungen des Computerzeitalters, die statistisch bereits jetzt messbar sind. Da stellt sich ja nun die Frage: Was können wir tun? Ich habe Ihnen zum Anfang einige Denkanstöße von Seiten des Glaubens versprochen. Nun ist es ja kein Geheimnis, dass Jesus Christus sich zu Computern nicht geäußert hat, und es ist auch kein Geheimnis, dass Gott, da die Computer ein Ergebnis der Geisteskraft von uns Menschen ist, nichts gegen sie direkt haben dürfte. Ich vermute aber, dass er sich bei einigen der Nebenwirkungen schon Sorgen macht um uns. Sorgen darüber, dass wir wichtige und schöne Dinge verlernen, die er uns mitgegeben hat.
Zum Beispiel die Kreativität. Sie ist etwas, das uns grundlegend von den Computern unterscheidet. Wir können Erfahrungen und Gedanken in uns zusammensetzen und daraus Neues schaffen, wir können selbst gestalten. Das ist eine Eigenschaft, die uns mit Gott verbindet, die wir von ihm haben, und um die uns jeder Computer beneiden würde, wenn er zu einem solchen Gefühl fähig wäre. Warum sollen wir uns diese Eigenschaft nehmen lassen, nur dadurch, dass wir ständig auf die Bildschirme starren und den Befehlen der Maschinen folgen? Wir sind ihnen haushoch überlegen! Computer sind dumm, sie können nichts Eigenes leisten. Es sieht vielleicht so aus, aber sie sind nur Werkzeuge, unfähig, von alleine etwas zu tun.
Oder das Problem der Scheinwelt: Als Jesus auf die Erde gekommen ist, hat er ganz deutlich gesagt, warum er gekommen ist, was seine Mission ist: „Ich bin gekommen, damit Ihr Leben habt, Leben im Überfluss.“ Und das Wort Überfluss meint nicht nur richtig viel Leben, Leben satt, sondern hatte einen fast negativen Klang: maßloses Leben. Zu einem Leben im Überfluss gehören aber echte Erfahrungen und keine virtuellen, es gehören lebende Menschen dazu und nicht nur Online-Bekanntschaften, es gehört die ganze Palette menschlichen Lebens dazu mit allem, wozu nur wir Menschen fähig sind: Wärme, Mitgefühl, Toleranz, spontanes Handeln. Warum sollten wir uns das alles nehmen lassen, indem wir nur noch ticken, wie die Computer wollen? Mache dir klar, wessen Knecht du bist, hat Jesus immer wieder gesagt, und mache dich nicht Leuten oder Dingen untertan, die das nicht verdient haben. Du bist ein freier Mensch, denn ich habe dich befreit.
Darum wäre es vielleicht an der Zeit, dass wir uns im Blick auf die Computer klarmachen, wer hier der Herr ist und wer der Knecht, und dass wir gegebenenfalls das Verhältnis wieder zurechtrücken. Die Computer sind Hilfsmittel, sogar sehr gute, aber eben nur das. Und was die Kürze oder die Länge unserer Gedanken angeht: Ich glaube, dass wir in den wesentlichen Dingen des Lebens unseren eigenen Standpunkt erlernen müssen. Das ist geradezu ein Sinn unseres Lebens hier auf der Erde, dass wir Antworten finden auf die großen Fragen: Wem vertraue ich? Woran glaube ich? Wozu bin ich hier? Das aber braucht Zeit. Dafür sind lange Gedanken nötig und auch Geduld, und manchmal klären sich diese Fragen erst nach Jahren. Aber ohne sie kommen wir in der Welt nicht zurecht und kommen mit uns nicht zurecht. Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen das gelingt, dass Sie Zeit finden, Ihre eigenen Standpunkte zu überdenken, mit Gott und mit Ihren Freunden im Gespräch, und dass Sie dann fröhlich Ihren Weg gehen, spontanen Einfällen nachgehen, Ihrer Intuition vertrauen und auf Unerwartetes gelassen reagieren. Das können nämlich nur Sie. Vielen Dank fürs Zuhören.
Jan Freiwald, 7. März 2010 Germeringer Nachtkirche
Stille zu Gott
Liebe Gemeinde! „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.“ In diesem tiefen, klaren Licht des Wortes Gottes, das in unseren bewegten Tagen auch nicht das kleinste bisschen flackert, wollen wir heute Abend als Christen den Schritt vom alten zum neuen Jahr tun. „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.“
Für das Kirchenjahr und die Weihnachtszeit, in der wir uns befinden, bedeutet dieser Einschnitt des Jahreswechsels wenig. Um so mehr aber ist er für uns Christen eine sehr deutliche Erinnerung an den Abend des Lebens, unseres Lebens, und an den Abend der Welt, unserer Weltzeit. Beides liegt vor uns, und niemand von uns weiß, ob wir noch einmal auf Erden den letzten Tag im Jahr begehen werden. Darum kommen wir an diesem Abend zusammen, wo uns das Vergehen der Zeit besonders bewusst wird, in der inneren Stille zu dem, der über alle Zeiten Herr ist, auch über deine und meine Lebenszeit, und der unsere Zeit in seinen Händen trägt.
Was Stille heißt, liebe Gemeinde, das weiß der am besten, der aus dem Lärm kommt, aus der Unruhe und aus dem Geschrei dieses Lebensjahres. Unser Psalm beschreibt sehr realistisch, wie er sich den Menschen vorstellt, der durch dieses Jahr gegangen ist, und sagt uns darüber hinaus, was er über das ganze Menschenwesen denkt. Er redet von einem Fall, vom Stürzen. Er redet vom Würgen und vom Nachstellen. Er redet von der hängenden Wand und von der zerrissenen Mauer, von Gewalt, Lüge und Fluch. So also sieht ein Menschengesicht aus am Ende dieses Jahres. Sehr weit weg, scheint es, von dem Licht und der Klarheit, nach dem es doch gebildet wurde, als das Ebenbild Gottes. Selbst diejenigen von Ihnen, deren persönliche Bilanz für dieses Jahr gut aussieht, werden nicht verschont geblieben sein vom Kampf und von der Unruhe, die auch unser Leben begleitet: vom Geschrei der enger zusammengerückten Menschheit, von dem Gefühl, dass alles schwieriger wird und enger. Vom Kampf um die knapp gewordenen Ressourcen, um Wasser, Erdöl und Nahrungsmittel, der uns längst erfasst hat, obwohl wir auf der reicheren Seite der Erde wohnen. Vom Geschrei um Wirtschaft und Geld, von dem so mancher viel verloren hat in diesem Jahr. Vom Konkurrenzkampf, in dem viele stehen, und in dem sie unterzugehen drohen, weil die Übermacht zu groß scheint.
Gewiß, es gab auch Gutes, wie in jedem Jahr. Für uns als Kirchengemeinde war es ein Jahr des Neuanfangs und des Aufbruchs, und dankbar schauen wir auf das, was wir erreicht haben. Für andere dagegen war es ein Jahr des Abschieds, das Liebgewordenes mit sich gerissen hat, so dass jetzt der Wechsel ins neue Jahr ohne einen geliebten Menschen, ohne die vertraute Umgebung oder ohne die Arbeitsstelle getan werden muss. Und für nicht wenige, die um ihr Auskommen oder um ihre Gesundheit bangen, ist dieses Jahr gewesen wie ein Gang übers Eis, unter dem die Wasser grollen. Wird es weiter tragen? Oder drohen der Einbruch und das Versinken? Wie unsere persönliche Bilanz auch aussieht, wir sind geprägt durch die 365 Tage, die hinter uns liegen, und bevor wir weitere 365 in Angriff nehmen können, suchen wir nach einem Haltepunkt, einem Anker im unruhig dahinfließenden Strom der Zeit.
Und da ist es gut, sich erst einmal sagen zu lassen, was wichtig ist in unserem Leben und was nicht. Wiederum sehr realistisch beschreibt der Psalm, was er sich über die Menschheit an sich und unsere vielen Probleme so denkt. „Aber Menschen sind ja nichts. Große Leute täuschen sich auch. Sie wiegen weniger als nichts, so viel ihrer ist.“ Was haben wir in diesem Jahr für Lärm um Menschen gemacht, um die großen Menschen, auf denen viele Hoffnungen liegen, oder um weniger große, die zum Teil elend gescheitert sind. Und auch uns selbst haben wir wieder einmal viel zu wichtig genommen und uns Menschen zu großes Gewicht beigelegt. Die Heilige Schrift, geübt an der Größe Gottes, weiß, daß dieser Mensch wenig wiegt. „Gewogen und zu leicht befunden.“ Heilsam wäre es, sich an diesem Abend das richtige Maß und Gewicht von Gottes Wort geben zu lassen. Und da müssen wir wohl eingestehen, dass auch in diesem Jahr, das bald zu Ende geht, vieles unwichtig gewesen ist, geradezu nichts. Und dass wir zur Ruhe oder in die Stille nur kommen werden an diesem Abend, wenn unser Herz und unsere Hände sehr vieles loslassen, aufgeben und hinter sich werfen. Den Schritt ins neue Jahr müssen wir mit leichterem Gepäck tun, in dem Wissen, was wirklich Gewicht hat. Erst dann werden wir Anfang und Ende dieses Psalms verstehen, der sagt: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.“
Was bedeutet das nun, die Stille zu Gott, in der dieses ganze Jahr zusammengefaßt zur Ruhe kommt, wie ein Schiff, das anlegen darf, Anker werfen nach einer langen und stürmischen Fahrt? Es heißt ja nicht „Meine Seele ist stille in Gott“. Wenn man das so verstehen würde, dann käme ein sehr frommes Gefühl dabei heraus, das gleichsam aus dem eigenen Leben und der eigenen Unruhe flieht und sich in Gott hinein versenkt, um nur ja nichts mehr zu hören und zu sehen und auch nichts mehr tun zu müssen. Es heißt auch nicht: „Meine Seele ist stille vor Gott.“ Das kann leicht eine Haltung werden, die uns Menschen sehr liegt. Trotzig und mit erhobenem Kopf in das Kommende hinein. Soll doch Gott vorhaben, was er will, wir nehmen’s, wie es kommt, denn wir können doch nichts anderes tun. Nein, das Wort lautet sehr hoffnungsvoll: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.“ Von dir weg darfst du gehen zu Gott hin, von dir selber dich lösen und von allem, was dich geprägt und bedrückt hat in diesem Jahr. Das ist kein Gefühl, das ist auch keine Haltung, das ist die Stille der Erwartung. „Meine Seele ist stille zu Gott.“ Das ist das große Schweigen der Beter in der Bibel, die sich von sich weg zu Gott hingewendet haben, bereit, auf ihn zu hören.
Vielleicht können wir das heute Abend ein wenig lernen, in diese wartende Stille und in dieses hörende Schweigen hineinzugehen. „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.“ Dann wird Gott auch heute Abend nicht schweigen. Er wird keinen von uns ohne ein Wort lassen, wenn wir wirklich offen, bereit und wartend hören auf ihn, stille werden zu ihm. Was wird er sagen? Der Psalm schließt: „Gott hat ein Wort geredet und dabei habe ich zwei Dinge gehört, dass Gott allein die Macht hat und dein, o Herr, die Gnade ist.“ Zwei große Worte, zwei alte Worte, in denen aber das ganze Geheimnis des Glaubens steckt: Macht und Gnade. In unser vergängliches, nichtiges Menschenleben hinein hören wir Jesus Christus reden, der uns Macht über das Leben und Übermacht über den Tod schenken will, und das in einer Stunde, wo wir die Vergänglichkeit und das Fließen der Zeit spüren wie sonst nur selten. Und in die Unruhe hinein und in unsere Angst vor dem, was kommt, will er den Frieden seiner ewigen Gnade legen. Diese beiden Worte sind der Schlüssel, wie wir uns vom alten Jahr lösen wie auch das neue getrost beginnen können: „Du, Herr, hast allein die Macht“, und: „Dein, Herr, ist die Gnade.“
Fürchte dich nicht, sagt Jesus. Ich bin bei dir. Du bist mein. Laß dir an meiner Gnade genügen. Sie ist genug für alle Schuld und Sorgen dieses ganzen Jahres. Ich trage die Schuld für dich. Ich trage dich durch und heim. Alles, was kommen wird, nimm vertrauensvoll aus meiner gnädigen Hand. Sag Ja zu meiner Führung und lass dir genügen an meiner Gnade.
Und noch einmal: Fürchte dich nicht, sagt Jesus. Alle Macht ist mein. Ich bin der Herr der Welt, noch verborgen, aber unerbittlich wirklich. Ich kann dich hindurchbringen, durch dieses ganze Jahr führen und retten im Leben und im Tod. Ich lebe, und du sollst auch leben. Und ich will dich führen, dass du dich wundern wirst. Ich will auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.
„Ein Wort habe ich gehört, dass Gott allein Macht hat, und dein, o Herr, die Gnade ist.“ Das sagt er dir in deine Stille hinein, die offen, wartend ist zu ihm. „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.“ Amen.
Jan Freiwald 31.12.2009
Schöpfung und Evolution
Darf ich kurz fragen: Wer von Ihnen glaubt, dass Gott die Welt erschaffen hat? Könnten Sie sich kurz melden? Und wer glaubt, dass die Welt sich in Jahrmillionen entwickelt hat, also dass die Lehre von der langsamen Entwicklung der Arten recht hat? Man könnte noch unendlich viele solcher Fragen stellen: Ist die Gattung Mensch erst einige tausend Jahre alt, oder sind wir das Ergebnis einer jahrmillionenlangen Evolution? Konnte Jesus wirklich über das Wasser laufen, oder wußte er, wo die Steine liegen oder muß man das eher als Mythos verstehen? Ist die Erde vielleicht doch eine Scheibe? - Der Streit zwischen Glaube und Naturwissenschaft ist so alt wie die Naturwissenschaft selbst. Denn an sich scheint die Sache ja einfach: Glaube und Naturwissenschaft passen nicht zusammen. Schöpfung und Evolution widersprechen sich, denn schließlich kann es ja keine zwei verschiedenen Anfänge der Welt geben. Und weil scheinbar nur eine der beiden Theorien – die Evolutionslehre und die Schöpfungslehre – richtig sein kann, wird auf beiden Seiten verbissen gekämpft. In der Hälfte der Bundesstaaten der USA wird zurzeit juristisch darüber gestritten, ob man an Schulen die Evolutionslehre durchnehmen darf! Und knapp die Hälfte der erwachsenen US-Amerikaner ist davon überzeugt, dass Gott Himmel und Erde vor sechstausend Jahren in der Gestalt erschaffen hat, wie wir sie heute kennen. Einige nennen sogar den Vorabend des 23. Oktober 4004 vor Christus als das Schöpfungsdatum.
