Herr, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen! Du bist stärker als ich und hast den Kampf gewonnen. Und nun werde ich lächerlich gemacht – tagaus, tagein; alle verhöhnen mich! Denn sooft ich das Wort ergreife, muss ich schreien: »Gewalt und Zerstörung erwarten euch!« Deine Botschaft bringt mir nichts als Hohn und Spott. Wenn ich mir aber vornehme: »Ich will nicht mehr an Gott denken und nicht länger in seinem Namen reden«, dann brennt dein Wort in meinem Herzen wie ein Feuer, ja, es glüht tief in mir. Ich habe versucht, es zurückzuhalten, aber ich kann es nicht! Ich höre viele hinter meinem Rücken tuscheln: »Von ihm hört man nichts als Schreckensmeldungen! Zeigt ihn an, wir wollen ihn verklagen!« Alle, denen ich ver-traut habe, lauern darauf, dass ich zu Fall gebracht werde. »Vielleicht lässt er sich hereinlegen, dann ist er uns ausgeliefert, und wir können uns an ihm rächen!«, sagen sie. Aber du, Herr, stehst mir bei wie ein mächtiger Held! Darum werden meine Fein-de stürzen und nicht gewinnen. Nein, es wird ihnen niemals gelingen! Unvergesslich und groß wird ihre Schande sein! Herr, allmächtiger Gott, du prüfst die Menschen, die nach deinem Willen leben, du kennst sie ganz genau. Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen! Dir habe ich meine Sache anvertraut. Singt für den Herrn und lobt ihn! Denn er rettet den Armen aus der Gewalt boshafter Menschen. (Jer 20, 7-13)
Liebe Schwestern und Brüder, ich werde lächerlich gemacht taugaus, tagein, und alle verhöhnen mich, spricht der Prophet Jeremia und kotzt sich mal so richtig aus vor seinem Gott. Wie schwer ist es doch, von Gott zu reden, wenn es keiner hören will. Kommt Ihnen das bekannt vor? Glaube ist ja mittlerweile eine richtig peinliche Angelegenheit. Man kann heute über alles reden und posten von Hämorrhoiden bis Silikonimplantate, aber versuchen Sie mal, einen Menschen hier zu überreden, aus dem Stand über seinen eigenen Glauben zu sprechen oder gar frei und öffentlich zu beten. Dafür bezahlt man lieber Menschen in schwarzen Kleidern.
„Ach, und du glaubst das alles also wirklich?“ höre ich manchmal, wenn ich bekenne, eben so ein Mensch im schwarzen Kleid zu sein. Und ich kann förmlich die Gedanken meines Gegenübers hören, was „das alles“ meint: Die Erde ist eine Scheibe. Darunter lodert die Hölle. Hoch droben ein alter, weißer Mann mit Bart, der seinen Sohn ermorden lässt. Kreuzzüge und Hexenverbrennungen waren einfach super. Verhütungsmittel und Homosexualität nicht. Und so weiter. Wie gesagt: Ich kann die Gedanken hören. Laut ausgesprochen werden sie mir gegenüber meistens nicht. Pfarrerskinder bekommen da schon mehr mit. Meine Tochter wurde einmal gefragt, ob ich als Pfarrer denn Kinder haben dürfe. Sie darauf schlagfertig: „Nein, ich werde immer unter die Treppe gesperrt, wenn Besuch kommt.“
Wer anno 2026 sich zum Glauben bekennt, steht unter Rechtfertigungsdruck. Entweder muss er der Welt beweisen, kein verklemmter Volltrottel zu sein oder im Mittelalter stecken geblieben. Das ist manchmal anstrengend. Anstrengend, nicht weil sich die Menschen an der biblischen Botschaft reiben (das wäre ja noch eine interessante Diskussion!). Sondern weil sie überhaupt keinen Gedanken verschwenden an so etwas wie Gott und Glaube. Die Mehrheit der Menschen in unserem Land kann man als apatheistisch bezeichnen. Darin steckt Apathie, Teilnahmslosigkeit. Die Menschen haben aufgehört, nach einem übergreifenden Sinn des Lebens zu fragen. Sie suchen stattdessen ihren eigenen Sinn im Leben. Vor zwei Jahrzehnten noch sprach man, Sie erinnern sich vielleicht, von einem Boom des Religiösen. Jeder Mensch sei eben irgendwie religiös, das Suchen nach etwas, das größer ist als er, sei ihm angeboren. Und vor zwanzig Jahren haben die Leute dann auch tatsächlich alles Mögliche an Religiösem ausprobiert und sich ihren Glauben zusammengebastelt, was ihnen gerade plausibel erschien.
Das hat aufgehört. Man bastelt nicht mehr an seinem Glauben. Man glaubt überhaupt nicht mehr. Das gesamte religiöse Koordinatensystem, dass der Mensch einen Gott über sich hat, dem er verantwortlich ist, mit dem er kommuniziert und der ihm hilft oder ihn womöglich straft – all das wird nicht mehr verstanden. Zumindest von einer steigenden Anzahl von Menschen, besonders der jetzt unter Vierzigjährigen. Das Leben wird als so kurzlebig und zufällig erlebt, dass es gar keinen Sinn hat, darin nach einem roten Faden oder gar einen übergeordneten göttlichen Plan zu sehen. Man kann sagen: die Schnelllebigkeit unserer Zeit erzieht den Menschen seine religiösen Gedanken ab. Das Leben wird als episodisch erfahren, aus lauter kleinen Geschichten zusammengesetzt. Und wenn man Glück hat, schenkt es einem Erfüllung, macht im Idealfall auch noch Spaß. Aber das ist es dann auch. Leben im Kurzzeittakt.
