Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
auf die Plätze, fertig, los, so mag es bei euch heute früh zugegangen sein, als der große Tag endlich da war. Die Gäste sind da, alles vorbereitet, die Frisur in Ordnung – und jetzt kann es losgehen. Das Bild auf eurem Liedblatt fängt diesen Moment ein: ein Startblock, wie ihn Läuferinnen und Läufer benutzen. Als es solche Blöcke noch nicht gab, hatte man in die Bahn einfach Löcher gemacht, in die man seine Füße stecken und sich beim Start abstoßen konnte. Das waren die Startlöcher.
Ihr steht in den Startlöchern. Man sieht es euch an. Gestylt und vorbereitet, konzentriert und mit ziemlich hohem Pulsschlag, so wie Läufer vor dem Start. Ihr steht in den Startlöchern zu einem hoffentlich wunderschönen Tag, aber auch zu einem hoffentlich wunderschönen und erfüllten Leben. Das ist so mit solchen Festen im Leben, sie markieren Übergänge, sie geben ihnen Form und Bilder, an die man sich später erinnern kann.
Bei der Konfirmation ist es der Übergang ins Erwachsenenalter. Es stimmt schon und ist nicht zu übersehen: Ihr steht an der Schwelle zum Erwachsensein, und ferne Verwandte, die euch vielleicht länger nicht gesehen haben, werden sich heute früh verwundert die Augen gerieben haben: Seid ihr das wirklich? Es ist doch gar nicht lange her, da wart ihr noch Kinder, und eure Eltern sehen euch noch vor sich zwischen Puppen und Autos, zwischen dicken Tränen über ein aufgeschlagenes Knie und einer Schniefnase, mit kleinen Gummistiefel zum in die Pfützen Springen und mit Unmengen an Nudelsauce im Gesicht. Das ist noch nicht lange her.
Aber wie es so ist mit allen Phasen im Leben: Man muss sie irgendwann hinter sich lassen. Und ihr seid gerade kräftig dabei. Dass das nicht ohne Reibereien abgeht, werden eure Eltern bestätigen, die gerade in eurem Alter immer schwieriger werden. Erwachsenwerden ist nicht einfach. Ihr habt euren eigenen Kopf, und den müsst ihr auch haben, um neue Wege zu gehen. Ihr sollt nicht so werden wie eure Eltern. Die gibt's nämlich schon. Aber bei all dem Neuen, das auf euch einprasselt, fühlt ihr euch manchmal sehr auf euch allein gestellt und einsam, wie eine Läuferin oder ein Läufer auf der Bahn. Manchmal aber eben auch wie ein Champion, der platzt vor Energie, dem die Welt offensteht, der allen davonsprintet und alles kann. Außer Spülmaschine ausräumen und den Müll rausbringen natürlich.
Wir feiern Konfirmation, weil wir glauben, dass Gott genau das von uns will, nämlich dass wir loslaufen, die Welt entdecken und erwachsene und mündige Menschen werden. Und dass er uns dabei hilft. Sein Segen, den ihr heute bekommt, ist das Zeichen dafür. Er ist, wie es meistens mit den wirklich wichtigen Dingen ist, unsichtbar. Auch heute an diesem Fest ist das Wesentliche unsichtbar. Nehmt alle Vorbereitung, alle Reden, die heute auf euch gehalten werden, was es zu essen gibt, die Geschenke, nehmt allen Aufwand, den eure Eltern und Verwandten und Freunde in den letzten Wochen und Tagen für euch betrieben haben, als Symbol ihrer Liebe. Das ist das Wesentliche. Nehmt all das Äußere heute als Symbol für diesen einen Satz: "Ich liebe dich." Das sagen euch eure Eltern hoffentlich mehr als regelmäßig. Wenn nicht, wäre heute ein guter Zeitpunkt, damit anzufangen. Ich liebe dich, du pubertärer Knallkopf. Liebe dich, auch wenn dein Hirn gerade neu verdrahtet wird und dein Zimmer einem Übungsstand für Granatenabwürfe gleicht. Ich liebe dich.
Nichts anderes will der Segen, den ihr heute bekommt, sagen. Gott sagt: Ich liebe dich. Ich bin für dich da. Ich halte dich auch in deiner Dunkelheit, halte sogar deine Tränen und dein Schweigen aus. Wenn dir alles zu viel wird und du nicht mehr weiter weißt. Denn das Leben geht nun mal nicht in eine Richtung, so wie auf dem Sportplatz, sondern kreuz und quer mit Abzweigungen und Umwegen. Hab keine Angst, denn ich segne dich und ich werde dich segnen, so oft du es brauchst.
Stellt euch mal vor, ihr lauft die vierhundert Meter auf der Aschenbahn. Ihr seid schon halb herum, und plötzlich kommt eine Abzweigung. Das wäre wohl der Alptraum jedes Sportlers. Aber so ist das Leben. Willkommen in der Wirklichkeit. Zu einem gereiften Leben gehört unendlich viel Schönes, aber auch die Erkenntnis, dass es Abgründe gibt, dass wir nicht immer alles in der Hand haben, dass es uns manchmal fassungslos macht, traurig, überfordert. Erwachsene wissen das. Zumindest, wenn sie erwachsen geworden sind. Und ihr wisst das auch schon zu einem guten Teil. Vieles wird von euch schon verlangt an Entscheidungen. Aber was, wenn ich die falsche Ent-scheidung treffe, den falschen Abzweig nehme? Und dazu die dauernde Angst, dass die anderen an mir vorbeiziehen und ich zurückbleibe.
Aber zum Glück kommt es im Leben ja nicht darauf an, wer als erster das Ziel erreicht. Es geht eher darum, welcher Kraft man vertraut, dass sie einen zum Ziel bringt. Lasst darum die anderen euch ruhig überholen. Um so früher geht ihnen die Puste aus. Ihr geht mit dem Segen Gottes! Und Gottes Segen, das ist wie der Rückenwind, den alle Läuferinnen und Läufer so lieben. Oder wie es eine berühmte Nonne, Teresa von Avila, vor fünfhundert Jahren gesagt hat: "Gott und ich, wir zusammen sind immer in der Mehrheit."
Es hat übrigens schon mal einen gegeben, der so wie ihr in den Startlöchern stand und einen Weg vor sich hatte, von dem er noch nicht wusste, wohin er ihn führen würde. Das war Josua, der Nachfolger von Mose, der das Volk Israel ins gelobte Land geführt hat. Und Gott hat zu ihm einen Satz gesagt, den er heute auch zu euch sagt: Sei mutig und stark und hab keine Angst! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst. Ich würde sagen, das ist ein guter Plan fürs Leben: Mutig und stark zu sein und keine Angst zu haben. Das wird nicht immer klappen, denn das Leben ist manchmal doch ernster als ein Sportwettkampf. Aber das Versprechen an Josua, das gilt auch für euch: Verliere niemals den Mut, sagt Gott, du kannst mutig sein und stark, denn ich bin bei dir, wohin du auch gehst.
Und so wünsche ich euch, dass ihr euch diesem Mut bewahrt, dass ihr vertraut in eure Fähigkeiten und in Gott, der euch segnet. Dass ihr immer könnt, was ihr können müsst, und euren eigenen Weg findet. Zieht einfach los! Ihr könnt sicher sein, dass der Segen Gottes mit euch geht. Amen.
- Jan Freiwald, 3.5.26