Für uns Europäer nun besteht kein Anlass, auf die „ungebildete“ Neue Welt herabzublicken, denn auch ein Viertel der Deutschen lehnen die Evolutionslehre ab, und andersherum sehen viele Wissenschaftler oder Wissenschaftsgläubige in der Lehre von der Schöpfung einen Rückfall in finsteres Mittelalter. Die Fronten sind also hart, und selbst aufgeschlossene Christenmenschen tun sich schwer zu erklären, wie das mit der Schöpfung denn gemeint sei, und wie man noch an einen Schöpfer glauben kann, wo doch die Weltentstehung naturwissenschaftlich viel logischer erklärt werden kann. Also, packen wir’s an und versuchen herauszufinden, woran es liegt, dass man scheinbar beide Seiten nicht vereinbaren kann.
Dass so viele Menschen beim Thema „Schöpfung oder Evolution“ in ein Dilemma kommen, liegt an einem simplen Denkfehler. Genauer gesagt an zwei Denkfehlern. Einem von Seiten der Naturwissenschaften, und einem von Seiten des Glaubens. Zuerst die Wissenschaften. Sie haben sicher von Newton gehört, von Kopernikus oder Galilei. Das waren Forscher, die es geschafft haben, der Natur durch scharfes Beobachten ihre Geheimnisse zu entlocken und diese in Naturgesetze zu fassen. Durch die ständige Entdeckung von neuen Naturgesetzen entstand nun in der Aufklärung ein völlig neues Weltbild. Man nahm mehr und mehr an, die Welt könne mit Mitteln der Vernunft erklärt werden, und die Naturgesetze seien die Instrumente dieser Welterklärung. Ja die Welt sei selbst so beschaffen, dass sie sich, wenn man nur lange genug forscht, bis ins Letzte erklären und beherrschen lasse. Man hat sogar lange nach einer so genannten „Weltformel“ gesucht, die alles erklären sollte, was es im Himmel und auf Erden gab. Dieses Weltverständnisses bedeutete auf der anderen Seite, dass alles ausgeschlossen werden musste, was nicht den Naturgesetzen folgte. Also auch Gott oder Wunder oder eben alles Übernatürliche. Wenn die Naturgesetze für eine Welterklärung ausreichen, dann gibt es darüber hinaus auch nichts anderes. Dieses Bewusstsein setzte sich mehr und mehr in den Köpfen der Menschen fest, und man findet es auch heute noch.
Jetzt zum Denkfehler. Dass die Welt leider nicht mit Mitteln der Naturgesetze vollständig beschrieben werden kann, hat die Quantenphysik im Laufe des 20. Jahrhunderts festgestellt. Sie hat bei ihren Experimenten im subatomaren Bereich herausgefunden, dass es Vorgänge gibt, die wir nicht erklären und auch nicht vorhersehen können. Zum Beispiel lassen sich niemals Ort und Bewegung eines Elementarteilchens gleichzeitig beschreiben. Je nachdem, wie Sie nachfragen, also welches Experiment Sie anwenden, zeigt sich ein Teilchen mal als bestimmter Ort, mal als Bewegung. Oder ein bekannteres Beispiel: Das Licht zeigt sich, je nachdem, welche Experimente wir anwenden, mal als Welle, mal als Teilchen. Das, was wir Wirklichkeit nennen – das Licht -, ist also in Wirklichkeit nicht absolut objektiv beschreibbar. Man kann nicht sagen: So ist es. Sondern, und damit hat Einstein vor hundert Jahren die Wissenschaften revolutioniert, die Wirklichkeit ist abhängig davon, wie wir sie betrachten. Sie ist nicht „so und nicht anders“, sondern es hängt von unserem Blickwinkel ab, wie sie wird. Die Revolution dabei war, dass die Wissenschaft selbst zugeben musste, relativ zu sein, also je nach Bezugsrahmen immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit geben zu können und nie das Ganze.
Jetzt wenden Sie das mal auf Ihre Sicht von der Welt und von den täglich ablaufenden Dingen an: Sie laufen die Straße hinunter, aber sie können nicht sagen: „Ich laufe die Straße hinunter“, sondern Sie können immer nur sagen: „Aus meiner Sicht laufe ich die Straße hinunter, aber es könnte auch sein, dass die Straße sich unter mir wegbewegt.“ Sie können nie sicher sein, dass das die Wirklichkeit ist, was Sie da beschreiben. Sie können nicht einmal mehr sicher sein, dass die Naturgesetze stimmen; denn sie sind nur Arbeitshypothesen, die so lange gelten, wie es keine besseren gibt.
Was bedeutet jetzt dieses Eingeständnis, dass alle Wissenschaft relativ ist, für den Glauben oder für die Frage, ob es Gott gibt? Es bedeutet, dass Gott nicht mehr von vorneherein ausgeschlossen werden kann. Das Weltbild hat sich sozusagen geöffnet. Wenn wir ohnehin nicht die Welt als ganze erklären können, dann gibt es möglicherweise ja auch noch viel mehr, als wir erkennen können. Damit ist der Glaube an einen Schöpfergott aus Sicht der Wissenschaft zumindest möglich; man kann ihn zwar nicht beweisen, aber auch nicht ausschließen.
Jetzt zum zweiten Denkfehler, vielleicht der spannendere, weil er unser eigenes Verständnis vom Glauben betrifft. Auch wir Christen können nicht behaupten, die Welt als ganze erklären zu können. Auch wir sehen nur einen Ausschnitt, nämlich den, den wir gerade aufgrund unseres Wissens und unseres momentanen Glaubens erkennen können. Dass der Glaube sozusagen auch relativ ist, das hat uns die historische Bibelwissenschaft gezeigt. Sie hat herausgefunden, dass jede Aussage über Gott, die ein Mensch macht, oder jede Glaubenserfahrung immer eingebettet ist in den Erfahrungshorizont einer jeweiligen Zeit. Glaubenserfahrungen sind geschichtlich, weil sie von Menschen gemacht werden, und die Menschen verändern sich. Sie denken anders, sie fühlen anders, sie reden anders. Darum versteht man Gott auch heute anders als vor fünfhundert Jahren, und das, obwohl Gott angeblich ja immer derselbe bleibt.
Was für den Glauben insgesamt gilt, gilt besonders auch für die Texte in der Bibel. Auch sie sind Glaubensaussagen, die Menschen in einer bestimmten Zeit auf einem bestimmten Erfahrungshintergrund aufgeschrieben haben. Will man ihren Sinn oder ihre Botschaft erfassen, darf man sie gerade nicht wörtlich nehmen, sondern muss sie in die heutige Erfahrungswelt übersetzen. Bibeltexte sind sozusagen auch relativ. Sie berichten immer nur aus einem bestimmten Blickwinkel von Gott. Naturwissenschaftlich gesprochen: Sie setzen einen bestimmten Bezugsrahmen voraus.
Jetzt stellen wir uns mal janz dumm und wenden diese Erkenntnis auf die Erzählungen über die Schöpfung an. Die beiden Schöpfungserzählungen in 1. Mose 1 und 1. Mose 2 sind Mythen, also Geschichten über Gott und darüber, wie bestimme Menschen in einem bestimmten Bezugsrahmen vor zweieinhalbtausend Jahren ihr Leben verstanden haben. Und zwar haben sie sich und das Leben verstanden als von Gott abhängig, von ihm geschenkt und ihm verantwortlich. Dieses Lebensgefühl – oder diesen Glauben – haben sie über Generationen hin in wunderschöne Erzählungen gefasst vom Ursprung der Welt.
Wenn man die beiden biblischen Schöpfungsgeschichten unvoreingenommen liest, hat man den Eindruck, hier werde beschrieben, wie das entstanden ist, was heute ist. Man liest sie unwillkürlich als Vorgangsbeschreibungen, weil sie so sachlich klingen. Genau das ist aber falsch. Die biblischen Schöpfungsgeschichten sind keine Vorgangsbeschreibungen. Den Satz muss ich mal wiederholen: Die Schöpfungsgeschichten sind keine Vorgangsbeschreibungen. Sie wollen es nicht sein und wollten es nie sein. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass es zwei Schöpfungsberichte in der Bibel gibt, und dass die beiden sich krass widersprechen? Warum? Ganz einfach: die eine ist fünfhundert Jahre jünger als die andere. Und in fünfhundert Jahren hatten sich die Vorstellungen vom Leben und von Gott geändert, darum stellten sich die Menschen die Entstehung der Welt plötzlich anders vor.
Warum stehen jetzt beide in der Bibel? Irgendwann hätte das ja mal einem Bibelredakteur auffallen müssen, dass hier der Anfang der Welt in zwei völlig unterschiedlichen Weisen erzählt wird, einmal generalstabsmäßig in sechs Tagen, und einmal quasi in einem try-and-error-Prinzip: Gott versucht mal das und mal das, und am Ende stehen Schöpfung und Paradies da inklusive Menschen. Kein Bibelredakteur hat die eine oder die andere Erzählung entfernt oder angeglichen, weil man sie nicht als naturkundliche Abhandlungen gelesen hat, sondern als Glaubenszeugnisse. Wären es Sachtexte zur Entstehung der Welt, dann hätte nur eine Version recht, denn es kann ja nicht zwei verschiedene Anfänge geben. So aber stehen beide da, weil beide denselben tiefen Glauben ausdrücken, nämlich dass wir Menschen von Gott abhängen, dass wir von ihm gewollt und geliebt sind, und dass wir ihm vertrauen können. Die Schöpfungsgeschichten wollen uns sagen: Du bist ein Geschöpf, das heißt, du hast einen Schöpfer, der dich gemacht hat und dich beschützt. Sie wollen uns nicht sagen, wie die Welt entstanden ist, sie wollen uns sagen, wie Gott ist.
Merken Sie, wie sich der scheinbare Widerspruch zwischen Evolution und Schöpfungsglaube beginnt aufzulösen? Wenn die Schöpfungstexte keine Vorgangsbeschreibungen von der Entstehung der Welt sind, dann kommen sie auch nicht mit der Evolutionslehre in Konflikt. Wenn umgekehrt die Naturwissenschaften nichts über diejenigen Dinge sagen können, die jenseits ihres jeweiligen Bezugsrahmens liegen, dann können sie auch nicht ausschließen, dass bei der Entstehung und Erhaltung der Welt ein Schöpfer seine Hand im Spiel hat. Glaube und Naturwissenschaften haben je ihre eigene Sicht auf die Wirklichkeit, und keins kann dem anderen hineinreden.
Das bedeutet, dass der christliche Glaube keinen Anlass hat, sich in die naturwissenschaftliche Diskussion darüber einzumischen, wie das Universum entstanden ist. Denn er hat für diese Diskussion keine Argumente und keine Antwort. Der Schöpfungsglaube vermittelt kein naturkundliches Faktenwissen, sondern er stellt uns vor eine Frage, nämlich vor die nach unserem Weltvertrauen und nach unserer Weltverantwortung. Wenn ich mit Martin Luther sage: „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält“ - nicht wahr: Kleiner Katechismus – Wenn ich glaube, dass ich ein Geschöpf bin, dann muss ich fragen, wie ich mich denn verhalten soll gegenüber all den anderen Geschöpfen, also gegenüber meinen nächsten und fernsten Artgenossen, gegenüber den Tieren und Pflanzen, gegenüber unseren Lebensgrundlagen wie Wasser, Luft, Klima.
Die Naturwissenschaften geben hierauf keine Antworten. Sie helfen uns nur, mit der Welt zurechtzukommen und sie uns nutzbar zu machen. Wie wir aber unser Leben leben sollen, das sagen sie uns nicht; das ist das Feld des Glaubens. Darum widersprechen sich beide nicht, weil sie je mit einer anderen Intention auf die Wirklichkeit blicken.
Ich persönlich gehöre nicht zu den Menschen, die behaupten, dass man ohne Glauben gar nicht existieren könne. Man kann, und mancher kann es sogar recht gut. Aber reicher wird das Leben mit dem Glauben, denn er durchbricht immer wieder unseren Bezugsrahmen und macht uns deutlich, dass es mehr Dinge im Himmel und auf Erden gibt, als sich unsere Schulweisheit träumt. Niels Bohr, der berühmte Physiker, wurde einmal gefragt, wieso er denn als Naturwissenschaftler ein Hufeisen über der Tür hängen habe. Und Bohr antwortete: “Ich persönlich glaube nicht, dass das Hufeisen irgend etwas bewirkt, aber angeblich wirken die Dinger ja auch, wenn man es nicht glaubt.” Vielen Dank fürs Zuhören.