Wozu soll man da glauben? Warum sich nicht einfach einreihen in das Heer der Fraglosen und Spötter, der Apatheisten, für die es nichts anderes gibt als das tägliche Leben mit seinen Herausforderungen? Warum die Stimme erheben für einen Gott, von dem niemand hören will, und sich dabei den Mund verbrennen?
Vor über 2 ½ Jahrtausenden wird sich der Prophet Jeremia ähnliches gedacht haben. Er wächst in eine Gesellschaft hinein, die politisch und geistlich im Niedergang ist ist, er sieht die Armut und das Unrecht, er sieht, wie Israel außenpolitisch auf eine Katastrophe zusteuert, prangert an, klagt, warnt. Niemand hört ihm zu. Er wirft den Ältesten ein Tongefäß vor die Füße: Genauso wird Jerusalem in Trümmer gehen! Keiner nimmt ihn ernst. Im Gegenteil: Alle machen sich über diesen tragischen Himmelskomiker lustig. Und irgendwann hat Jeremia genug, er resigniert und verflucht den Tag, an dem er geboren wurde. Er fühlt sich ausgestoßen von einer Welt, die weder nach Gott noch nach Gerechtigkeit fragt. Ich muss nur Jammer und Herzeleid sehen... Burnout eines Propheten, von Mensch und Gott verlassen, zuletzt noch von der Tempelpolizei gefoltert und über Nacht an den Pranger gestellt. Warum Glauben? Warum sich nicht ins Heer der Fraglosen und Spötter und Apathischen einreihen und es sich einfach gemütlich machen auf Erden? Augen auf, bei der Berufswahl, Bruder Jeremias.
Propheten, liebe Schwestern und Brüder, gibt es übrigens heute auch noch. Man nennt sie aber nicht mehr so, sondern Influencer. Das hat auch nichts mit Influenza zu tun, sondern heißt schlicht "Beeinflusser". Von vielen Jugendlichen übrigens als Traumberuf angesehen. Anders ist nur, dass diese Influencer keiner Stimme aus dem Himmel folgen. Sie sind keiner übergeordneten Wahrheit verpflichtet, sondern nur ihren Followern und wenn's gut geht noch ihrem Gewissen. Sie suchen nach Trends und Strömungen und verstärken diese oder setzen sie. Und dabei schauen sie immer dar-auf, was die Leute hören wollen. Das ist wichtig, denn es entscheidet über Erfolg oder Mißerfolg. Anders die Propheten Israels. Sie waren tatsächlich auch Influencer, aber sie redeten den Menschen ins Gewissen und nicht nach dem Mund. Sie scherten sich nicht um Likes oder Klicks und forderten Gottes Willen ein, den keiner hören wollte.
Herr, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen, jammert Jeremias. Du hast mich verleitet, gegen den Trend zu sprechen, dass jeder nur das macht, was ihm nützt, und nicht fragt, was dein Wille sei. Deine Botschaft bringt mir nichts als Hohn und Spott. Ich will nicht mehr in deinem Namen predigen, will nicht mehr verlacht werden, ich will mich einreihen in das Heer der Fraglosen und Spötter und Apathischen. Kommt Ihnen das bekannt vor?
Und dann plötzlich die Wendung: "Aber du, Herr, stehst mir bei wie ein mächtiger Held, darum werden meine Feinde stürzen und nicht gewinnen. Herr, allmächtiger Gott, du prüfst die Menschen, die nach deinem Willen leben, du kennst sie ganz genau. Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen! Dir habe ich meine Sache anver-traut. Singt für den Herrn und lobt ihn! Denn er rettet den Armen aus der Gewalt bos-hafter Menschen."
Woher dieser neue Drive? Jammern war gestern. Was sich bei Jeremia zuerst nach wilden Rachephantasien anhört, ist in Wirklichkeit neu aufkeimende Sehnsucht nach Gerechtigkeit. „Vergeltung“ kann man auch mit „Ahndung“ übersetzen. Unrecht muss geahndet werden. Sie sollen nicht davonkommen, die Menschenfeinde, die Trumps, Putins und Chameneis. Aber Jeremia überlässt Gott die Ahndung des Unrechts: Lass sie nicht davonkommen! Das heißt, er bewahrt das Einzige, was ihm bleibt: die Hoffnung. Er kann nicht anders. Weil ohne diese Hoffnung nicht nur er sein Leben verliert. Weil ohne diese Hoffnung auf Gerechtigkeit das Unrecht aus dem Blick gleitet. Nur wer hofft, kann den Blick auf diese Welt aushalten. Nur wer hoffen kann, kann Hoffnung verleihen. Darum Glauben: Wir schulden ihn dieser Welt.
Der heutige Sonntag nennt sich Okuli: Augen, benannt nach dem ersten Wort des Wochenpsalms 34: Die Augen des Herrn merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien. Nicht wir sind es, die nach Gott suchen oder eben nicht mehr suchen, sondern Gott ist es, der uns sieht. Hoffen und beten wir, dass es immer Menschen geben wird, die diesen Blick bemerken und erwidern. Hoffen und beten wir, dass es immer Propheten geben wird, also Menschen wie wir, die von Gott reden und das Bewusstsein über ihn wachhalten. Und dass Gott sich Gehör verschafft, wie taub die Menschen auch sein mögen, durch seinen Sohn Jesus Christus und den Heiligen Geist, den größten Influencer aller Zeiten. Amen.
- Jan Freiwald, 8.3.26
