Aktuelle Predigt

Karfreitag

Allmächtiger! Das, liebe Gemeinde, ist wohl der bedrohlichste, erscheckendste Name, den wir Menschen dem Geheimnis der Welt auferlegt haben. Aber er ist ein Hoffnungstitel, ein Vertrauensschrei. Kein theoretischer Begriff, kein Griff in die theologische Kiste, sondern ein Rufwort. »Allmächtiger!« - »Großer Gott!« Wenn wir so rufen, sind wir ohnmächtig, erschüttert, verzweifelt, sind nur noch bedürftig. Gegen uns ballt sich Macht zusammen, die kaltes Grausen ist und die uns schier verschlingen könnte, wenn nicht, ja wenn nicht Gott darin vorkommt.


Wie Gott mit dem Leiden zusammenhängt, das ist wohl die religiöse Frage, die sich, wenn wir in die Welt schauen, am häufigsten stellt. Sie drängt sich geradezu auf: Wo ist Gott, wenn hier bei mir Schreckliches passiert?
Eine Frau, etwa um die fünfzig, kann es nicht verarbeiten, daß ihre einzige Tochter und die Enkelin bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Sie konnten nichts dafür, auf der Landstraße kam ihnen einer entgegen, der grade in der Kurve ein anderes Auto überholte. Sie hatten keine Chance. Alles ging zu schnell. Und die-se Frau steht vor mir, noch nach fünf Jahren, und ballt die Fäuste und ruft: "Herr Pfarrer, warum hat Gott mir das angetan? Jede Nacht hadere ich und frage ihn, aber er antwortet nicht. Wenn er doch alles kann, wenn er allmächtig ist, warum hat er das nicht verhindert?" Und sie fügt hinzu: "Das ist kein Gott für mich. Ich geh auch nicht mehr in die Kirche seitdem."
An dieser Stelle kann man nichts mehr sagen. Wie soll man dieses Leid mit Gott zusammenbringen? Wie paßt das zusammen: der "liebe" Gott zeigt sich dieser Frau, indem er ihr unsagbares Leid zumutet? Es ist gerade so, als ob Gott das Leiden selbst schickt. Da hängt einer am Kreuz hingenagelt, ist praktisch am Verenden wie ein Tier, unschuldig ist er, aber was nützt ihm das! Und er hatte noch Glück; er hing nur sechs Stunden da oben, bei anderen dauerte das mehrere Tage! Am Ende schreit er seine Angst heraus und vielleicht auch seine Enttäuschung über den Gott, auf den er vertraut hat: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?"


Und Gott hält stille. Nicht einmal hier bei seinem eigenen Sohn greift er ein, greift dem Rad in die Speichen, ruft Halt! oder läßt ein Wunder geschehen, daß das Schreckliche nicht passiert. Wir sind ja immer schnell dabei zu wissen, was Gott am besten tun sollte: die Umweltkatastrophe abwenden, Völkermord verhindern und die Schuldigen bestrafen, die Arbeitslosigkeit abschaffen und mir die Gesundheit erhalten, wenigstens noch für einige Zeit. Auch die Schaulustigen unter dem Kreuz haben einen guten Rat für Gott parat: Steig doch herunter! Wenn du der Sohn Gottes bist, dann mußt du dir ja wohl selbst helfen können!
Doch Gott greift nicht ein. Ebensowenig wie bei der Frau, genausowenig, wie er es so oft in der Menschheitsgeschichte, bei den vielen Katastrophen, im Persönlichen wie im Globalen, getan hat. Und dagegen nun gilt es zu bekennen: Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen! Wir bekennen es jeden Sonntag im Glaubensbekenntnis, haben es auch heute wieder getan. Ich glaube, daß Gott allmächtig ist, daß er in allem mächtig ist. Also ist er auch im Leiden mächtig, also ist er auch dann mächtig, wenn Gefahr droht und wenn die Angst dich überfällt, bis es ringsherum nur Finsternis ist.
Im Bild gesprochen: Das Böse ist keine Gegenmacht, nichts, was von Gott getrennt wäre. Sondern es ist Gottes Schatten. Letztlich hat auch das Böse mit Gott zu tun, hat Gott mit dem Bösen zu tun und zu kämpfen. Das lateinische Wort für Gott, »deus«, oder das französische »dieu«, haben die gleiche Wurzel wie das englische »devil«, Teufel. Gott umschließt auch das Dunkle, auch den Tod, auch das Böse.
Darum: »Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, weder Fürsten, Mächte, Gewalten, Leben, Tod.« Das glauben, darin sich bergen. Alles, auch das Schmerzhafte, auch das schwarze Loch, in das du fällst, noch glauben als eine Schicht in Got-tes Schöpfung. Als seiner Macht unterworfen, die das Geheimnis der Welt ist.
Wir wollen es immer genau wissen, wie diese Macht wirkt. Wir wollen sehen, wo Gott eingreift, wo er Dinge geschehen läßt oder verhindert. Einmal seine Allmacht am Werk sehen, aber so richtig! Doch das Geheimnis seiner Macht ist, daß sie leise wirkt. Du hörst sie nicht und siehst sie nicht. Wie ein Kind, das langsam wächst: du siehst es nicht. Aber irgendwann ist es groß. Gottes Macht wirkt leise, und darum können wir uns ihr auch immer wieder entziehen. Seine Härte ist, daß er uns nicht zwingt.
Gottes Allmacht aber zwingt uns nicht, weil es eine liebevolle Macht ist. Liebe ist der Motor und der Sinn der Welt. Wegen seiner Liebe hat Gott das alles geschaffen, und lässt uns auch Zeit, hier in unserem Leben Liebe zu lernen. Aber Liebe lernt man nicht einfach so. Beiläufig. Nicht im beiläufigen, mich gleichsam nicht betref-fenden Hergeben, sondern dort, wo sie mich etwas kostet. Dort, wo ich etwas von mir hergebe. Wer unter euch groß sein will, der sei der Diener aller. Liebevolle Macht überfährt nicht, sondern es geht ihr um den anderen, um seine Freiheit und um seine Würde. Liebevolle Macht verzichtet auf die Übermacht, sie läßt den Willen des anderen gelten, läßt zum Beispiel einem Kind seinen Willen, bis zu einem gewissen Punkt, auch wenn es gerade dabei ist, Unsinn zu machen.