Jan Freiwald, Germeringer Nachtkirche 11.10.09
Vater unser
Vater unser in den Himmeln, geheiligt werde dein Name. (Mt 6,9)
Liebe Gemeinde, wie könnt ihr es wagen, so zu beten? Tag für Tag, Sonntag für Sonntag, alle miteinander? Wie könnt ihr es wagen, so zu beten: Vater unser? Wo es doch die Ausnahme ist, dass väterlich, mütterlich oder geschwisterlich miteinander umgegangen wird. Dein Reich komme? Wo doch auf dieser Welt alle möglichen Reiche kommen und gehen, aber nicht Gottes Reich. Geheiligt werde dein Name? Wo doch das Wort Gott ein Allerweltswort ist, das alles und nichts bedeuten kann und für alle möglichen und unmöglichen Ausrufe herhalten muss. Dein Wille geschehe? Wo schon Machiavelli gesagt hat, mit dem Vaterunser könne die Welt nicht regiert werden. Und mit der Bergpredigt, in der das Vaterunser steht, erst recht nicht. Im Himmel vielleicht, aber nicht auf Erden. Wie könnt ihr es also wagen, so zu beten? So frage ich heute, und will, dass ihr einmal darüber nachdenkt, was ihr da im Vaterunser betet, Tag für Tag, Sonntag für Sonntag, laut und öffentlich.
Es ist ein Wagnis, so zu beten, auch wenn das den wenigsten vielleicht bewusst ist, so oft wird das Vaterunser gesprochen. Es gilt als das Innerste der christlichen Lehre, es ist die Stimme des Herrn, der es erfunden hat, es sind seine Worte. Wenn du auch gar nichts mehr weißt vom Christentum und alles vergessen hast, was Religionsunterricht oder Konfirmandenzeit oder der Glauben deiner Eltern an Schätzen dir anvertraut haben, wenn du nichts mehr davon weißt, dann kennst du trotzdem noch das Unservater. Es ist der innigste Ausdruck des Glaubens, und in vielen Lagen hast du es schon gebetet, als Morgenlob oder abendlicher Dank, wenn du erschüttert warst oder knapp einer Katastrophe entronnen, als du den Bund fürs Leben schlossest oder am Grab des Liebsten standst – das Vaterunser war dabei.
Aber es war ein Wagnis, so zu beten, denn schließlich hätte Gott, den du da batest, dich ja beim Wort nehmen können: Was tust du denn dafür, dass mein Name geheiligt werde? Tust du meinen Willen, wenn du bittest, dass mein Wille geschehe? Vergibst du deinen Schuldigern, wie du es versprichst? Es ist das ganze Programm eines Christenlebens, das da heruntergebetet wird, sanft verpackt in die unscheinbare Form von Bitten. Aber die Bitten fallen auf uns selbst zurück. Sie offenbaren nämlich, dass wir selbst der Grund sind, warum wir immer noch so beten müssen. Wir bitten um eine Welt, die es nicht gibt, wir bitten um paradiesische Zustände, die trotz Tausender und Millionen gebeteter Vaterunser immer noch nicht eingetreten sind.
Es sind ja paradiesische Bilder, die da angesprochen werden – Gott über allem, Vergebung, Brot für alle, das Böse verschlungen und vernichtet. Nehmt eure ganzen Träume von einer besseren Welt zusammen, und ihr findet sie alle in den Bitten des Vaterunsers wieder. Das Vaterunser ist ein Gebet voller Träume, und wahrscheinlich tragen wir es deshalb so tief in uns und vergessen es nicht. Aber es sind enttäuschte Träume, und immer, wenn wir es beten, tritt uns diese Enttäuschung vor Augen, die Enttäuschung über den Menschen, der man selber ist und die Enttäuschung über die Menschheit und das, was sie aus unserer schönen Welt gemacht hat und macht.
Woher also, liebe Gemeinde, nehmen wir den Mut, das Vaterunser zu sprechen? Warum sollen wir es immer noch voll Naivität oder voll schmerzhafter Enttäuschung beten? Die Antwort kann nur heißen: Weil unser Herr Jesus Christus es uns gelehrt hat! Das allein gibt uns den Grund und den Mut für dieses Gebet. Trotz der Verhältnisse auf unserer Welt, die nicht so sind, wie wir es erbitten. Gerade deshalb! Denn die Bitten des Vaterunsers spiegeln nicht die Verhältnisse unserer Welt wieder, sondern die Verhältnisse im Reich Gottes. Das Vaterunser ist ein heiliges, ein zu Gott gehöriges Gebet. Gott selbst bürgt dafür, dass das, was da erbeten wird, in Erfüllung geht, und dass diesen Bitten trotz allem die Zukunft der Welt gehört.
Darum lasst uns, wenn wir heute über dieses Gebet der Christenheit nachdenken, heute und an den folgenden Sonntagen, nicht über uns nachdenken und unsere kleinen Verhältnisse, sondern lasst uns auf Gott schauen, den Heiligen, der schon längst alles tut, um unsere Verhältnisse zu ändern, lange bevor wir ihn darum bitten. Denn das ist der eigentliche Sinn des Gebets, nicht Gott daran zu erinnern, was er noch alles zu tun habe, sondern sich ihm zuzuwenden als dem liebenden Vater. Denn er ist immer schon um unsertwillen in Bewegung, seine Güte ist alle Morgen neu, bevor wir um sie bitten. Darum sollt ihr nicht viel plappern, wie die Heiden, denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Das Wesen des Gebets ist, still zu werden und sich einzufinden in die Gegenwart Gottes mit allem, was wir sind. Es sind unsere Hände, die nach den offenen Händen Gottes suchen, sie finden und sich in seine hineinlegen. Im Gebet ist unser unruhiges Herz unterwegs, um in Gottes Herzen Ruhe zu finden.
Dabei kann es dann aber sehr gut sein, dass wir einen schonungslosen Blick in unser Herz tun. Uns unserer Sorgen und Lasten, unserer Schmerzen und unserer Fehler bewusst werden. Vielleicht können wir das überhaupt nur im Gebet. Weil nur dort unser Herz nicht zerreißt und zerbricht. Es zerbricht nicht, weil Gottes Hände es umschließen und zusammenhalten. Er ist da, unser Vater. Vater unser! Geheiligt werde dein Name! Das allein genügt. Das ist der Weg, den uns das Gebet Jesu führt. Es spiegelt nicht unsere Verhältnisse. Es ist Wegweiser unseres Glaubens und unserer Hoffnung, dass wir trotz allem einen rechten Vater haben und seine Kinder sein dürfen, auf dass wir - so Luther - getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen, wie Kinder ihren Vater.
Wir, liebe Gemeinde. Das „Ich“ kommt im Vaterunser nicht vor. Das Vaterunser ist das Gebet der Gebetsgemeinschaft. Ein armer Christ, der keinen hat und keinen braucht und keinen will, mit dem er es beten kann. Ein solcher Christ wird nie die Erfahrung machen, wie dieses Gebet auch den verstummten Mund wieder mitbewegt und schließlich auch ein verbittertes Herz wieder öffnen kann. Ein solcher Christ bemerkt auch nicht, dass das Vaterunser unsere Herzen nicht nur zu Gott, sondern auch füreinander öffnet. Denn nichts, aber auch gar nichts in diesem Gebet gehört mir allein. Den himmlischen Vater gibt es nicht ohne alle seine Kinder. Den Draht nach oben gibt es nicht ohne die Gemeinschaft mit allen Geschwistern auf Erden. Die Beziehung zum Himmel verlangt, dass ich mit beiden Beinen auf dem Boden bleibe. Keine Bitte ist da zu finden, die nicht zugleich eine Fürbitte ist. Mein täglich Brot ist nur als das Brot erhältlich, das auch dem anderen zukommen soll. Wer das Vaterunser betet, betet stellvertretend für alle. Wer es spricht, versammelt die Welt um sich her und bringt sie vor Gott.
Ja, liebe Gemeinde, es ist ein anspruchsvolles Gebet, und es geht nicht spurlos an dem vorüber, der es spricht. Zum Glück aber geht es auch an Gott nicht spurlos vorüber. Denn das Vaterunser, und das ist wohl sein Geheimnis, spricht Gott als Vater an. Es nimmt ihn bei seiner Vaterehre, und nur deshalb können wir es sprechen, ohne uns zu übernehmen, können wir es überhaupt wagen, so zu beten: weil wir es als Kinder beten. In jeder anderen Lage würden wir Gefahr laufen, dass uns bei diesem anspruchsvollen Gebet ein ebenso anspruchsvoller Gott zurückweist und uns auf unsere Unterlassungen festgenagelt. In keiner anderen Haltung könnten wir uns Gott so nähern und auf Erfüllung unserer Bitten hoffen, als nur in der Haltung von Kindern. Vater unser! Wir, deine Kinder, bitten dich, Gott! Und erhoffen uns, dass du genau so handelst wie es im besten Fall unsere leiblichen Väter – und Mütter – tun und getan haben: dass du uns verstehst, uns annimmst, für uns da bist. Als Kinder sprechen wir dich an und reden wir mit dir – wie sollten wir das nicht dürfen? Du, verborgen und doch erreichbar, bist uns Vater und Mutter, unerschöpflich. Und wir sind Fische im Meer, die das Wasser suchen. Du trägst uns, bist um uns bei allem, was wir tun und was wir erleiden. Du bist nur ein Gebet weit entfernt, hast deine Ohren stets auf Empfang. Wie sollten wir also nicht wagen, so zu beten? Wir können, und wir können nicht anders: Als deine Kinder rufen wir dich an.
So lasst es uns, liebe Gemeinde, noch einmal tun, denn nichts anderes erwartet unser Herr Jesus von uns. Lasst es uns noch einmal und immer wieder wagen, so zu beten, als Kinder, die ihren Vater umarmen, wissend um die Zustände in der Welt, wissend auch um die eigenen Unzulänglichkeiten, die Dunkelheiten und Abgründe, aber dennoch vertrauend, dass alles bei ihm Ruhe findet und Erlösung, bei ihm, der Grund und Ziel unseres Lebens ist. Denn nichts anderes will das Vaterunser, das große Gebet der Christenheit, als dass wir gemeinsam zu Kindern Gottes werden, die all ihre Bitten, all ihre Gedanken, all ihr Menschsein hineinlegen in diese Worte, die Jesus Christus uns gelehrt hat: Vater unser im Himmel…
Jan Freiwald, 2.8.2009
Contact
Waren Sie schon mal in Rom? Rom, das ist eine unglaubliche, eine tolle Stadt! Da kann Ihnen ja so viel passieren, nicht nur das, was Tom Hanks in der Verfilmung von „Illuminati“ so alles zustößt. Auch ganz normale Leute können ganz schön in Schwierigkeiten geraten, vor allem, wenn sie sich dem Vatikan nähern. Es kann ihnen nämlich passieren, so wie es mir damals als Rom-Anfänger passiert ist, dass Sie nicht reingelassen werden. In den Vatikan. Sie brauchen nur kurze Hosen zu tragen. Das macht ja bei 35 Grad im Schatten durchaus einen Sinn, aber damit kommen Sie nicht rein. Wenn Sie aber drin sind, dann erschließt sich eine Welt mit ungeheuren Reichtümern und Schätzen, allein schon, wenn Sie die Sixtinische Kapelle betreten.
In dieser Kapelle gibt es ein Bild, das so oft beschrieben und kopiert wurde wie kein anderes in der christlichen Geschichte. Es ist die Erschaffung des Adam von Michelangelo. Man verdreht sich zwar etwas den Hals beim Betrachten, es ist nämlich ein Deckengemälde. Aber trotzdem ist es ein unglaublich schönes Bild, von dem eine große Faszination ausgeht.
Da ist Gott. Selten, dass ein Maler es wagt, den Herrgott persönlich zu malen, aber ich schätze, dass die verbreitete Vorstellung, dass Gott ein alter Mann mit Bart ist, auf dieses Bild zurückgeht. Dabei steht der weiße Bart eigentlich nur für Weisheit, und Gott ist eben die Weisheit schlechthin. Darum mit Bart.
Hier ist also Gott, für einen Moment können wir ihn sehen und seine Unsichtbarkeit ist aufgehoben. Was macht er? Er streckt sich mit aller Kraft, mit allen Mitteln dem Menschen entgegen. Er verdreht seinen Körper richtig und muss sich sogar an den Engeln festhalten, um sich noch weiter nach vorne beugen zu können, auf Adam zu. Er schaut Adam an, gar nicht unfreundlich, eher suchend und fast bittend: „Mensch, jetzt komm doch auch ein Stück auf mich zu, dann berühren wir uns!“ Anscheinend will Gott diese Berührung, aber sie kommt nicht zustande. Es bleibt ein Spalt zwischen Gott und Mensch – und aus welchen Gründen auch immer scheint Gott diesen Spalt nicht überbrücken zu können.
Auf der anderen Seite sitzt Adam. Schon toll, wie viel Michelangelo da in seine Haltung, seine Körpersprache hineingelegt hat. Der Arm ist teilweise nach Gott ausgestreckt, aber irgendwie bleibt Adam lässig, cool. Er lehnt sich bequem zurück, und es ist ihm gleich, dass Gott da fast aus der Wolke plumpst - er rührt sich nicht vom Fleck. Irgendwie schaut er zwar sehnsüchtig in die Richtung Gottes, aber er schaut auch wieder an ihm vorbei oder durch ihn durch.
Ist das nicht ein gutes Bild für unseren Zustand als Menschen? Gott streckt sich nach uns aus, tut alles, um eine Verbindung mit uns aufzunehmen, und wir liegen da. Leben, aber leben doch nicht wirklich. Sehen, aber sehen doch nicht richtig. Leider kann man eben Gott nicht sehen, jedenfalls nicht so persönlich wie auf diesem Bild. Und auch dass er sich bei Ihnen telefonisch meldet und sagt „Ich will mit dir gehen“, ist äußerst selten. Gott streckt seine Hand nach uns aus, aber wir sehen sie nicht. Wir schauen Löcher in die Luft und machen nicht den letzten, den einen Schritt auf ihn zu.
Gott, der seine Hand nach uns ausstreckt. Wiegeht das? Was passiert da, wenn Gott in Kontakt mit uns tritt? Die Theologen, also die, die „von Gott reden“, haben natürlich auch darüber geredet und alle Möglichkeiten, mit denen Gott mit uns in Verbindung tritt, unter den Ausdruck „Offenbarung“ gefasst. Eine Offenbarung ist, wenn etwas Übernatürliches sich zeigt, sich offenbart. Die „klassischen“ Arten der Offenbarung, von denen auch die Bibel voll ist, sind vorhin hier durch den Raum gewandert, also Vision, Eingebung, Traum oder Wunder. Aber es gibt auch viel einfachere Formen, unspektakulärere, durch die Gott spricht. Nehmen Sie einfach die Schöpfung. Gerade jetzt im Mai erleben wir wieder, wie jeder Grashalm, jede Blüte und jeder Baum Zeugnis ablegt von Gottes Schöpferkraft. Es ist wie ein Wunder, wenn im Frühling alles neu anfängt zu sprießen und so üppig und oft verschwenderisch mit Farben und Düften um sich wirft.
Nun gibt es ja jede Menge Leute, die sagen: Also, dafür brauchst du Gott nicht. Das ist eben die Natur, das ist alles darwinistisch erklärbar. Mag sein. Aber wie ist es, wenn wir an den Anfang zurückgehen? Irgendwie muss das alles ja mal angefangen haben, und das ohne Gott zu erklären, ist wirklich schwierig. Ohne Gott muss nämlich alles Zufall sein. Zufällig sind zwei Gaswolken, von denen niemand weiß, woher sie kommen, in den Weiten des Universums zusammengekracht und haben so den Urknall ausgelöst. Zufällig hat dieser Urknall dann so ein wunderschönes Wesen wie mich hervorgebracht, na gut, auch wie Sie. Zufällig. Das ist ungefähr so wahrscheinlich, wie wenn Sie eine Stange Dynamit in einen Schrotthaufen stecken und ihn anzünden, er explodiert, und heraus kommt ein voll funktionsfähiger Fernseher, der zufällig das Endspiel der WM 2010 Deutschland gegen Trinidad-Tobago überträgt. Also wirklich, manchmal sind Atheisten viel gläubiger als wir Christen.
Gott hat überall in der Natur seine Fingerabdrücke hinterlassen. Und ich kann wetten, auch Sie kennen diese Momente, in denen der Vorhang kurz gelüftet wird und Sie beim Anblick eines Sonnenuntergangs, einer Blume oder eines Sturms einen kurzen Augenblick lang spüren: Da ist mehr. Alle Religionen und Kulturen berichten über diese Momente. Es sind oft Momente großen Glücks oder auch großen Leids, „dünne Stellen“ zwischen Himmel und Erde, Augenblicke, in denen der Abstand zwischen Gott und Adam so klein wird, wie auf dem Bild von Michelangelo. Und doch tun wir uns schwer damit. Ich frage mich, warum? Die Welt ist doch so voller Wunder! Raketen fliegen zum Mars, Menschen spalten Atome und Hertha BSC spielt um die Fußballmeisterschaft! Da muss man doch an Gott glauben!
Dass viele das nicht können, liegt wahrscheinlich daran, dass Erfahrungen nicht verallgemeinerbar sind. Sie können alles so oder auch anders verstehen. Wenn Sie selbst noch nie eine Erfahrung mit Gott gemacht haben, dann sind Sie auf die Erfahrungen anderer angewiesen. Und das, was die erzählen, können Sie glauben oder auch nicht. Ich kenne Leute in dieser Gemeinde, für die ist der Kontakt zu Gott etwas völlig Normales. Die leben auf Du und Du mit Gott, die haben sozusagen ständige Verbindung zu ihm. Hören auf ihn, spüren eine innere Stimme oder wie auch immer Sie es audrücken wollen. Sie interpretieren alles auf Gott hin und können Ihnen auch aufzählen: Ja, da und da und da in meinem Leben hat Gott mir das und das gesagt, und ich habe versucht, mich danach zu richten, und es hat mich weitergebracht. Solche Menschen gibt es, und es sind nicht wenige.
Das Problem ist nur: Was bringt Ihnen das? Jemand erzählt Ihnen, dass er etwas unheimlich Wichtiges und Schönes erlebt hat, aber Sie selbst kennen es nicht. Dann bleibt Ihnen nur eins übrig: Sie müssen es glauben. Sie müssen glauben, was der andere sagt, denn beweisen kann er sein Erlebnis nicht. Erlebnisse kann man nicht beweisen, nur erzählen. Hier sind wir beim Grundproblem des Glaubens: Gott kommt auf Menschen zu, zeigt sich ihnen, redet zu ihnen, und Menschen erleben ihn, wie er eben so ist: erschreckend, tröstend, erhaben, mitfühlend, vergebend, fordernd, ratgebend. Gott zeigt sich, aber er beweist sich nicht. Leider. Man kann ihn immer nur dort sehen oder hören, wo er sich zeigt.
In dem Film „Contact“, von dem wir uns für diese Nachtkirche den Namen ausgeliehen haben, spielt Jodie Foster eine Wissenschaftlerin, die seit Ihrer Kindheit erfüllt ist von einer Idee, nämlich dass es da draußen im weiten Universum Leben geben muss. Also sucht sie jahrelang und horcht den Himmel ab und wartet auf eine Botschaft aus dem All. Und endlich findet Sie eine Frequenz, auf der irgendetwas mit den Menschen kommunizieren möchte. Diese andere Intelligenz übermittelt den Menschen den Bauplan für eine Maschine, mit der man in eine andere Welt reisen kann. Jodie Forster reist tatsächlich in diese Welt und trifft auf eine andere Dimension. Was sie da erlebt und was sie sieht von dieser anderen Welt, ist so unglaublich schön und vollkommen, so völlig angstfrei und tröstlich, dass sie ganz überwältigt ist. Sie merkt, dass sie eingebunden ist in etwas viel Größeres, etwas, das völlig klar ist, so dass alle Fragen ganz unwichtig werden.
Als sie zurückkommt, möchte sie natürlich allen von ihrer Erfahrung berichten. Dummerweise hat aber die Videokamera, mit der sie alles aufnehmen sollte, versagt. Und so hat sie keinen Beweis für das, was sie erlebt hat. Sie ahnen, was kommt: Keiner glaubt ihr. Sie muss sich sogar vor dem amerkanischen Senat verantworten, dem sie Rede und Antwort stehen muss und der ihr vorhält, sie hätte sich das alles nur eingebildet. Ich möchte Ihnen einen kurzen Ausschnitt von dieser Verhandlung zeigen, ich weiß nicht, ob Sie den Film kennen, der Ausschnitt zeigt aber in perfekter Weise das Dilemma, das wir haben, wenn wir über persönliche, nicht beweisbare Erfahrungen reden.
Kitz: Wollen Sie wirklich da sitzen und uns erzählen, dass wir das alles einfach glauben sollen?
Richter: Bitte beantworten Sie die Frage, Doktor.
Ellie: Besteht die Möglichkeit, dass es nicht passiert ist? Ja. Ich kann als Wissenschaftlerin nicht umhin, das zuzugestehen.
Kitz: Augenblick, lassen Sie mich das klarstellen. Sie geben also zu, dass Sie absolut keinen Beweis zur Untermauerung ihrer Ausführungen haben.
Ellie: Ja.
Kitz: Sie geben zu, dass das ganze Erlebnis eine Halluzination gewesen sein kann.
Ellie: Ja.
Kitz: Sie geben zu, dass Sie, würden Sie in unserem Gremium sitzen, mit ganz genau der gleichen Mischung aus Ungläubigkeit und Skepsis reagieren würden.
Ellie: Ja.
Kitz: Und wieso wollen Sie dann nicht einfach ihre Aussage widerrufen und eingestehen, dass diese Reise ins Zentrum der Galaxis in Wirklichkeit niemals stattgefunden hat?
Ellie: Weil ich das nicht kann. Ich hatte ein Erlebnis. Ich kann es nicht beweisen, ich kann es nicht mal erklären. Aber alles, was ich ganz genau weiß als Mensch, einfach alles, was ich bin, sagt: „Es ist wirklich passiert.“ Mir wurde etwas geschenkt, etwas Wunderschönes, das mich in alle Ewigkeit verändert. Eine Vision des Universums, die uns ohne jeden Zweifel sagt, wie klein und unwichtig und wie ungewöhnlich und wertvoll wir alle sind. Eine Vision, die uns sagt, dass wir Menschen zu etwas gehören, das viel größer ist als wir, dass wir nicht allein sind, keiner von uns. Nicht eine Sekunde. Ich wünschte, dass ich das teilen könnte. Ich wünschte, dass jeder Mensch, und sei es auch nur für einen Moment, sie fühlen könnte, diese Hochachtung und Demut, und die Hoffnung. Aber – das ist sicher ein unerfüllbarer Wunsch. (Ende der Filmeinspielung)
Nein, ich hatte noch nie so ein Erlebnis wie Jodie Foster. Ich bin noch in keine andere Dimension gereist, und Gott hat mich auch noch nie in einer Telefonzelle erreicht. Überhaupt habe ich noch nie ein Erlebnis mit Gott gehabt, bei dem die himmlische Abteilung für Spezialeffekte mitgewirkt hat. Aber durch einige „dünne Stellen“ im Vorhang habe ich schon schauen dürfen. Ich und viele, die hier sitzen, haben die Erfahrung gemacht, dass wir Menschen zu jemanden gehören, der viel größer ist als wir, und dass wir nie allein sind, nicht eine Sekunde. Darum machen wir das alles hier, darum gibt es diese Gemeinde und viele andere, darum überhaupt gibt es Christen und Menschen anderer Religionen: weil sie Erfahrungen gemacht haben, die sie veränderten. Und weil sie anderen davon erzählen wollen. Weil sie wünschen, dass jeder Mensch, und sei es auch nur für einen Moment, sie fühlen könnte, diese Hochachtung und Demut, und diese Hoffnung.
Jahrhunderte lang stehen die Menschen nun schon Schlange, um das Fresko von Gott und Adam an der Decke der Sixtinischen Kapelle zu betrachten. Doch was wäre, wenn das Wunder, das Michelangelo hier andeutet, in Ihrem Leben schon längst Wirklichkeit ist? Dass Gott sich Ihnen schon gezeigt hat, wie er ist? Dass er sein Bild in die Tiefen Ihrer Seele bereits gemalt hat, und dass alles, was Sie tun müssen, um es auch zu sehen, nichts anderes ist, als – wie Adam auf diesem Bild – den Finger auszustrecken? Gott ist viel näher, als wir denken. Gott ist nie weiter als ein Gedanke entfernt. Und er sehnt sich nach nichts mehr, als Sie zu berühren und mit Ihnen zu gehen. Wir können Ihnen davon vorschwärmen, Sie einladen, diesen Gott auch kennen zu lernen. Aber was wir nicht machen können, ist, Ihren Finger auszustrecken. Das können nur Sie. Vielen Dank fürs Zuhören.
Jan Freiwald, 17.5.2009 (Germeringer Nachtkirche)
Der heilige Gott
„Um diese Zeit kamen einige Leute zu Jesus und erzählten ihm von den Männern aus Galiläa, die Pilatus töten ließ, als sie gerade im Tempel Opfer darbrachten; ihr Blut vermischte sich mit dem Blut ihrer Opfertiere. Jesus sagte zu ihnen: Meint ihr etwa, dass sie einen so schrecklichen Tod fanden, weil sie schlimmere Sünder waren als die anderen Leute in Galiläa? Nein, ich sage euch: Wenn ihr euch nicht ändert, werdet ihr alle genauso umkommen! Oder denkt an die achtzehn, die der Turm am Teich Siloah unter sich begrub! Meint ihr, dass sie schlechter waren als die übrigen Einwohner Jerusalems? Nein, ich sage euch: Ihr werdet alle genauso umkommen, wenn ihr euch nicht ändert!“ (Lk 13,1-5)
Liebe Gemeinde,
Pfingsten 2008: Erdbeben in China, achtzigtausend Tote. Eine Frau hat mich gefragt: Wie kann Gott so etwas machen? Als ob ich den lieben Gott verteidigen müsste. Wie kommen wir eigentlich dazu, ein Wunder zu fordern, wenn mächtige Erdplatten sich gegeneinander verschieben? Soll Gott gegen Erdplatten vorgehen, weil sich auf der Erde, unfertig wie sie ist, geotektonische Verschiebungen ereignen? Gerne wird uns als Christen das Leid der Erde vorgehalten, uns, die von der Liebe Gottes sprechen. Wir haben damit ein Problem, und wir sind selbst schuld daran. Wir werden nämlich Opfer unserer eigenen falschen Predigt. Wer den Leuten verkündet, Gott ist die Liebe und nichts als die Liebe, der braucht sich nicht zu wundern, wenn es entweder mit dem Evangelium oder mit der Welt hinten und vorne nicht stimmt. Dann muss man die Wirklichkeit oder den lieben Gott so lange zurechtreden, bis die Fragen aufhören, oder man sagt am besten gleich gar nichts.
So weit ich die Bibel verstehe und das, was sie über Gott aussagt, mag ich persönlich die naive Rede vom „lieben“ Gott überhaupt nicht. Vielleicht ist Gott gar nicht die Liebe, wie wir uns das vorstellen? Woher wissen wir, dass ausgerechnet dieses Etikett auf den unergründlichen Ursprung alles Seins, den Herrn über Sein und Nichtsein, den Allmächtigen passt? Was genau wissen wir denn schon von ihm? Die Bibel nähert sich Gott mit großer Ehrfurcht, mit Erschrecken vor dem ganz Anderen. Zunächst und vor allem anderen ist Gott heilig. Heilig, das heißt erschütternd, befremdlich, gefährlich, in die Knie zwingend, unfassbar. Und ein Abglanz von Gottes Heiligkeit sind die Gesetze der Natur, und mit denen haben wir es zumeist bei solchen Katastrophen zu tun.