Ob Jesus genau deswegen sterben musste? Nicht weil er einen Rabenvater hatte, dem es egal war, was mit seinem Sohn geschah, sondern weil Gott um der Liebe zu seinen Kindern willen auf seine Macht verzichtet hat? Nur dann könnten wir sagen, daß Jesus alles Leiden der Welt getragen hat: weil nämlich in ihm Gott gezeigt hat, wie er mit der Welt und den Menschen umgeht und immer umgehen wird: als liebe-voller Vater, der uns Menschen gelten läßt, auch wenn unser Dichten und Trachten nur böse ist von Jugend auf. Auf Bosheit antwortet Gott mit Liebe, auf Gewalt ant-wortet er mit Machtverzicht. Das Leiden wischt er nicht weg, sondern leidet es mit.
Und Leid auszuhalten, das ist kein Zeichen von Schwäche. Vor dem Leid anderer nicht wegzulaufen, es nicht abzuschieben oder anderen aufzuhalsen, dazu brauchst du viel Kraft. Mitaushalten, pflegen und heilen ist schwerer als davonlaufen. Gottes Kraft und Macht ist so groß, daß sie alles Leben mitaushält mit den unendlich vielen Menschen der Geschichte und vor allem mit denen, die viel Leid ertragen müssen. Er hat all unsere Sünde getragen und ans Kreuz gehängt.
Zur Allmacht Gottes gehört also nicht nur, daß er alles kann, sondern vor allem, daß er alles ertragen kann. Und das muß er, denn in allem, was wir Menschen einander zufügen, leidet er mit. Auf ihn fällt zurück, was wir verderben. Er haftet für die Fehler seiner Menschen. Und das ganz leibhaftig, siehe Jesus. Gott, die Seele der Welt, weint in jedem ungestillten Säugling, in jedem ungetrösteten Alten, in jedem Flüchtling, dem die Angst ins Gesicht geschrieben steht. Gott ist noch mit dem Bö-sen beschäftigt. Ob er es am Ende schaffen wird, es zu besiegen? Daß er sein Reich aufrichten kann, in dem »kein Leid noch Geschrei noch Schmerz mehr sein wird, denn das Erste ist vergangen.«? Gäbe es Ostern nicht, wir müssten wohl an dieser Frage verzweifeln. Dass er das Leben will, hat er bewiesen am Ostermorgen, drei Tage nach Karfreitag. Drei Tage nur.


Und warum jetzt noch soviel Leid? Warum läßt Gott das zu? Wir können es nicht beantworten. Aber glaubend an Gott, den Allmächtigen, sähen wir uns gefragt: Wa-rum durch mich soviel Leid? Und sähen uns vollauf damit beschäftigt, die Schmer-zen zu lindern und Unrecht zu mildern, wo wir es sehen. Und danken müßten wir ohne Ende für die vielen wunderbaren Menschen, die mit Klugheit und Beschwerden und Mühen ihr Leben bestehen und trotzdem noch fragen: Wo kann ich anderen et-was Gutes tun? Für alle Menschen, die versuchen, ihr kleines Stückchen Macht und Möglichkeit so einzusetzen, daß es vom Tod zum Leben führt statt immer nur andersherum. Nicht Beziehung abbrechen, sondern vergeben und neu stiften. Nicht auf Kosten des anderen leben, sondern zugunsten. Je mehr wir ihm helfen, desto größer wird Gottes Allmacht.


Und wenn es mich trifft? Wenn ich in den Strudel von Unglück, Krankheit, Tod, hineingerate, bis unter mir die Erde bebt und Finsternis über das Land kommt, so weit ich sehen kann? Vielleicht schaffe ich es zu glauben, daß dann Gott mir beson-ders nahe ist, und daß schon ein Engel unterwegs ist, mich zu trösten. Er wird eine Antwort für dich finden. Und sie wird dich wieder aufrichten. Manchmal dauert das nicht einmal drei Tage. Amen.

 

Jan Freiwald, 19.04.2019