Viele der profesionellen Vermittler des Glaubens, Pfarrerinnen und Pfarrer, Theologen, Religionslehrer, verkaufen den Leuten heute ein erschreckend plattes Gottesbild. Gottes Liebe ist „wie Gras und Ufer, wie Wind und Weite und wie ein Zuhaus“, wie es in einem gerne gesungenen Lied heißt. Gottes Liebe ist absolut grenzenlos. Er hat mehr und mehr die Züge eines fordernden Vaters verloren und stattdessen die einer bisweilen ziemlich klischeehaften zärtlichen Mutter angenommen. Diese bietet ihren Kindern jederzeit Zuflucht und verzeiht ihnen immer und alles. Gott als Gummiwand universalen Verzeihens. Mit diesem Gott kann man locker umgehen und reden, dieser Gott nimmt nichts krumm, er ist einfach immer nur lieb. So einen Gott braucht man tatsächlich nicht zu fürchten.
Aber diesen Gott braucht auch niemand mehr ernst zu nehmen. Denn in solchem Liebsein schwingt eine Harmlosigkeit mit, die ungefähr so ist wie die, die Besitzer von großen Hunden gern betonen, wenn sie Hundephobiker beruhigen wollen: „Keine Angst, der ist lieb, der tut nichts!“ Wenn wir den Herrn über Leben und Tod immer nur auf „Liebe“ reduzieren, dann vermitteln wir bewusst oder unbewusst das Bild von einem Gott, der „nichts tut“. Erstens nichts, was uns gefährlich werden könnte, was uns Schmerz zufügen oder uns völlig aus der Bahn werfen könnte. Zweitens nichts, was helfen könnte gegen Leid und Bedrängnis in der Welt. Was sollte ein bloß „lieber“ Gott gegen das Böse in uns und um uns herum ausrichten können? Vielleicht ist er deshalb für so viele belanglos geworden.
Nach der Bibel ist Gottes Wort wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt. Niemand kann diesen Gott sehen, ohne zu sterben! Die Stimme des Herrn sprüht Feuerflammen, wie es in dem Psalm heißt. Und wo die Klarheit des Herrn aufstrahlt, da kommt die ganze menschliche Armseligkeit an den Tag, die Kaputtheit der Verhältnisse. Da wird die Wahrheit über jeden und über die Welt offenbar.
Nun können Sie natürlich sagen: Oha, sollen wir dann wieder in ein Gottesbild verfallen, wie es im Mittelalter so verbreitet war und dort so viel Schaden angerichtet hat? Sollen wir wieder den zornigen Gott predigen, vor dem alle Welt panische Angst hat, wie es das ja auch heute noch viele Splittergruppen und Fundamentalisten tun? Ich sage, das ist keine Alternative. Wir dürfen weder nur den lieben Gott predigen noch nur den heiligen Gott. Denn Gott ist beides zugleich. Außerdem ist das heilige Erschrecken vor dem großen Gott, wie er so eindrücklich in der Rede an Hiob geschildert wird, ist dieses heilige Erschrecken etwas völlig anderes als krank machende Angst vor einem krank machenden Gott. Diese Angst, panische Angst und Gottespsychosen gibt es auch heute noch. Aber das darf für uns kein Grund sein, seine Heiligkeit auszublenden und nur noch vom lieben Gott zu sprechen - aus Angst, die Menschen könnten vielleicht ein bisschen Angst vor Gott haben.
Ehrfurcht, Gottesfurcht sind natürliche Wahrnehmungen des unendlichen Unterschiedes zwischen Mensch und Gott. Und sie entsprechen auch dem natürlichen Empfinden des Menschen viel eher, als der unglaubwürdige „gute Kumpel“-Gott, der zurzeit so verbreitet ist. Nicht umsonst hat Martin Luther – vielleicht kennen Sie noch seine Auslegungen zu den zehn Geboten? – wie lautet sein Einleitungssatz immer? Wir sollen Gott… fürchten und lieben! Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Was ist das? Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen. Wir sollen ihn so lieben, dass wir nichts anderes zuviel lieben, und wir sollen ihn so fürchten, dass wir vor nichts anderem zu viel Angst haben.
Für die Menschen früher war das mit dem Fürchten einfacher als für uns. Gott wurde viel stärker als der erfahren, der in mein Leben eingreift, der es von einem Moment auf den anderen umwerfen oder auch beenden kann. Der Tod, den wir so oft nur aus dem Fernsehen kennen, war viel näher dran am täglichen Leben. Da fiel es auch leichter, vor Gott und seinen Taten zu erschrecken und ihm auf der anderen Seite dankbar zu sein für jeden Tag und die Zeit zu nutzen, die er uns leben lässt.
Das ist nämlich die eigentliche Lehre, die wir aus der ganzen Rede vom „heiligen“ und großen Gott ziehen sollen: Nutze die Zeit, die du hast! Jesus sagt es deutlich in seiner dramatischen Predigt, als ihm Leute aus Galiläa berichteten, wo Pilatus in einer Art Staatsterrorismus Leute umbringen ließ, oder ihm vom umgestürzten Turm erzählten, der Menschen erschlug: Wenn ihr euch nicht ändert, sagt Jesus, dann werdet ihr genauso umkommen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass unser Leben so alles in allem in Ordnung ist und dass uns von Gottes Seite nichts passieren kann. Herrschende Volksmeinung ist, es führe ein breiter Weg zum Himmel, weil wir so brav und weil Gott so lieb ist. Das ist aber überhaupt nicht das Evangelium. Hier in diesem Text und an vielen anderen Stellen sagt Jesus, dass wir vor Gottes Heiligkeit nicht bestehen können, dass wir überhaupt nicht dem entsprechen, was er für richtig und gerecht hält. Die Differenz von uns zu ihm ist unendlich groß. Mit einem alten und auch fast schon aus der Mode gekommenen Wort: Wir sind Sünder. Und für Sünder ist das Normale, dass ihnen das Gericht und die ewige Verdammnis bevorstehen. Das ist das Normale, das ganz einfach daraus folgt, dass wir nicht Gottes Willen tun, sondern meistens unseren eigenen. Wenn ihr das nicht ändert, werdet ihr genauso umkommen. Darum nutzt die Zeit.
Zum Glück gibt es daneben auch das Unnormale, es gibt die Gnade Gottes, es gibt sein Verzeihen, es gibt seine Liebe, die genauso grenzenlos ist wie seine Gerechtigkeit. Gott verfolgt eine doppelte Strategie, uns zu sich zu führen: die der Ermahnung und es Erschreckens, und die der Liebe. Aber letztere ist das Unnormale, das Unlogische, das, was nur Geschenk ist. Und eines Geschenkes sollte man sich nie zu sicher sein. Man sollte es nie für selbstverständlich halten.
Wenn du also, liebe Schwester, lieber Bruder, dir Gottes Heiligkeit vor Augen hältst und einsiehst, dass das Normale, die gerechte Folge deines Verhaltens der Tod wäre, dann wirst du Gott nicht anklagen, wenn zehntausende in einer Naturkatastrophe den Tod finden. Sondern du wirst stattdessen eher geneigt sein, Gott zu danken. Danke zu sagen, dass es dich nicht getroffen hat. Es kommt auf den Blickwinkel an. Die fordernde, fast kindlich naive Haltung auf der einen Seite: Du musst doch gut sein, Gott, warum tust du also so etwas? Und die realistische, die Gott recht gibt: Ach Gott, gemessen an deinem Willen hätten wir alle ein solches Schicksal verdient. Aber es hat uns – noch – nicht getroffen, darum wollen wir die Zeit, die du uns gewährst, nutzen. Nutzen, uns zu ändern. Denn die Zeit, in der wir die Güte aneinander und das Hinhören auf Gottes Willen lernen können, ist nicht unbegrenzt. Amen.
Jan Freiwald, 8.2.2009
Ein Gnadenjahr des Herrn
„Der Geist Gottes ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein Gnadenjahr des Herrn und den Tag, an dem Gott vergelten wird. Trösten wird er alle Trauernden, den Leidtragenden zu Zion wird er Schmuck statt Asche bringen, Freudenöl statt Trauerkleid, Lobgesang statt Trübsinn. Man soll sie nennen Bäume der Gerechtigkeit, Pflanzung des Herrn, ihm zum Lobe.“ (Jes 61, 1-3)
Liebe Gemeinde, ein Gnadenjahr Gottes wird angesagt. Wir hören die Ansage heute in unserem Predigttext auf einem Umweg. Diesmal ist er noch weiter als sonst, wenn wir aus dem Neuen Testament die Worte Jesu hören. Diesmal wird die Botschaft übermittelt durch einen ungenannten Propheten aus der Spätzeit des Alten Testaments, ungefähr fünfhundert Jahre vor Christi Geburt. Die Gemeinde, der der Prophet damals das Gnadenjahr Gottes ansagte, war die kleine, enttäuschte Gruppe der Heimkehrer aus Babylon. Sie hatten sich die Heimkehr anders vorgestellt: Anstelle der heiligen Stadt und des Tempels hatten sie ein Ruinenfeld vorgefunden, und zwischen den Trümmern siedelten längst Fremde. Ungefähr so erging es den Menschen bei uns in der Nachkriegszeit, oder heute noch den Flüchtlingen in aller Welt, im Sudan, im Irak, in Palästina.
Aber wir müssen uns nicht aufhalten bei der Lage dieser Heimkehrer, denn die Ansage von Gottes Gnadenjahr ist ja nicht nur an die enttäuschten Heimkehrer damals ergangen. Die Ankündigung von Gottes Gnadenjahr, sie und nichts anderes ist der Inhalt der ganzen Bibel und die Gesamtsumme aller christlichen Predigt: Evangelium, zu deutsch gute Nachricht. Martin Luther hat gesagt: Das erste und letzte Wort der Bibel ist Gottes gute Nachricht. Wer die Bibel nicht auf das Evangelium hin liest, der liest sie falsch. „Siehe, ich verkündige euch grosse Freude. Zerbrochene Herzen sollen verbunden werden, Gefangene frei, Sünder ledig und los.“
Irgendwie, liebe Gemeinde, klingt das – gut. Es klingt wirklich gut. Manch einer sagt: Es klingt zu gut, um wahr zu sein. Alle Jahre wieder hören wir die Botenstimme von der grossen Freude, die allem Volk widerfahren wird, aber so richtig freuen können wir uns nicht. Es ist zu grossartig, zu uneingeschränkt gut. Kann es sein, dass wir zu oft enttäuscht wurden, als dass wir uns darauf einlassen könnten? Wir kennen zu viele zerbrochene Herzen, die nicht wieder heil wurden. Wir wissen von Völkern, die hingemordet werden, von Kindern, die verhungern. Das Jahr 2008 war das Jahr der Bombenanschläge, das Jahr der Wirbelstürme und Erdbeben, das Jahr der Finanzkrise und grenzenlosen Vernichtung von Kapital, das Jahr zahlloser Kriege, zuletzt des Krieges zwischen Israel und den Palästinensern. 2008 war als „Jahr des Planeten Erde“ ausgelobt, und doch führte es uns die Anzeichen für den Klimawandel deutlicher vor Augen als je zuvor, während gleichzeitig die Ergebnisse der Klimagipfel und Konferenzen so beschämend bescheiden waren wie sonst auch.
Also kein Gnadenjahr? Soll das ab diesem Jahr alles besser werden? Die Botschaft vom Gnadenjahr ist zu gut, um wahr zu sein. Diesen Verdacht schöpfen manche nicht erst aus den Nachrichten vom grossen Weltgeschehen. Auch aus eigener Erfahrung sind sie schüchtern geworden, der guten Botschaft zu trauen. Eine Frage: Wie viele Menschen kennen Sie, die Sie heute hier sitzen, sich selbst eingeschlossen, die an ihrem Schicksal tragen? Die etwas erlebt haben, was sie niederdrückt? Die trauern oder mutlos sind oder Angst haben? Wahrscheinlich mehr als solche, die von sich sagen: Ich bin auf der Sonnenseite des Lebens, mir geht es super! Die Ängstlichen und Beladenen nun, die werden wohl eher zurückhaltend reagieren, wenn man ihnen sagt: Also, ab heute ist Gnadenjahr des Herrn, ab jetzt wird alles gut. Und das geht durch alle Altersstufen. Man muss nicht vom Leben Dutzende Ohrfeigen bekommen, um Angst zu haben. Der Jugend geht es auch schon so. Die Schlauen rüsten sich für den Konkurrenzkampf, der in der Schule anfängt und im Berufsleben weitergeht, und der ja inzwischen bereits global geführt wird. Und die nicht so Schlauen haben Angst. Angst, dass sie versagen und vom grossen Kuchen nichts abbekommen.
Trotz alledem, liebe Gemeinde, trotz all dieser erfahrenen Wirklichkeit wird im Bibelwort, wird hier in unserer Versammlung heute ein Gnadenjahr Gottes ausgerufen. Der Widerspruch zwischen der Ansage und unseren Erfahrungen steht uns vor Augen, und wir können ihn nicht übertönen durch Glockengeläut oder Silvestergekrache. Aber wir wissen auch: Die Ansage von Gottes Gnadenjahr überdauert den Widerspruch, sie hält ihn aus. Warum? Weil sie nicht, wie etwa eine Ansage im Radio oder im Fernsehen, für jedermann ist. Dort schaut jeder hin, der will, und wer nicht will, schaltet ab oder zappt weg. Die Ansage von Gottes Gnadenjahr dagegen hat eine bestimmte Adresse. Nicht für jedermann. Der Prophet nennt die Adresse mit aller erwünschten Deutlichkeit. Das Gnadenjahr wird angekündigt für die „Elenden“. Den „zerbrochenen Herzen“ wird Heilung in Aussicht gestellt. Freiheit denen, die die Freiheit zu schätzen wissen, weil sie sich als Gefangene fühlen - so oder so. Trost für die Trauernden, Freude für die vielen, die versinken in Trübsinn oder Enttäuschung. Warum diese merkwürdige Adressierung? Jesus sagt: „Weil die Gesunden den Arzt nicht brauchen, sondern die Kranken.“
Im Raum der christlichen Kirchen haben wir uns daran gewöhnt, etwas pauschal zu denken. Krank, das sind „vier alle“. Zu den Elenden und Gefangenen gehört jeder und jede. Zumindest, wenn man ein guter Christ sein will. Zu allerletzt, vor Gott, ist das wohl auch wahr. Aber man soll nicht nur Gott Gerechtigkeit widerfahren lassen, sondern auch den Menschen. Und das heißt, dass wir die Welt nicht zu schwarz malen sollten. Es stimmt nicht, daß alle Menschen Kranke und im Stillen über ihre Unzulänglichkeit Seufzende sind. Es gibt auch die fröhlichen Naturen, und auch sie hat Gott lieb. Warum eigentlich nicht? Nicht nur in ihrem Kummer, sondern auch in ihrer Freude hat Jesus die Menschen aufgesucht.
Das Evangelium nun ergeht immer an einen Menschen, der in seiner Lebensgeschichte die Erfahrung von Leid oder eigener Schuld mit sich herumträgt. Die Leute, denen in unserem Bibelwort Gottes Gnadenjahr angesagt wird, Elende, Gefangene, zerbrochene Herzen und Trauernde, sie alle haben zu tragen und zu knabbern an Schicksalsschlägen wie an eigenem Versagen, an dem, was schiefgegangen ist in ihrem Leben, an ihren geplatzten Träumen und vertanen Chancen. Das ist ihre Gefangenschaft. Wenn einer daran gar nicht zu tragen hat, dann ist die Rede von Gottes Heilszusage nichts für ihn. Jesus sagt: „Ich bin nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder.“ Vielleicht gibt es diese Gerechten wirklich. Jesus läßt die Möglichkeit offen.
Wer nicht zu den Gerechten gehört, für den allerdings ist diese Nachricht lebenswichtig. Dem wird noch einmal die Botschaft zugesprochen: Gott ist unter euch am Werk, die zerbrochenen Herzen zu heilen. Seine Boten sind unterwegs, den Gefangenen die Freiheit zu verkünden. Das Gnadenjahr ist ja ein Erlassjahr, in dem alle Ungerechtigkeiten im alten Israel beseitigt wurden, zum Beispiel jeder wieder sein Grundstück zurückbekam, das ihm einmal gehört hatte. Das alte Recht wird wieder in Geltung gesetzt, alle Schuld wird vergeben, alles Übel verschwindet, Gott beginnt aufs Neue. Und, mal ehrlich, ist das nicht ein Traum: Noch einmal ganz neu anfangen zu können? Sich wiederzufinden, wieder zu sich zu finden? Alle Chancen noch einmal zu haben, gesund und munter zu sein, von aller Schuld befreit? Was für eine fantastische Aussicht, was für ein Traum für das neue Jahr!
Was sollen wir machen angesichts dieser fantastischen Aussicht? Was sollen wir tun auf der Schwelle zum neuen Jahr, zum Gnadenjahr des Herrn? Nun, zu allererst sollen wir die Nachricht hören. Erst einmal hören, nicht gleich verdauen und Pläne schmieden und handeln. All dies Gute, was hier den Gefangenen und den Traurigen versprochen wird, das hat Gott sich selbst vorbehalten. Nicht seine Boten, nicht sein Volk, nicht wir Christen werden das für ihn besorgen: die Heilung der zerbrochenen Herzen, die Befreiung aller Gefangenen, die Tröstung der Trauernden. Das will und wird Gott allein tun. Dafür ist er Gott, und dafür hält er sein Gottsein hoch, auch als Menschgewordener. Es soll Leute geben, die meinen, Gott sei machtlos gegenüber all dem Bösen, was Menschen einander zufügen können. Sie sagen, er habe sich darum längst zurückgezogen aus dieser Katastrophenwelt, er habe hier nichts mehr zu gewinnen. „Aber, der im Himmel wohnt, lacht ihrer, und der Herr spottet ihrer“ (Ps 2,4). Gott ist der Allmächtige! So bekennen wir es doch im Glaubensbekenntnis. Er wird tun, was er verspricht.
Keine Sorge, wer ihm glaubt, dass er der gute Gott ist, der uns nicht verlassen hat, der bekommt auch zu tun, alle Hände voll. Aber es sind Handlangerdienste verglichen mit Gottes eigenem Tun. Es wäre schlimm, wenn der löbliche Tatendrang der Christen und auch unsere vielen guten Vorsätze zum Jahresanfang, die Welt zu verbessern, sich irreführen ließen durch die Vorstellung, ohne uns könnte Gott nichts machen, ohne uns wäre sein Evangelium nur ein leeres Wort. „Trösten wird er alle Trauernden, den Leidtragenden wird er Schmuck statt Asche bringen.“
Unser Prophetenwort beginnt: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt und gesandt hat.“ Wer hier so kühn und selbstbewusst redet, das wissen wir nicht, das hat die Forschung bis heute nicht herausbekommen. Aber im Lukasevangelium wird berichtet, wie eines Tages in der Synagoge von Nazareth Jesus zur Schriftlesung aufgefordert wird. Er liest aus der Buchrolle diesen Abschnitt bis zu dem Vers vom kommenden Gnadenjahr. Dann gibt er die Rolle zurück und sagt nur diesen einen Satz - wieder einer von Jesu unbeschreiblich treffenden kurzen Sätzen, wir würden heute sagen: einer von seinen Highlights. Er sagt nur diesen einen Satz: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“ Das nenne ich doch mal eine kurze Predigt. Kurz, aber sie enthält das Evangelium. Die Leute in Nazareth konnten mit dieser unerhörten Auslegung wenig anfangen, sie waren entsetzt. Aber die christliche Gemeinde ist entstanden und besteht bis heute dadurch, dass einige dieser Auslegung glaubten. Dass sie glauben, Gott mache die Gefangenen frei und heile die zerbrochenen Herzen. Gott gebe uns, dass auch wir das glauben können. Er gebe uns ein gnädiges Jahr, ein Gnadenjahr mit viel Heilwerden und Heilmachen, viel Trösten und Getröstetwerden. Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt; das Alte geht, und Neues ist in dir am Werden. Amen.
Jan Freiwald, 1.1.2009
Ich sehe was
Liebe Gemeinde,
als wir Kinder waren, haben meine Geschwister und ich gerne ein Spiel gespielt, das hieß: Ich sehe was, was du nicht siehst. Vielleicht ist Ihnen aus Ihren Kindertagen dieses Spiel noch bekannt. Advent, die Ankunft Gottes auf Erden macht aus diesem Kinderspiel Ernst. Advent ist der Ernstfall für uns erwachsen Gewordene. Oder anders gesagt: Im Advent wird uns mehr oder weniger erwachsenen Menschen noch einmal zugemutet, wie die Kinder etwas zu sehen, was man eigentlich gar nicht sehen kann. Der Predigttext für heute ist eine solche Zumutung. Er steht bei Jesaja im 43. Kapitel:
Denkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Bisherige. Denn siehe, ich mache etwas Neues. Es keimt und sprosst ja schon. Erkennt ihr’s denn nicht? Ja, ich bahne in der Wüste einen Weg und bringe in der Einöde Wasserströme hervor.
Etwas Neues, liebe Gemeinde, etwas Neues, das wäre für die damals angeredeten Israeliten das Ende der Gefangenschaft in Babylon gewesen. Etwas Neues, das hätte die Heimkehr nach Jerusalem bedeutet, nach der man sich so sehr sehnte. Der Prophetenspruch kündigt Freiheit an und den Weg in eine offene Zukunft. Vorbei die Jahre des Leidens und der Knechtschaft! Das Leben in Babylon in der Fremde war bedrückend, aber schwamm drüber! Achtet nicht auf das Bisherige, denkt nicht an das Frühere! Denn siehe, ich mache etwas Neues. Es keimt und sprosst ja schon!
Doch leider liegt zwischen Babylon und Jerusalem die Wüste. Die Wüste mit ihrer unendlichen Weite: endlos, wegelos, wasserlos. Wie kommt man da durch? Und also zurück ins gelobte Land? Das Neue, wenn es überhaupt kommt, würde es nicht spätestens hier im Wüstensand verenden?
Vernünftige Fragen. Wer will schon gerne in der Wüste verdursten? Trotzdem mutet der Prophet seinen Zuhörern zu, dem zu vertrauen, was er im Namen Gottes anzukündigen hat: Das Neue, sagt er - es keimt und sprosst ja schon! Und ein bisschen vorwurfsvoll: Erkennt ihr das denn nicht? Neudeutsch: Checkt Ihr’s nicht, dass das schon anfängt? Ich sehe was, was du nicht siehst?
Ich schätze, die Israeliten in der babylonischen Gefangenschaft werden ihren Propheten für nicht ganz zurechnungsfähig gehalten haben. Wie kann man jemandem trauen, der etwas sieht, was alle anderen nicht sehen? Ich frage einfach mal: Ist heute jemand hier, der zum Beispiel das Gras wachsen hört? Kann hier jemand von Ihnen das: wahrnehmen, wie es sich unter einer verkrusteten Erdoberfläche regt und bewegt und nach oben drängt, dem Licht entgegen? Oder ist hier jemand, der in einer Wüste – tagelange Sandstürme haben auch den letzten Rest eines Anhaltspunktes weggeweht – der hier einen Weg erkennen kann? Oder gibt es hier einen Wünschelrutengänger, also jemanden, der Wasserquellen ausfindig machen kann?
Wahrscheinlich nicht. Und wenn jetzt einer von Ihnen aufstehen und sagen würde: Also: Ich kann das Gras wachsen hören – mal ehrlich: Würden Sie ihm das glauben? Das wäre doch ein religiöser Spinner, mit dem man Nachsicht haben sollte. Im harmlosen Fall. Im nicht harmlosen Fall wäre er ein gefährlicher Irrer, der aus lauter religiöser Verirrung bei nächster Gelegenheit womöglich sich und andere in die Luft sprengt.
Die Zukunft, die wir selbst berechnen, indem wir aus Vergangenheit und Gegenwart eine Linie bilden und so unsere Pläne machen, die können wir, so gut es geht, erkennen. Aber den Advent Gottes auf Erden erkennen – das können wir nicht. Damals wie heute nicht. Denn wir sind Wirklichkeitsmenschen, die nur das für möglich halten, was sie selber in der Hand haben. Und darum würde, wenn der Prophet uns diese Frage heute stellen würde: erkennt ihr’s denn nicht? unsere Antwort ehrlicherweise lauten: Nein, wir erkennen nichts. Wir hören das Gras nicht wachsen. Wir entdecken in der Wüste bestenfalls unsere eigenen Spuren, nur um dann mit Grausen festzustellen, dass wir uns im Kreis bewegt haben. Und Wasserströme – die halten wir nur dann für möglich, wenn wir sie selber entwerfen und konstruieren.
Aber was Gott macht, das erkennen wir nicht. Mag ja sein, dass das stimmt, was Christen seit zweitausend Jahren verkünden: Dass der Advent schon angefangen hat, dass seit Jesu Wirken hier auf Erden das Himmelreich schon im Werden ist. Mag sein. Vielleicht auch nicht. Begreifen und erkennen können wir das nicht. Warum ist das so? Fehlt uns ein religiöser Sinn, fehlt uns das Auge des Propheten?
Ich sage Ihnen, wir erkennen es nicht, weil wir zu nahe dran sind. Wir sind zu sehr in unsere Wirklichkeit verstrickt. Wir sind zu nahe an den Dingen, um zu erkennen, was Gott uns zuschickt. Die großen Mystiker haben deshalb eines empfohlen: Tritt mal einen Schritt zurück. Um die Aufdringlichkeit, mit der die Welt dir auf den Pelz rückt, zu überwinden, musst du Abstand gewinnen: heilsamen Abstand. Sie sagen: Fernsicht ist es, was wir brauchen.
Geologen, liebe Gemeinde, machen gerne Bodenaufnahmen, indem sie in ein Flugzeug steigen und aus der überlegenen Perspektive von oben Bilder machen. Und siehe da: Auf diesen Aufnahmen erkennt man plötzlich, was unter der Erdoberfläche ist. Man sieht Abstufungen des Bodens, Verwerfungen, alte Fundamente. Sogar manche Schätze sind so schon gefunden worden. Wenn man die Nahperspektive verlässt.
Ich glaube, dass es mit uns genauso ist. Jedenfalls geht es mir so. Wenn ich mich zurechtfinden will, wissen will, was dran ist, was wirklich wichtig ist, und was also der nächste Schritt sein soll, dann brauche ich ab und zu Abstand. Brauche einen Schritt zurück, der es mir erlaubt, den Überblick zu gewinnen und mir wirklich nahe zu kommen. Früher habe ich das gerne durch Reisen gemacht, leider schon ein paar Jahre lang nicht.
Wenn man zu sehr und zu lange aufeinander hockt, kann Entfremdung entstehen: Zur Familie, zu den Mitmenschen, zum eigenen Beruf. Heilsame, kurzzeitige Entfernung dagegen gibt die Chance zu echter, liebevoller Nähe. Wenn das für unser Leben gilt, dass wir ab und zu Abstand brauchen, um uns zu erkennen, zu sehen, was ich tue und die Folgen, dass ich erkenne, wo ich geliebt werde, und erkenne, wo ich ausgenutzt werde – wenn das für unser Leben gilt, um wie viel mehr ist das dann bei Gott so! Um seine Ankunft auf der Erde zu entdecken, braucht es also Fernsicht, Abstand vom Gewöhnlichen.
Wie aber gewinnen wir den? So schwer ist das gar nicht. Ich schlage Ihnen vor, dass Sie ganz einfach einmal eine überlegene Perspektive von oben einnehmen, nämlich die Perspektive von Engeln. Das klingt jetzt vielleicht etwas ungewohnt, aber es hat einen guten Sinn, und die Adventszeit ist ja genau dafür gemacht: die Perspektive, den Blickwinkel zu wechseln und mit den Augen Gottes zu sehen. Die Adventszeit ist wie die Passionszeit vor Ostern eine Zeit der Einübung, des Einschwenkens in Gottes Blickwinkel. Advent ist der Ernstfall für uns Erwachsengewordene, noch einmal das Spiel zu spielen und etwas zu sehen, was eben sonst keiner sieht.
Die Engel eignen sich für diesen Blickwechsel sehr gut, denn sie sind „bei Gott“, so sagt man, sie sind seine Boten. Daher haben sie den Überblick und den Abstand, geradezu himmlischen Abstand: „Vom Himmel hoch, da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär“. Versuchen wir also einmal, auf die Engel zu hören und anzufangen, das Neue zu sehen. Es könnte sein, dass wir dadurch plötzlich vor Möglichkeiten stehen, die man nur aus der himmlischen Fernsicht entdecken kann. Dass die Oberfläche aufbricht und Schätze zum Vorschein kommen. Dass wir nicht mehr nur die eigenen Spuren sehen in der Wüste des Lebens, die uns anzeigen, dass wir im Kreis herumgehen, sondern dass wir Wege entdecken, die vorwärts führen.
Nehmen wir also den Blick der Engel ein; gehen wir einmal die Bibel durch und hören wir, was sie aus der Perspektive Gottes zu sagen haben:
Zu Abraham sagt der Engel: „Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Übers Jahr will ich wiederkommen, dann soll Sara einen Sohn haben.“
Zu Maria sagt der Engel: „Fürchte dich nicht, du hast Gnade bei Gott gefunden.“
Zu den Hirten auf dem Feld singt er: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“
Die Frauen am Grab tröstet er: „Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“
Zu Elia sagt der Engel: „Steh auf und iß! Du hast einen weiten Weg vor dir.“
Und zu Bileam: Was schlägst du deinen Esel, du Esel?
Immer bringen Engel eine Botschaft von Gott, und eröffnen so eine neue Sichtweise. Sie bringen einen neuen Blick auf das Alte, das eben nicht nur das Alte ist, sondern immer auch das, aus dem Gott Neues schafft. Wenn du also den Blickwinkel eines Engels einnimmst – was würde er sehen, wenn er dich sieht? Was würde er dir raten, wovor würde er dich warnen? Nimm einmal an, du gehst so die Straße entlang, denkst an nichts Böses, und stehst plötzlich einem Engel gegenüber. Was würde er zu dir sagen?
Nun, das erste, was er sagen würde, und da gehe ich jede Wette, denn das ist der Standardspruch eines Engels, das erste wäre: „Fürchte dich nicht. Hab keine Angst. Das Himmlische, das auf dich zukommt, ist nichts, wovor du Angst haben müsstest.“ Und dann würde er als Zweites sagen: „Ich sehe was, was du nicht siehst. Aber ich verrat’s dir.“ Und dann würde er auspacken und dir von Himmel und Erde erzählen und warum die Dinge so sind und nicht anders, wie du das alles durchstehen kannst und was Gott mit dir vorhat. Siehe, sagt er, ich mache etwas Neues. Es keimt und sprosst ja schon! Erkennst du es denn nicht? Und du würdest dastehen und staunen und sagen: Tatsächlich, so hab’ ich das ja noch nie gesehen.
Ich wünsche dir in dieser Adventszeit, dass du den Engel hörst. Und dass du dann selber erfahren kannst, wie nahe das Neue ist, wie nahe der alles erneuernde Herr ist. Denn das ist Advent: Gott, der nahe ist. Amen.
Jan Freiwald, 14.12.2008
Die Macht der Träume
Liebe Gemeinde!
“Wenn es irgend jemanden da draussen gibt, der noch daran zweifelt, dass in Amerika alles möglich ist, der sich fragt, ob der Traum unserer Gründer heute noch lebt, der die Kraft unserer Demokratie in Zweifel zieht: Diese Nacht ist eure Antwort.“
Mit diesen Worten beginnt Barack Obama seine Rede, nachdem er zum neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt worden ist. Es ist eine Rede, die die Menschen dort auf dem Platz in Chicago und vor den Fernsehschirmen in aller Welt zu Tränen rührt. Und mich auch. Ich weiss nicht, ob Sie sie gesehen haben, immerhin war es vier Uhr in der Nacht. Ich selbst gehöre ja eigentlich zu den Menschen, die nachts immer sehr gerne und sehr tief schlafen und selten lange aufbleiben. Aber ich muss sagen, dieses Mal hat sich das Aufbleiben gelohnt. Nicht, weil mit dieser Entscheidung des amerikanischen Volkes, einen Schwarzen zum Präsidenten zu machen, tatsächlich Geschichte geschrieben worden ist. Sondern weil in dieser Wahlnacht, in dieser Antrittsrede und in den Gesichtern der Menschen eines deutlich geworden ist: Wozu Menschen fähig sind, wenn sie träumen.
Diese Gesichter - Schwarze und Weiße, Junge und Alte standen da auf dem Platz in Chicago und anderswo und haben geheult. Nicht, weil der Mensch, der da gewählt wurde, so nett ist oder so sexy ist oder so gut reden kann. Nicht weil sie eine Wahl gewonnen haben und die anderen sie verloren haben. Sie haben geweint, weil sie die unbändige Kraft gespürt haben, die freigesetzt wird, wenn Menschen träumen. Und wie viel möglich wird, wenn sie dann auch noch gemeinsam träumen. Ähnliches habe ich bisher nur beim Fall der Mauer erlebt, und daher haben mich die Bilder aus Chicago auch sehr stark an die Tage des 9. und 10. November 1989 erinnert. Es war derselbe Ausdruck rührender Freude in den Gesichtern, es waren dieselben Tränen.
Nun kann man die Sache natürlich nüchtern sehen und sagen, mit der Wahl dieses Präsidenten ist ja noch gar nichts passiert, die Welt ist noch nicht besser geworden, es gibt noch Guantanamo, es gibt noch nicht mehr Arbeitsplätze, es gibt noch die Finanzkrise. Aber das ist nicht das Entscheidende. Wenn wir träumen, dann sehen wir nicht das, was ist, sondern das, was werden kann. Und was das angeht, dürfen wir, denke ich, für die nächsten vier Jahre einiges Positive aus Amerika erwarten.
Im Grunde ist Träumen eine sehr christliche Tätigkeit. Denn einer der größten Träumer der Weltgeschichte war Jesus. Auch Jesus hat geträumt, er hat ein klares Bild von der Zukunft gehabt, die er das Reich Gottes nannte, und er hat Menschen dazu gebracht, sich für diesen Traum einzusetzen. Diese beiden Dinge machen nämlich einen Traum aus: Er ist ein Bild von der Zukunft, und er setzt Menschen in Bewegung. Er bringt sie dazu, sich einzusetzen, damit der Traum erreicht wird. Ein Traum, der niemanden zum Handeln bringt, ist kein Traum. Und die große Chance dessen, was wir gerade in Amerika sehen, ist, dass dort ein Traum oder besser mehrere Träume tatsächlich Menschen in Bewegung setzen, begünstigt durch verschiedene Faktoren, und das schon lange vor der eigentlichen Wahl. Es gehen Träume um, die so stark sind, dass sie Tausende und Hunderttausende in ihren Bann ziehen. Anders sind die Gefühle der Menschen nicht zu erklären.
Anders, liebe Gemeinde, war es mit Jesus nicht. Auch er hatte einen Traum, ein Bild von der Zukunft, das andere in seinen Bann zog. Der Traum Jesu war, so beschreibt es das Neue Testament an vielen Stellen, dass Menschen in eine neue Gemeinschaft mit Gott eintreten. Dass sie ihr ganzes Leben von Gott bestimmen lassen, dass sie seine Gebote halten und so Gott ähnlich werden. Seine Botschaft war: Stelle dich radikal unter Gottes Führung, und du wirst ihn erfahren als den, der deinem ganzen Leben Sinn und Tiefe gibt. Durch den alles unwichtig wird, was dir bisher Sorgen gemacht hat, der dir Kraft gibt, dich fröhlich macht, dich liebevoll zu deinen Mitmenschen macht, dir deine Fehler verzeiht. Gott kann das alles, du musst ihn nur lassen. Das war der Traum Jesu, und seine Reden, seine Gleichnisse und seine Wundertaten sind einzig und allein eines, nämlich Werbung für diesen großen Traum: Dass Gott Menschen verwandeln kann. Yes he can, Gott kann das. „Denn schaut“, sagt Jesus, „in mir ist dieser Traum Wirklichkeit. Mir hat er das schon alles geschenkt, mich hat er schon verwandelt. Also kann er das bei euch auch tun.“
Yes he can, das war kurz gesagt die Botschaft Jesu. Und Sie alle säßen heute nicht hier, wenn Sie ihm das nicht in irgendeiner Weise glauben würden. Wenn Sie nicht mit der verändernden Kraft Gottes rechnen würden, die nicht nur zu allen Zeiten gewirkt hat, sondern die es auch heute noch tut. Denn in einer Zeit, in der viele Kirchengemeinden über Mitgliederschwund oder Überalterung klagen, führt er junge Leute in Scharen zu uns, die ausprobieren wollen, wie Christsein sich anfühlt. Yes he can. In einem unter Wirtschaftskrise, Kriegen und Rassentrennung leidenden Land lässt er wildfremde Menschen einander in die Arme fallen aus Freude über den ersten schwarzen Präsidenten. Yes he can. Angesichts des Todes lässt er eine versammelte Gemeinde Lieder vom Leben und von der Auferstehung singen und so ihre Trauer ein stückweit vergessen, so geschehen unlängst in unserer Gemeinde und auch anderswo. Yes he can.
Gott kann das. Er kann Menschen verändern, und er kann Träume wahr werden lassen. Für uns bedeutet das zunächst einmal eines: dass auch wir träumen. Das Träumen von einer besseren Zukunft und der Einsatz dafür sind urchristliche Eigenschaften. Christen legen in der Regel nicht die Hände in den Schoß, sondern versuchen, ihre Gaben für andere einzusetzen und an einem Traum von der Zukunft mitzubauen. Träume werden so zum Treibstoff der Welt, und zwar zu einem, der wesentlich stärker ist als Dollar oder Euro. Und es ist schön zu sehen, gerade für mich als Pfarrer, dass in den letzten Jahren auch in unserem Land sich diese Erkenntnis beginnt durchzusetzen. Dass Spass und die eigene Freude nicht alles ist, was zählt, sondern der Einsatz für eine Sache, die größer ist, als ich selbst, eine Idee, ein Traum.
Da muss man nun natürlich darauf achten, dass es die richtige Sache, der richtige Traum ist, dem man folgt. Denn auch das gibt es ja, fehlgeleitete Träume, Fanatismus statt Idealismus. Heute, am Volkstrauertag, gedenkt unser Land der Toten, Verwundeten und Vermissten des Weltkrieges. Die Zeit des Nationalsozialismus zeigt in bitterster Weise, wie es verantwortungslosen Politikern möglich ist, mit den Träumen der Menschen, ja einer ganzen Generation zu spielen und sie fehlzuleiten. Darum ist unsere eigene Geschichte für uns immer ein Warnzeichen, nicht vorschnell Träumen nachzujagen, nur weil alle das tun. Und wenn uns das vorsichtig macht im Umgang mit Emotionen, die ein Politiker in uns weckt, dann hat das auch ein Gutes, auch wenn es uns im Ausland den Vorwurf eintragen sollte, unterkühlt und wenig begeisterungsfähig zu sein.
Einen „richtigen“ Traum, liebe Gemeinde, erkennt man relativ einfach. Nämlich daran, ob er mit dem Traum übereinstimmt, den Jesus hatte. Oder ob er sich wenigstens mit ihm verträgt. Ein Traum, der legitim ist und für den es sich lohnt, sich einzusetzen, hat es also zunächst immer mit Gott zu tun, auf den wir hören und in dessen Nähe wir uns begeben müssen. Jesu Traum war eine neue Art von Gottesgemeinschaft, von Nähe zu Gott als einem liebenden Vater. Von daher muss alles, was wir träumen, diese Nähe zu Gott sozusagen aushalten. Wir können nicht vor das Angesicht Gottes treten und von Mord und Totschlag träumen. In der Nähe eines Gottes, der das Leben will und ins Leben ruft, müssen wir davon träumen, dem Leben zu dienen, zu helfen, zu heilen, zu trösten. In der Nähe eines Gottes, der die Gemeinschaft will mit sich und von uns Menschen untereinander, müssen wir davon träumen, dass Menschen zueinander finden. Dass Trennungen aufgehoben werden, im Kleinen wie im Großen. Darum ist ja auch der Traum vom friedlichen Miteinander der Rassen, wie in Amerika, ein zutiefst christlicher Traum. Darum setzen sich ja auch die Kirchen hierzulande so stark für die Aussöhnung mit den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern ein. Trennung oder Hass können vor Gott keinen Bestand haben; damit brauchen wir ihm nicht zu kommen. Und ich verstehe nicht, warum es bis heute Menschen gibt, die das nicht einsehen.
Das Träumen von einer besseren Welt im Kleinen wie im Großen, von geheilten Wunden und abgewischten Tränen, ist uns in die Wiege gelegt. Die ganze Bibel erzählt von diesem großen Traum, den Gott mit uns hat. Er hat ihn formuliert, als er die Welt schuf, zwar nicht in sieben Tagen, aber in Jahrmillionen. Und er hat ihn so kurz und knapp formuliert, dass alle Werbestrategen der Welt es nicht besser auf den Punkt bringen könnten: „Siehe, es war sehr gut!“ Das ist Gottes Traum mit uns: Siehe, alles ist gut. Gott ergötzt sich nicht an den Dramen dieser Welt. Er lacht nicht schadenfroh, wenn wir von einer Krise in die andere stolpern. Sein Traum ist, dass alles heil und gut wird. Und für diesen Traum wird er alles tun, ja hat er sogar schon alles getan. Dass Gott, liebe Gemeinde, dass er in Jesus Christus seinen Fuß in diese Welt gesetzt hat, dass er tatsächlich gekommen ist um persönlich nachzusehen, was uns fehlt, das ist der Beweis, dass er es ernst meint mit seinem Traum. Dass er ihn in die Tat umzusetzen entschlossen und in der Lage ist. Yes he can. Das Kommen von Jesus ist die große Veränderung, denn sie macht aus einem fernen Gott einen nahen Gott, aus einem fernab in Himmelssphären herumspinnenden Fantasten einen realistischen Träumer. Denn nur wer realistisch träumt, also um die Realität weiß, von ihr ausgeht und dann auf deren Veränderung zielt, kann auch Menschen in Bewegung setzen.
Gott kann das. Er kann Menschen in Bewegung setzen, und er kann Träume wahr werden lassen. Manchmal braucht er unsere Hilfe dazu, manchmal nicht. Darum, weil unser Gott ein realistisch träumender Gott ist, darf man uns Christen dieser Tage vieles nachsagen, und ich habe auch gar nichts dagegen, dass Leute das tun: Dass zum Beispiel unsere prägende Kraft für die Gesellschaft nachläßt, dass uns viele Leute skeptisch gegenüberstehen, dass das, was wir tun, glaubhafter sein müsste und besser zu dem passen sollte, was wir reden. Das alles dürfen die Menschen gerne über uns denken. Aber eines, das dürfen sie nicht, das darf nie passieren, das darf man uns in Gottes Namen niemals nachsagen: Dass uns unsere Träume abhanden gekommen sind. Denn das würde bedeuten, dass wir unserem Gott nichts mehr zutrauen.
Stattdessen also, wenn jemand uns vorwirft, wir würden nicht daran glauben, dass Gott alles möglich ist, werden wir ihm antworten: Gott wird seinen Traum wahr werden lassen, von der Welt, von dir und von mir. Yes he can. Und er wird nichts lieber tun, als uns, als dich und mich für diesen seinen Traum in Bewegung zu setzen. Amen.
Jan Freiwald, 16.11.2008
Die Bibel - ein merkwürdiges Buch
Ich habe mal eine ganz schlechte Erfahrung mit einem Kompass gemacht. Es war während einer Reise durch das faszinierende, aber auch unwirtliche Schottland. Mein Freund und ich waren zu Fuß unterwegs und hatten ganz oben im Norden die Küstenstraße verlassen und waren landeinwärts abgebogen, um eine Abkürzung zur nächsten Eisenbahnlinie zu finden. Abkürzung… Leider ist das Wetter in Schottland oft regnerisch oder neblig, und die Wolken hingen so tief, dass wir schon lange keinen Schimmer mehr hatten, in welche Himmelsrichtung wir gingen, weil man die Sonne nicht sah. Aber ich hatte ja zum Glück einen Kompass dabei. Den hatte ich mir extra für diese Reise gekauft, mit einem beweglichen Ring außen zur Einstellung der Skala. Den packte ich also aus und schaute auf die Gebrauchsanweisung: „Halten Sie den Kompass Richtung Norden und stellen Sie den Pfeil ein.“ Richtung Norden, das ging noch, das war da, wo die Nadel hinzeigte. Aber das mit dem Einstellen ging nicht. Im Laufe unserer Reise, so bemerkten wir, war die Flüssigkeit, die den Kompassring beweglich machte, ausgelaufen. Wir hatten also einen Kompass, aber wir konnten ihn nicht mehr richtig einstellen.
Mit der Bibel, liebe Gemeinde, ist es wie mit diesem Kompass. Wir lesen die Bibel, den Kompass des Lebens, aber wir müssen ihn dazu erst richtig einstellen. Er führt uns zum Ziel unseres Lebens, aber nur, wenn wir wissen, wie herum wir ihn halten müssen, sozusagen. Wir brauchen die Grundrichtung, an der wir die Bibel und alles, was sie uns sagt, ausrichten können. Martin Luther nannte diese Grundrichtung die „Mitte der Schrift“. Ich würde es so nennen: Was ist der Zweck der Bibel? Wozu wurde sie geschrieben? Mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden habe ich am Freitag mit der Einheit über die Bibel angefangen, und wir haben herausgefunden, dass es wichtig ist, den Zweck eines Textes zu kennen. Den Grund, warum er geschrieben wurde. Ein Zeitungsbericht will informieren, ein Roman unterhalten. Wenn Sie den Zweck nicht kennen oder einen falschen annehmen, dann kann der Text nicht richtig zu Ihnen sprechen.
Angenommen, ich würde Ihnen ein Telefonbuch vorlegen und sagen: „Ich habe hier eine Liste aller Germeringer, die katholisch sind.“ Oder ich sage: „Hier ist eine Liste aller Germeringer Schüler, die eine eins in Mathe haben.“ Moment, würden Sie sagen, das ist nicht der Zweck dieses Buches, Auskünfte über Konfession oder Schulvorlieben zu geben. Das ist ein Telefonbuch! Der Zweck ist es, möglichst schnell die gewünschte Telefonnummer einer Person herauszufinden. Genauso mit der Bibel. Ich muß ihren Zweck kennen, sonst kann ich sie nicht benutzen, sonst ist sie mir nutzlos. Nur wenn ich den Grund kenne, warum die Bibel geschrieben wurde, kann ich ihre Wahrheiten annehmen.
Es gibt ja nun viele Leute, die der Bibel einen falschen Zweck unterlegen, oder schlimmer noch: gar keinen. Es gibt zum Beispiel Leute, die die Bibel wörtlich nehmen und versuchen, sie eins zu eins in unsere heutige Zeit zu übersetzen. Wenn man das tut, dann muss man aber auch seine Kinder schlagen, der Kirche den zehnten Teil des Einkommens überweisen und seine Nachbarn verbrennen, wenn sie samstags ihr Auto waschen. Die wortwörtliche Befolgung von Sitten und Gebräuchen von vor über zweitausend Jahren ist aber nicht der Sinn der Bibel. Andere Menschen wiederum glauben, in der Bibel sei ein geheimes Wissen verborgen, wie man den Tag berechnen kann, wann Jesus Christus wiederkommt oder wann die Welt untergeht. Zur Jahrtausendwende hatten diese Gruppen einen Riesenzulauf. Und wieder andere nehmen die Bibel her, um ihren ganz persönlichen Glauben, den sie sich zurechtgelegt haben, zu rechtfertigen und zu untermauern.
Der häufigste Fehler ist aber, der Bibel überhaupt keinen Zweck zu unterlegen. Sie sei einfach nur geschrieben worden, weil Menschen etwas von Gott gehört haben und das dann festgehalten haben. Darum könne man sie so lesen, wie es einem gerade passt, und sich das heraussuchen, wonach einem gerade ist. Man kann sich trösten lassen oder in den alten Geschichten schwelgen, die man aus dem Kindergottesdienst kennt, ohne dass das große Auswirkungen auf das eigene Leben hat.
Es steckt viel drin in der Bibel, liebe Gemeinde. Und wenn man will, kann man fast alles aus ihr herauslesen. Was ist aber nun ihr eigentlicher Zweck? Lassen wir sie selbst zu Wort kommen. Im Johannesevangelium steht: „Diese Dinge sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.“ (Joh 20,21) All diese Dinge sind aufgeschrieben, damit ihr das Leben habt. Oder im 2. Timotheusbrief: „Seit du ein Kind warst, hast du die heiligen Schriften gekannt, die dich weise machen. Und Weisheit führt zur Rettung durch den Glauben an Jesus Christus.“ (2. Tim 3,15)
Der Zweck der Bibel, liebe Schwester, lieber Bruder, der Zweck der Bibel ist Rettung, deine Rettung. Rettung, indem du an Gott und an Jesus Christus glaubst. Gottes grösster Wunsch ist, seine Kinder nach Hause zu führen; das ist das Ziel seiner ganzen Weltgeschichte. Und sein Buch, die Bibel, beschreibt seinen Rettungsplan. Das Licht, das Hirten an Weihnachten auf dem Feld gesehen haben und das seitdem immer wieder Menschen in dunkler Nacht sehen, dieses Licht ist keine Weihnachtskerze. Es ist Blaulicht. Und statt Kirchenlieder zu singen und Kerzen anzuzünden, sollten wir lieber ein Martinshorn heulen lassen, in jedem Gottesdienst Martinshorn mit Blaulicht statt Orgelmusik. Weil der Sinn von allem, was Gott tut, die Rettung seiner geliebten Menschen ist. Der Zweck der Bibel ist es, die Rettungsaktion Gottes, die sich durch seine Geschichte zieht, bekanntzumachen. „Sage meinen Kindern, dass ich sie retten will“, das ist, in Kürze, die Botschaft der Bibel. „Sage meinen Kindern, dass ich sie retten will. Und sage ihnen, sie sollen keine Angst haben.“
Das, liebe Gemeinde, ist der Grund, warum dieses Buch die Jahrhunderte überdauert hat. Es enthält den einzigen Trost, den man auf der Welt finden kann. Den einzigen Trost, der es schafft, durchs Leben zu tragen und sogar durch den Tod hindurch: Dass nämlich Gott kommt und seine Menschen rettet. Die Bibel ist geschrieben, damit Menschen durch sie zu Gott finden. Das muss man sich mal klarmachen! Das ist kein neutraler Bericht von Ereignissen wie in der Tagesschau, die nur informieren wollen. Der Zweck ist, dass du gerettet wirst! Mit jedem Wort spricht die Bibel davon, welche Wege du zu Gott gehen kannst. Das bedeutet aber, dass sie sich nicht „einfach so“ lesen lässt, zur Unterhaltung, so als Bettlektüre. Das kann man schon machen. Aber es wird ihrem Anspruch nicht gerecht. Sie will berühren, sie will bewegen, sie will tragen. Und Menschen ist das immer wieder passiert, dass sie bewegt und getragen werden.
Ich habe in der vergangenen Woche eine Frau besucht, die im Sterben liegt. Die Ärzte geben ihr nur noch wenige Tage. Auf dem Nachttisch im Krankenhaus liegt ihre Bibel. Vergilbtes Papier, ein Kriegsdruck auf schlechtem Papier. Und zerlesen sieht sie aus. „Das ist meine Konfirmationsbibel“, erzählt die Frau. „Ich kann sie nicht mehr lesen, sie ist zu klein gedruckt. Aber es reicht mir zu wissen, dass sie da ist, dass sie dort auf meinem Nachttisch liegt, so wie sie es immer getan hat. Ich kann sie nicht mehr lesen, aber das macht nichts. Es ist alles hier drin.“ Angst vor dem Sterben, nein, die habe sie nicht, sagt sie. Weil sie weiss, dass Jesus sie auf der anderen Seite erwartet. Die Bibel trägt durchs Leben, wie sie auch durch den Tod hindurch zu tragen vermag. Welches Buch, welche Wahrheit kann das von sich sagen?
Du musst allerdings, um das zu spüren, eines wissen, nämlich dass du es nötig hast, getragen zu werden. Getröstet zu werden, gerettet zu werden. Vielleicht geht es dir ja äusserlich gut, und auch innerlich bist du ein fröhlicher Mensch und denkst, das Gerede von Sünde und Schuld gehe dich nichts an; Rettung brauchst du nicht. Rettung wovor denn? Zum Glück gibt es Zeiten, in denen wir so fühlen, und zum Glück gibt es fröhliche Menschen, denn Gott mag fröhliche Menschen.
Aber im Innern weisst du, dass die Welt nicht in Ordnung ist, und dass das auch zu einem winzigen Teil deine Schuld ist. Die Bibel verschweigt das nicht. Sie ist ein ehrliches Buch. Und so enthält sie nicht nur die Wahrheit über Gott und seinen Plan, sondern auch die Wahrheit über uns Menschen. Die Bibel sieht den Menschen so, wie er ist, nämlich bedürftig, gerettet zu werden. Ich Mensch bin unvollkommen, böse manchmal und eigensinnig, aber immer verletzlich und bedürftig nach Liebe und Rettung. Bedürftig, daß jemand kommt und mir sagt: Komm, es wird alles gut. Oh ja, die Bibel ist ein ehrliches Buch. Sie wagt, die ernstesten Fragen zu stellen, die das Leben überhaupt stellen kann: Gibt es einen Gott? Wo gehe ich hin, wenn ich sterbe? Wie soll ich lieben? Und wie gehe ich mit meiner Angst um?
Die Bibel bietet Antworten auf diese unbequemen Fragen. Über tausend Jahre lang wurde an den Geschichten geschrieben, die heute die Bibel formen. Hunderte, wenn nicht tausende Menschen waren an diesem Schreibprozess beteiligt. Trotz dieser Vielfalt und eben auch Widersprüche haben alle Schriften einen zentralen Gedanken: Rettung durch den Glauben. Begonnen mit Mose in der einsamen Wüste von Arabien und beschlossen mit Johannes, dem Seher auf der einsamen Insel Patmos im griechischen Meer, hält ein Gedanke das ganze Buch zusammen wie ein roter Faden: „Sage meinen Kindern, dass ich sie retten will. Und sage ihnen, sie sollen keine Angst haben.“
Was für eine Wahrheit! Was für ein Ziel der Weltgeschichte! Diesen Zweck der Bibel zu kennen ist wie den Kompass auf die richtige Richtung zu eichen. Stelle ihn richtig ein, und vieles, was dir merkwürdig und unverständlich vorkommt, worüber du bisher immer den Kopf geschüttelt hast, wird plötzlich klarer. Versuch es doch einmal, lies noch einmal. Amen.
Jan Freiwald, 12.10.2008
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